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Türkische Männer: "Ein Ehrenmann schlägt seine Frau nicht"

Der Psychologe Kazim Erdogan hat in Berlin die erste türkische Männergruppe gegründet. Dort lernen Machos, bessere Väter, Gatten und Freunde zu werden. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der 55-Jährige über die Last arrangierter Ehen, gekränkten Stolz und den Wandel des Ehrbegriffs.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor zweieinhalb Jahren die erste Vätergruppe gegründet, inzwischen gibt es davon acht. Was führt die türkischen Männer zu Ihnen, Herr Erdogan?

Kazim Erdogan: Eine Reihe von Niederlagen. Wenn sie zu mir kommen, sind sie meist ziemlich am Ende. Sie haben Trennungen hinter sich, Scheidungen, Schlammschlachten vor Gericht. Sie sind nervös und durcheinander. Meist haben sie durch Freunde und Bekannte von der Gruppe gehört. Zu Anfang musste ich noch durch die Kaffeehäuser ziehen, um Teilnehmer zu finden. Das ist nun nicht mehr nötig.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich, dass heute viele türkische Ehen kaputtgehen? Die Türken in Deutschland gelten doch immer noch als eher traditionell.

Erdogan: Viele Paare kennen sich kaum, wenn sie heiraten. Oft haben die Eltern die Ehe arrangiert, Importbräute oder Importbräutigame kommen manchmal erst kurz vor der Hochzeit nach Deutschland. Wenn man sich dann näher kennenlernt, merkt man schnell, dass es nicht passt. Nach ein paar Jahren zerbricht dann die Beziehung, meist gibt es ein paar Kinder, die darunter leiden.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen die Männer damit um?

Erdogan: Die meisten drehen erst einmal durch, wenn ihre Frau sie verlässt. In der Regel gehen ja die Frauen, und die Männer fallen aus allen Wolken. Dabei hätten sie eigentlich mit einem Ende der Beziehung rechnen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Erdogan: Viele überfordern ihre Frauen total. Sie soll waschen, kochen, putzen und bitte alle Befehle befolgen. Das machen heute aber immer weniger Frauen mit, sie sind selbstbewusster geworden, sehen in Zeitungen und Fernsehen, dass es auch anders geht.

SPIEGEL ONLINE: Die Frauen sind schon in der Gegenwart angekommen, während die Männer noch in der Vergangenheit leben?

Erdogan: Die Männer müssen erkennen, dass das 21. Jahrhundert angebrochen ist. Sie müssen lernen, dass sie weder mit ihren Frauen noch mit ihren Kindern so umgehen können wie ihre Vorfahren. Das versuche ich ihnen in der Vätergruppe beizubringen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fehler passieren denn in der Kindererziehung?

Erdogan: Sie stellen Regeln auf und bestrafen ihre Kinder - aber sie sprechen kaum mit ihnen. Manche wissen nicht einmal den Namen der Schule. Die sagen, mein Kind geht in einen Backsteinbau. In der modernen Welt aber müssen sie in der Kindererziehung am Ball bleiben, sie müssen wissen, wie es mit den Lehrern und Freunden läuft. In Neukölln lauern so viele Gefahren: Drogen, Gangs, falsche Freunde.

SPIEGEL ONLINE: Darum kümmern sich aber nur die Frauen?

Erdogan: Sie sind in den traditionellen, türkischen Familien für das tägliche Leben zuständig. Wenn dann die Ehen auseinandergehen, ziehen sie die Kinder meist alleine groß, und die Väter stehlen sich aus der Verantwortung. Gerade türkische Jungs brauchen aber ihre Väter, um zu lernen, dass es Grenzen gibt, die auch eingehalten werden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten eben "meistens wachsen die Kinder bei den Frauen auf" - gibt es auch alleinerziehende Väter?

Erdogan: Wir haben einige Väter in der Gruppe, die ihre zwei, drei Kinder alleine groß ziehen. Für die ist es am Anfang doppelt hart. Immerhin helfen oft die Großeltern.

SPIEGEL ONLINE: Spielen Ehre und Gewalt in diesen Gesprächen eine Rolle?

Erdogan: Wir reden darüber fast jeden Montag. Wir haben am Anfang unserer Sitzung immer eine Viertelstunde, in der jemand ein Thema vorschlagen kann. Oft spricht dann ein Mann irgendeine Gewalttat im Bekanntenkreis an, manche schildern auch eigene Aggressionen. Es ist für sie nicht einfach, ihre Frauen mit neuen Partnern zu sehen. Wir versuchen dann gemeinsam, denjenigen zu beruhigen. Und ich sage ihm dann immer, dass seine Ehre nicht von der Treue seiner Frau oder der Keuschheit seiner Tochter abhängt, sondern ganz allein von seinem Verhalten. Ein Ehrenmann rastet nicht aus und schlägt auf seine Frau ein.

SPIEGEL ONLINE: Es ist ein gängiges Vorurteil, dass türkische Männer sich nicht im Griff haben.

Erdogan: Damit haben die Väter immer zu kämpfen. Auch in den Behörden herrscht das Bild des brutalen, türkischen Mannes vor. Mit diesen Klischees wird man nicht leicht fertig. Wenn es zum Beispiel in einem Sorgerechtsstreit den Verdacht gibt, der Mann schlägt, sind die Kinder schnell weg. Viele Sachbearbeiter schenken den Geschichten der Frauen eher Glauben als denen der Männer.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erfolge können Sie nach zweieinhalb Jahren Vätergruppe verzeichnen?

Erdogan: Die Männer sind offener geworden, viel offener. Türkische Männer reden sonst nie über ihre Probleme, Ehekrisen oder Scheidungen dürfen in traditionellen Familien niemals gegenüber Freunden oder Bekannten thematisiert werden. Sie sind auch ruhiger geworden, haben Tricks und Kniffe gelernt, sich selbst in schwierigen Situationen im Griff zu behalten. Viele Männer erzählen mir, dass sie sich jetzt mit ihren Kindern und Enkelkindern besser verstehen als früher, auch mit der Ehefrau laufe es besser. Manche haben jetzt eigene Vätergruppen gegründet, um diese Erfahrungen weiterzugeben.

Das Interview führte Caroline Schmidt

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 81 Beiträge
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1. 21. Jahrhundert
Chekov, 28.04.2009
"Erdogan: Die Männer müssen erkennen, dass das 21. Jahrhundert angebrochen ist." Zeit wird's!
2. Die Männer müssen erkennen, dass das 21. Jahrhundert angebrochen ist ...
gaga007 28.04.2009
Ehrenmorde ... gab es in Deutschland vom 1. Januar 1996 bis 18. Juli 2005 insgesamt 55 solcher Morde und Mordversuche mit insgesamt 70 Opfern ... http://www.igfm.de/BKA-Studie-2006-Ehrenmorde-in-Deutschland.1165.0.html Da besteht noch ein sehr großer Handlungsbedarf und es ist Kazim Erdogan zu wünschen, dass seine Arbeit Erfolg hat !
3. Endlich bewegt sich was...
eikfier 28.04.2009
Zitat von sysopDer Psychologe Kazim Erdogan hat in Berlin die erste türkische Männergruppe gegründet. Dort lernen Machos, bessere Väter, Gatten und Freunde zu werden. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht der 55-Jährige über die Last arrangierter Ehen, gekränkten Stolz und den Wandel des Ehrbegriffs. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,621035,00.html
...hipphipp,Hurrah! Darauf habe ich seit ca.40Jahren gewartet,großartig dieser Kazim Erdogan und auch SPON, dieses gesellschaftlich ungemein wichtige Thema angepackt zu haben. Türkische Frauen rebellieren, türkische Männer müssen nicht mehr ehrenhalber auf ihre unbotsmäßigen Frauen einschlagen bzw. sogar ehrenmorden, sondern finden über Selbsterfahrung den DIALOG. Bin echt begeistert, auf meine alten Tage! DAS könnte auch langfristig der richtige Weg nach Europa werden, so rum könnte ein Schuh daraus werden...
4. Danke!
VisualTwo, 28.04.2009
Na endlich! Hoffentlich nehmen die türkischen Machos das Angebot auch an und fühlen sich nicht im Voraus in ihrer Ehre gekränkt.
5. Cool
wilde Socke 28.04.2009
Ich find's cool von meinen türkischen Mitmännern, dass sie sich in eine Männergruppe trauen. Ich (Deutscher) bin seit Jahren in Männergruppen, wo wir keinesfalls Socken stricken (altes Klischee), sondern uns gegenseitig in den Herausforderungen des Alltags unterstützen.
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