Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ukrainer in Deutschland: Flüchtlinge, die niemand so nennt

Von , Bremen

Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine: Alleine in Deutschland Fotos
SPIEGEL ONLINE

Sie kamen für eine Woche und konnten nicht mehr zurück: Eine Gruppe junger Ukrainer ist in Deutschland gestrandet - wegen des Kriegs im Donbass, staatliche Unterstützung bekommen sie nicht. Über ein Leben ohne Perspektive.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die größte Meinungsverschiedenheit des Trios? Vielleicht die Frage, was von Bremen zu halten ist: "Wunderbar gemütlich", sagt Alexander in perfektem Deutsch; "ziemlich stressig und eng" ist die Stadt in Yanas Augen. "Einfach schön" sei Bremen aber in jedem Fall, wirft Alevtina ein - da nicken alle drei. "Bloß keinen Streit jetzt", fügt Alexander hinzu und nippt an seinem Kaffee. Alle lachen.

Harmonie ist den drei Ukrainern besonders wichtig, wenn sie sich treffen - so wie an diesem Wintertag in einem Bremer Café am Weserufer. Denn viel mehr als einander haben sie derzeit nicht: Vor anderthalb Jahren waren die angehenden Dolmetscher aus Donezk für eine siebentägige Studienreise nach Bremen geflogen, dann überrollte der Krieg zwischen Regierungstruppen und prorussischen Kämpfern ihre Heimat und versperrte ihnen den Weg zurück. Seitdem sitzen sie in Deutschland fest, ohne staatliche Unterstützung, ohne Familie, Freunde, Perspektive.

Yana Lysenko, Alevtina Artash und Alexander Starostin sind Opfer eines Krieges, den niemand so nennt, und einer Flüchtlingskrise, die kaum jemand kennt. Rund 6700 Menschen aus der Ukraine haben laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seit dem Ausbruch des Konflikts vor zwei Jahren in Deutschland Asyl beantragt. Die tatsächliche Zahl der Einwanderer aus der Ukraine ist vermutlich deutlich höher.

Die Ukraine ist derzeit Schauplatz einer weitgehend unbeachteten humanitären Krise: Seit der Konflikt mit prorussischen Kämpfern das Land zerrüttet, herrschen vor allem im umkämpften Gebiet Donbass schlimme Zustände: Fünf Millionen Menschen sind laut Europarat insgesamt in Not geraten, mehr als 2,4 Millionen haben nach Angaben des ukrainischen Sozialministeriums ihre Heimat verlassen.

Yana, Alexander und Alevtina waren im Juni 2014 noch Studenten der Universität Donezk im Studiengang Dolmetschen, nur einen Monat später waren sie plötzlich Flüchtlinge - auch, wenn sie sich selbst nicht so bezeichnen möchten. Damals zerstörte eine Buk-Rakete das Flugzeug MH17 über der Ostukraine und rund um Donezk flammten heftige Kämpfe auf. Die Studenten diskutierten bei Bremen gerade mit Altersgenossen in einer NS-Gedenkstätte über den Zweiten Weltkrieg und stellten ein Theaterprojekt auf die Beine, als die Eskalation des Konflikts ihnen den Heimweg versperrte.

So wurde aus ihrer Heimatstadt Donezk das Kriegsgebiet Donezk, ihr Studentenwohnheim sei nun von Separatisten besetzt und in eine Kaserne verwandelt worden. Die Austauschstudenten waren nun Heimatlose, ihre Zukunft ungewiss. "Wir sitzen in der Falle", sagte Alexander damals zu SPIEGEL ONLINE - und viel verändert hat sich daran nicht.

Suche nach neuen Perspektiven

Mittlerweile hätten 800.000 Ukrainer im Ausland Asyl beantragt, sagt Bettina Schulte von der Uno-Flüchtlingsorganisation UNHCR - darunter sind viele Kinder und Jugendliche. "Allein im Donbass sind derzeit 2,7 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen", so Schulte. Das ukrainische Sozialministerium registriert zudem 5000 weitere Migranten aus dem Osten des Landes - pro Monat. "Die Flüchtlinge können natürlich nur dann heimkehren, wenn sich die politische Lage im Donbass stabilisiert", sagt Schulte. Das gilt auch für Menschen wie Yana, Alexander und Alevtina.

Sie sind auf der Suche nach neuen Perspektiven im Großraum Bremen geblieben. Viele ihrer Freunde versuchen es inzwischen woanders: Katja, 19, leistet Bundesfreiwilligendienst in Hannover, Jewgenija, 19, ist Au-Pair-Mädchen in Wien, Anja, 23, macht ein Freiwilliges Soziales Jahr im norddeutschen Osterholz-Scharmbek. Die anderen treffen sich nach wie vor regelmäßig in Bremen, Alevtina und Yana haben eine WG gegründet, Alexander stößt aus dem nahen Worpswede oft dazu.

In Deutschland ist ihr Status völlig unklar. "Eine Behördenpraxis besteht bezogen auf Asylantragsteller aus der Ukraine aktuell nicht", teilte die Bundesregierung im Juni 2015 mit. "Einschlägige Rechtsprechung gibt es dazu bisher nicht."

