Umfrage in Deutschland: Türken geben Staat Mitschuld an Neonazi-Terror

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Eine repräsentative Umfrage zeigt: Die Morde der Zwickauer Terrorzelle haben das Vertrauen türkischstämmiger Einwanderer in den Staat offenbar stark erschüttert. Klar wird aber auch, dass sie die Taten einer kleinen radikalen Gruppe zuordnen - und nicht der Mehrheit der Bevölkerung.

Reichstag in Berlin: Vertrauen türkischer Migranten in deutsche Politiker ist gering Zur Großansicht
dapd

Reichstag in Berlin: Vertrauen türkischer Migranten in deutsche Politiker ist gering

Hamburg - Rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland haben türkische Wurzeln. Welche Gefühle, Meinungen und Vorstellungen haben sie zur Mordserie der Zwickauer Neonazi-Zelle? Antworten auf diese Frage versucht eine gemeinsame Studie des Instituts für Migrations- und Politikforschung der Hacettepe-Universität Ankara sowie des Berliner Meinungsforschungsinstituts SEK-POL/Data4U zu geben. Demnach haben türkische Migranten das Vertrauen in den deutschen Staat in erheblichem Maße verloren.

Für die Studie wurden den Autoren zufolge 1058 repräsentativ ausgewählte und in Deutschland lebende türkische Einwanderer ab 15 Jahren befragt. Die Erhebung fand zwischen dem 5. und 15. Dezember statt. Mehr als die Hälfte, 55 Prozent der Befragten, glauben, dass die Rechtsterroristen vom deutschen Staat beschützt oder gar gefördert wurden. Rund ein Drittel von ihnen ist sogar überzeugt, dass es "extreme" staatliche Unterstützung für die Zwickauer Neonazis gab. Nur etwa 21 Prozent glauben dagegen nicht an diese Unterstützung.

Hintergrund des großen Misstrauens der Migranten gegenüber dem deutschen Staat sei insbesondere der lange Zeitraum, in dem die Taten verübt wurden, so die Macher der Studie. "Für die Türken bedeutet Deutschland eigentlich Ordnung, Organisation und ein sehr gut funktionierender Sicherheitsapparat. Deshalb können viele von ihnen nicht begreifen, dass diese Morde mehr als zehn Jahre lang nicht aufgeklärt wurden", sagt Murat Erdogan, Direktor des Zentrums für Migrations- und Politikforschung der Hacettepe-Universität. Hinzu kämen Berichte über Behördenpannen bei der Ermittlungsarbeit, etwa beim Verfassungsschutz. Zudem sei bei den Ermittlungen zunächst das Bild einer "gefährlichen türkischen Mafia-Gesellschaft" in Deutschland entstanden, so Erdogan.

Exzesse einer radikalen Minderheit

87 Prozent der Befragten verfolgen die Nachrichten zu der rechtsextremen Mordserie - überwiegend in türkischen Medien. Als beruhigende Erkenntnis kann möglicherweise gewertet werden, dass die große Mehrheit der türkischen Migranten, 78 Prozent, die Gewalttaten als Exzesse einer radikalen Minderheit sieht und nicht mit der deutschen Gesellschaft als Ganzes in Verbindung bringt. Weniger als sieben Prozent glauben, dass "große Teile der Bevölkerung" für die Morde mitverantwortlich sind. "So deutliche Ergebnisse habe ich nicht erwartet", sagt Erdogan.

Die am 4. November tot aufgefundenen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gelten als Haupttäter der Zwickauer Terrorzelle. Beate Zschäpe, die in Untersuchungshaft sitzt, soll gemeinsam mit ihnen den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) gegründet haben. Die Gruppierung NSU soll in den Jahren 2000 bis 2006 neun Morde an Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft sowie den Mord an einer Polizistin in Heilbronn vom 25. April 2007 verübt haben. Zudem soll sie für die Sprengstoffanschläge vom 19. Januar 2001 und vom 9. Juni 2004 in Köln verantwortlich sein.

Ausmaß der Verunsicherung ist groß

Mehrmals hatten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe in den neunziger Jahren mit der Polizei zu tun, auch der Staatsschutz befasste sich mit dem Neonazi-Trio, es wurde observiert - doch die drei tauchten unter. Fast 14 Jahre lang blieben sie verschwunden, obwohl es immer wieder Hinweise auf ihren Aufenthaltsort gab und das Trio sich offenbar keinesfalls abschottete, sondern weiterhin Kontakt pflegte zur von V-Leuten gespickten rechten Szene.

