Radtour zwischen Russland und Ukraine Fahrradfahrt für den Betriebsfrieden

Der Ukraine-Konflikt spaltet die Belegschaft einer deutschen Firma. Die Zentrale in Moskau und die Filiale in Kiew feinden sich an. Ausflüge ins jeweils andere Land sollen die Mannschaften zusammenschweißen - kann das gelingen?

Von , Tschernihiw

SPIEGEL ONLINE

Alexander tritt in die Pedale, er kann die Grenze spüren, lange bevor sie in Sicht kommt. Die Trasse leert sich, der Gegenverkehr nimmt ab. Die Landstraße liegt einsam in der weißrussischen Ebene. Eine alte Bäuerin mit ihrem Pferdefuhrwerk blickt ungläubig hinterher: Was hat eine Radlergruppe hier im Niemandsland verloren? Noch dazu in den angespannten Zeiten des Ukraine-Konflikts?

In kurzen Hosen radeln 40 Männer und Frauen auf den Grenzposten zu, Russen, Weißrussen, Ukrainer und Deutsche. Der Ausflug ist ein Experiment, ein Versuch in Zeiten der Krise etwas Normalität herzustellen.

Alexander ist 31 Jahre alt und lebt in Moskau. Er arbeitet als Manager für eine Beratungsgesellschaft. Russia Consulting gehört einem deutschen Unternehmer und hilft Firmen aus dem Westen, sich zurechtzufinden in Osteuropa. Es gibt auch eine Filiale in Kiew, die Nöte ausländischer Investoren sind in der Ukraine ähnlich wie in Russland.

Der Ukraine-Konflikt hat zu Verwerfungen in der Belegschaft geführt. Bei seiner letzten Dienstreise nach Kiew wurde Alexander zwei Stunden lang von ukrainischen Grenzern verhört und nach Russland abgeschoben. Auf der anderen Seite musste neulich ein Treffen in Russland ohne die Teilnehmerin aus Kiew stattfinden. Bei der Einreise diskutierte sie so lange mit den russischen Beamten über die Annexion der Krim, dass der Inlandsgeheimdienst FSB sie in den nächsten Flieger zurück nach Kiew setzte.

Das Moskauer Büro strich Reisen nach Kiew und setzte stattdessen Telefonkonferenzen an. Als das Büro in Kiew eine Einschätzung zur Sicherheitslage abgab, konnte das die Moskauer Mitarbeiter nicht beruhigen. Die Kollegen in der Ukraine beschönigten die Realität, hieß es. Es war ein munteres Hin und Her - es wurde immer irrationaler.

Bis der Chef des Unternehmens, Ulf Schneider, die Radtour für seine Mitarbeiter organisiert. Zwei Tage im Herbst durch das ostslawische Dreiländereck. Der Start liegt in Weißrussland, die Strecke führt weiter über russisches Gebiet, das Ziel liegt in der Ukraine, aber sichere 700 Kilometer entfernt vom umkämpften Donezk. Eine Fahrt für den Betriebsfrieden, das ist der Plan.

"Fotos nur in Richtung des ukrainischen Territoriums"

Die Radfahrer nähern sich der Grenze. Erst kontrollieren weißrussische Beamte die Gruppe. Sie haben hinter ihrem Posten ein Blumenbeet angelegt und bunte Nistkästen in die Bäume gehängt. Die Grenzer haben Zeit: Nur drei Autos verirren sich am Vormittag an ihren Kontrollpunkt.

Dahinter gabelt sich die Straße: Links liegt Russland, rechts geht es in die Ukraine. Alexander macht Fotos von einem Denkmal. Es beschwört die Einheit von Russen, Ukrainern und Weißrussen, den slawischen Brudervölkern. Die Sowjets haben es in den Siebzigerjahren errichtet, drei wuchtige Betonsäulen, zusammengehalten von einem eisernen Ring. Jetzt steht das "Monument der Freundschaft" im Niemandsland.

Der russische Grenzschutz schickt einen misstrauischen Uniformierten zu den Radlern. Sie dürften Fotos nur in Richtung des ukrainischen Territoriums machen, das Verlassen der asphaltierten Straße sei bei Strafe verboten. Die Gruppe hat die Tour per Brief und Telefon beim FSB angemeldet, aber das hilft nichts.

Nach einer Stunde will der russische Grenzschutz wissen, "ob sich unter den Radfahrern auch ein Amerikaner befindet". Nach anderthalb Stunden taucht eine Bäuerin mit Mittagessen auf, sie verkauft Kartoffelpüree mit Buletten.

Über die politische Lage, über die Krise zwischen ihren beiden Nationen sprechen die Mitarbeiter nicht viel. Aber die Grenzerfahrung schweißt schon jetzt ein wenig zusammen. Offenbar sei es "ein unlösbares Problem, wenn wir in unser eigenes Land einreisen wollen", merkt eine junge Moskauerin schnippisch an.

Die Trennlinie verläuft quer durch viele Familien

Nach zwei Stunden lösen sich die Sicherheitsbedenken in Luft auf, erkennbar nicht nur zur Freude der Radfahrer, sondern auch der Grenzschützer. Die Männer setzen sich in einem Geländewagen als Eskorte an die Spitze der Fahrradkolonne, bis zur Grenzkontrolle der Ukrainer.

Ulf Schneider hatte schon Wochen zuvor einen ersten Ausflug nach Kiew organisiert. Erst sagten 25 Personen zu, dann sprang die Hälfte wieder ab, vor allem jüngere Mitarbeiterinnen aus Moskau. Ihre Eltern und Lebensgefährten hatten sie vor dem Trip in die Ukraine gewarnt.

Russland und die Ukraine sind seit Jahrhunderten eng verflochten. Die Grenze zwischen beiden Staaten ist an manchen Stellen nie offiziell demarkiert worden. Die Trennlinie zwischen beiden Völkern lässt sich kaum ziehen. Sie verläuft quer durch viele Familien. Jeder zweite Ukrainer hat Verwandte in Russland.

In der Abenddämmerung rollen die Räder weiter in Richtung Tschernihiw, einer ukrainischen Provinzstadt. Am nächsten Tag steht eine Stadtführung auf dem Programm, danach geht es weiter in die 150 Kilometer entfernte Hauptstadt Kiew.

Alexander sagt am Ende, die Reise habe ihm die Augen geöffnet. Es sei nicht alles so schlecht in der Ukraine, wie es in Moskau heiße. Die Stimmung in Kiew sei positiv, die Menschen seien "freundlich auch zu uns Russen".

Das macht ihn nachdenklich. Obwohl er den Kreml-Medien misstraue, habe die Propaganda dennoch auf ihn gewirkt, sagt Alexander, "unterbewusst und durch die Gesellschaft insgesamt". Er hat seine Mutter angerufen und ihr von seinen Eindrücken erzählt. Sie hat ihm zugehört und geantwortet, dass er recht hat.

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liquimoly 24.10.2014
1. Ein ganz schönes Mammutprogramm für 2 Tage
Die fahren doch nie im Leben die ganze Strecke in zwei Tagen.
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