Die Behörden wissen also nicht, was sie mit Menschen machen sollen, die der ukrainische Konflikt nach Deutschland gebracht hat. So gelten sie derzeit in Bremen als Studenten aus einem Nicht-EU-Land. Das bedeutet: Sie müssen ein Konto mit knapp 8000 Euro Guthaben vorweisen und erhalten keine Unterstützung als Asylbewerber, kein Hartz IV, kein Bafög, kein Kindergeld.

Stattdessen leben Alevtina, Alexander und Yana nun von Stipendien, Nebenjobs, Spenden. Mehr über ihr Leben erzählen sie hier:

Alevtina Artash (21)

"Ich war Anfang Juni noch mal in der Ukraine, aber natürlich nicht in Donezk: Die Professoren, die nicht mit den Rebellen zusammenarbeiten wollten, haben eine Exil-Universität in Winnyzja bei Kiew eröffnet. Dort habe ich die letzte Prüfung meines Bachelor-Studiums nachgeholt, damit ich hier in Bremen direkt mit dem Master anfangen kann. Im August kam dann mein Diplom aus der Ukraine, darüber war ich unglaublich glücklich - denn sonst hätte ich noch mal ganz von vorne anfangen müssen. Meine Mutter hat mir inzwischen auch einen Koffer mit persönlichen Dingen und Kleidung geschickt, ich bin ja nur mit Gepäck für eine Woche nach Deutschland gekommen. Dank eines Stipendiums studiere ich jetzt Sprachwissenschaft. Aber ich habe keine Ahnung, was ich später mal machen werde: In das Separatistengebiet kann ich nicht zurück, außerdem ist auch meine Mutter vor den Bomben in die unbesetzte Ukraine geflohen. Dort werde ich aber wohl auch keinen Job finden: Das ist für Ukrainer aus dem Donbass seit Ausbruch des Kriegs sehr schwierig. Ich habe trotzdem noch nicht den Wunsch abgehakt, zurückzugehen - auch, wenn das erst in zehn Jahren ist."

Alexander Starostin (21)

"Ich kam schon mit 15 an die Uni, für mein Leben gab es also schon ziemlich früh einen Plan: Nach dem Studium wollte ich Dolmetscher werden, am liebsten natürlich in der Ukraine. Jetzt fängt mein Leben nochmal von vorne an - und ich habe gelernt, keine Pläne mehr zu machen. Der Waffenstillstand zu Hause existiert nur auf dem Papier, sogar die Wohnung meiner Schwester wurde schon beschossen. Ich selbst war vor anderthalb Jahren für ein paar Wochen auf der Krim und während eines Waffenstillstands wenig später kurz in Donezk, um mein Bachelor-Diplom abzuholen. Dann habe ich zwei Praktika in einem Theater und in einer Kunsthalle in Niedersachsen gemacht, inzwischen lebe ich vor allem von Spenden. Im Studium beschäftige ich mich jetzt mit grenzüberschreitender Kultur und mit Minderheiten in der Kunst, und das passt gut: Ich weiß ja selbst sehr gut, wie es sich als Fremder in einem anderen Land anfühlt - und was es bedeutet, das bisherige Leben verloren zu haben."

Yana Lysenko (22)

"Einige meiner Verwandten leben noch in Donezk, aber meine Eltern sind nach Russland übergesiedelt. Dabei will ich aber betonen, dass sie nicht aus politischen Gründen dorthin gezogen sind. Meinen Vater habe ich seit mehr als anderthalb Jahren nicht gesehen, wir skypen aber regelmäßig. Im vergangenen Jahr war ich zweimal in der Ukraine. Einmal im Sommer, um in Winnyza meine Master-Prüfungen abzulegen, und einmal im Herbst, um meine Familie wiederzusehen. In Deutschland habe ich parallel zu meinem Fernstudium in einer Bildungsstätte nördlich von Bremen ein Praktikum gemacht. Mit meinem Praktikum war ich im August 2015 fertig und habe mich für einen Studienplatz an der Uni Bremen beworben. Mein Studiengang heißt Integrierte Europastudien. Dabei geht es vor allem um Osteuropa, ich lerne im Rahmen des Studiums auch Polnisch und Tschechisch, nebenbei gebe ich meinen Kommilitonen ein Russisch-Sprachtutorium. Später möchte ich auch noch Politik oder internationale Beziehungen studieren; natürlich auch, weil mich diese Themen persönlich betreffen. In die Ukraine zurückzukehren kann ich mir im Moment nicht vorstellen - weil das gesamte Donbass unter der Sowjetunion-Krankheit leidet."

Animation

Zusammengefasst: Hunderttausende Ukrainer haben wegen des Konflikts im Donbass ihr Heimatland verlassen. Viele sind auch nach Deutschland gekommen, manche eher unfreiwillig - so wie die Studenten Yana, Alexander und Alevtina. Die drei können nicht zurück in ihre Heimatstadt Donezk und bauen sich nun in Deutschland ein neues Leben auf. Das ist ziemlich schwierig, denn sie sind weder EU-Bürger noch anerkannte Flüchtlinge.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Ukraine-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: