Umfrage Jeder zweite Deutsche will Sterbehilfe gegen Geld erlauben

Niemand soll den Todeswunsch eines Menschen zu Geld machen. Deshalb will das Justizministerium kommerzielle Sterbehilfe in Deutschland unter Strafe stellen. Das sieht nicht jeder so kritisch: Fast jeder zweite Bürger will einer Umfrage zufolge gewerbliche Sterbehilfe erlauben.

Ein Pfleger hält die Hand einer alten Frau: "Niemand soll unter Schmerzen sterben müssen"
DPA

Ein Pfleger hält die Hand einer alten Frau: "Niemand soll unter Schmerzen sterben müssen"


Berlin - Bereits 2009 hat die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag beschlossen, dass sie "die gewerbsmäßige Vermittlung von Gelegenheiten zur Selbsttötung" unter Strafe stellen will. Das hat das Justizministerium nun in einen Gesetzentwurf geschrieben. Darin steht, dass die gewerbsmäßige Förderung von Selbsttötung mit bis zu drei Jahren Haft oder Geldstrafe sanktioniert werden soll.

Weil darüber in der Koalition nicht gestritten wird, ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage umso überraschender: 49 Prozent der Bundesbürger befürworten die Legalisierung der gewerblichen Sterbehilfe, 41 Prozent lehnen sie ab. Das Meinungsforschungsinstitut Emnid befragte im Auftrag der "Bild am Sonntag" 501 Personen.

Ein weiterer Punkt in dem Gesetzentwurf ist viel umstrittener: Ärzte und Pfleger sollen unter Umständen straffrei bleiben, wenn sie Beihilfe zum Suizid leisten. Bedingung ist, dass das medizinische Personal den Betroffenen nahesteht. Solch eine Hilfestellung wollen laut der Umfrage 47 Prozent der Deutschen den Ärzten und Pflegern erlauben, 45 Prozent wollen dies nicht.

Die Union lehnt den Entwurf aus dem FDP-geführten Ministerium wegen ebendieser Präzisierung ab. Sie öffne dem Missbrauch Tür und Tor, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn. "Niemand in Deutschland soll unter Schmerzen sterben müssen", sagte er der "Bild am Sonntag". "Darum sollen und wollen sich Ärzte kümmern und nicht um die Hilfe zum Tod." Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger solle die missverständlichen Passagen im Entwurf schnellstens klarstellen.

Auch die Deutsche Bischofskonferenz hatte den Entwurf wiederholt kritisiert. Der Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe, Karl Jüsten, sagte: "Die Unterscheidung in kommerzielle und nicht kommerzielle Suizidhilfe im Gesetzesentwurf ist irreführend. Sie wird den in Deutschland existierenden Sterbehilfeorganisationen Aufwind geben und einen neuen Markt für die Dienstleistung Tod befördern." Das Kommissariat wird im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz gegenüber dem Bund in politischen Fragen tätig.

son



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flieder2 05.08.2012
1. Gewerbliche Sterbehilfe??!!
Sterbehilfe als Gewerbe= ich kann meinen Tod kaufen! Na, dieser Artikel reizt mich extrem. Ich befuerworte Sterbehilfe, ich komme aus dem Gesundheitswesen, ich habe unheilbarkranke Menschen leiden sehen. Wir pumpen sie mit Morphium voll, damit sie die Schmerzen nicht mehr ertragen, damit sie nicht weiter leiden, wir machen das Sterben ertraeglich. Wir zoegern das Sterben medikamentoes oft in die Laenge! Fuer mich waere legalisierte Sterbehilfe ein Akt der Humanitaet!!!!!! Lasst den kranken Menschen bitte selbst entscheiden( sofern er seinen Wunsch noch aeussern kann). Es darf niemals als Gewerbe betrachtet werden, es soll als Wunsch eines Individium betrachtet werden, dem aus moderner medizinischer Sicht nicht weiter geholfen werden kann. Das Verbot der Sterbehilfe in Deutschland mag zu einem Sterbehilfegewerbe in den Nachbarstaaten fuehren, ich wuerde es so nicht betiteln.
rotertraktor 05.08.2012
2. Moralapostel
Zitat von sysopDPANiemand soll den Todeswunsch eines Menschen zu Geld machen. Deshalb will das Justizministerium kommerzielle Sterbehilfe in Deutschland unter Strafe stellen. Das sieht nicht jeder so kritisch: Fast jeder zweite Bürger will einer Umfrage zufolge gewerbliche Sterbehilfe erlauben. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,848328,00.html
Es wäre wünschenswert, wenn die deutschen Kleriker mit derselben Inbrunst gegen eine weitaus größere und effektivere "Dienstleistung Tod" vorgehen würden, nämlich gegen Militär und Rüstungsindustrie, denn im Gegensatz zur Sterbehilfe haben deren "Klienten" ihren Tod nicht selbst freiwillig gewählt.
amerzenich 05.08.2012
3. aufgewacht
---Zitat--- CDU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn. "Niemand in Deutschland soll unter Schmerzen sterben müssen", sagte er der "Bild am Sonntag". "Darum sollen und wollen sich Ärzte kümmern und nicht um die Hilfe zum Tod." ---Zitatende--- Verstehe ich diese Aussage richtig? Schmerzstillende Medikamente fressen, bis der Tod eintritt - nicht aber das schmerzvolle Leben beenden durch ein Medikament?
marthaimschnee 05.08.2012
4.
Bei der abartigen Richtung, in die sich Deutschland insgesamt bewegt, wird ein Sterbehelfer dann vermutlich das Vielfache einer Hebamme "verdienen". Aber dann sind wir endgültig am Punkt aller feuchten kommerziellen Träume, an dem "nichtmal der Tod umsonst ist"
rotertraktor 05.08.2012
5. Win-win-Situation
Zitat von amerzenichVerstehe ich diese Aussage richtig? Schmerzstillende Medikamente fressen, bis der Tod eintritt - nicht aber das schmerzvolle Leben beenden durch ein Medikament?
Genau, und in der kommerziellen Verwertungslogik ist dies auch völlig stringent. Die Abrechnung von Medikamenten, Pflegeleistungen etc. ist nur zu Lebzeiten möglich ... danach verdient höchstens noch der Bestattungsunternehmer ... und dessen Spendenkapazitäten (für die CDU) reichen bei weitem nicht an die von Medizin- und Pharmalobby heran. Die menschlich-moralische Dimension ist anscheinend bei den politischen Gottesanbetern (die mit dem C im Namen) ähnlich irrelevant wie bei deren (in meinem letzten Beitrag bereits erwähnten) professionellen Kollegen ... sie dürfte locker unter der 5%-Hürde bleiben ist ist damit von der weiteren Meinungsbildung ausgeschlossen.
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