Das Ausmaß der Verunsicherung unter den türkischstämmigen Einwanderern ist auch daran zu erkennen, dass rund zwei Drittel der Befragten glauben, deutsche Politiker versuchten, das Thema zu vertuschen und die Morde unter den Teppich zu kehren. Weniger als die Hälfte der türkischen Migranten sieht laut Studie die Entschuldigung des Bundestags als Bedauern und glaubhafte Trauer der deutschen Verantwortlichen.

Etwa drei von vier Umfrageteilnehmern befürchten weitere rassistisch motivierte Morde in Deutschland. Und fast 40 Prozent haben konkret Angst davor, dass sie selbst oder Freunde und Bekannte Opfer ähnlicher Morde durch Neonazis werden könnten. Trotz dieser Besorgnis überwiege bei den türkischen Migranten als generelle Reaktion auf die Mordserie nicht Angst (acht Prozent), sondern Trauer (74 Prozent), so die Autoren der Studie.

Die Ergebnisse der Umfrage legen zudem nahe, dass sich die meisten Türken in ihrer eigenen Lebensplanung nicht von der rechtsextremen Mordserie beeinflussen lassen: Mehr als drei Viertel der Befragten sagten, sie fühlen sich gut integriert und wollen auf Dauer in Deutschland bleiben. Nur vier Prozent der Interviewten gaben an, angesichts der Morde sicher in die Türkei zurückkehren zu wollen. "Diese Werte halte ich für vielversprechend", sagt Erdogan, "damit beweisen die türkischen Migranten große Gelassenheit und Reife - und dass sie ein fester Bestandteil Deutschlands geworden sind."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 80 Beiträge
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1. Schrecklich...
taglöhner 13.01.2012
Zitat von sysopEine repräsentative Umfrage zeigt: Die Morde der Zwickauer Terrorzelle haben das Vertrauen türkischstämmiger Einwanderer in den Staat offenbar stark erschüttert. Klar wird aber auch, dass sie die Taten einer kleinen radikalen Gruppe zuordnen - und nicht der Mehrheit der Bevölkerung. Umfrage*in Deutschland: Türken geben Staat Mitschuld an*Neonazi-Terror - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,808815,00.html)
...wenn so viele Menschen Angst haben. Ich glaube, zumindest mulmig wäre mir auch. Überrascht hat mich allerdings, wie viele meinen, Politiker würden die Sache vertuschen. Dafür sehe ich jetzt keine Anzeichen, mag an der individuellen Medienperzeption liegen. Dass beim Verfassungs-/Staatsschutz irgendwie mitgemischt wurde, dieses Gefühl werde ich auch nicht los. Dies wird wohl, auch in der Außenwahrnehmung, einer der wichtigsten Untersuchungsausschüsse in der Bundesrepublik seit Bestehen.
2. Unterstützung nicht, aber Duldung
marthog 13.01.2012
Ich glaube nicht, dass die Neonazis aktiv unterstützt wurden, aber ich denke, dass große Teile der Zuständigen sie gedulded oder ignoriert haben.
3. Zahlen
taglöhner 13.01.2012
Zitat von sysopIch mache auch nicht die Türken insgesamt dafür verantwortlich, dass jedes Jahr hunderte Deutsche (im eigenen Land) von Türken schwerst verletzt und/oder getötet werden. Dann passt es ja.
Das können Sie natürlich so belegen. Fällt darunter bei Ihnen jede Wirtshausklopperei oder nur rassistische Angriffe?
4. Amüsant
sosonaja 13.01.2012
Lieber Spiegel, warum schreibt ihr "der Staat" und nicht die deutsche Regierung oder die deutschen Politiker mit ihren hörigen Beamten. Denn das genau ist es, was die Türken (und Deutschen) meinen. Aber nein, man schreibt lieber der Staat. Mein Gott, für wie blöd haltet ihr denn das Volk?
5.
FreiesGermanien 13.01.2012
Zitat von sysop...in türkische Migranten ist allerdings ebenfalls sehr gering.
Wie können Sie das ohne eine repräsentative Umfrage wissen?
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