Umsetzung der Millenniumsziele: Unicef kritisiert Kluft zwischen Arm und Reich

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Vor zehn Jahren verabschiedete die Uno ihre Millenniums-Entwicklungsziele, bis 2015 soll die Armut demnach weltweit halbiert werden. Nun zieht ein Unicef-Bericht eine Zwischenbilanz. Das Fazit: Vor allem die am stärksten benachteiligten Familien kommen noch immer viel zu kurz.

Eine Frau in einem Unicef-Versorgungszentrum im Tschad: Ungleiche Risiken Zur Großansicht
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Eine Frau in einem Unicef-Versorgungszentrum im Tschad: Ungleiche Risiken

Hamburg - Die 55. Generalversammlung der Vereinten Nationen hatte sich viel vorgenommen: Die Delegierten einigten sich Anfang September 2000 darauf, einen Masterplan zur Bekämpfung der weltweiten Armut zu verabschieden. 189 Mitgliedstaaten unterzeichneten den Plan schließlich. Sie verpflichteten sich, bis zum Jahr 2015 insgesamt acht Ziele zu erreichen:

  • Armut und Hunger sollten bekämpft werden.
  • Allen Kindern weltweit sollte eine Grundschulbildung ermöglicht werden.
  • Frauen und Mädchen sollen nicht länger diskriminiert werden.
  • Senkung der Kindersterblichkeit
  • Die medizinische Versorgung von Müttern sollte verbessert werden.
  • Krankheiten wie HIV und Malaria sollten bekämpft werden.
  • Die Staaten verpflichteten sich zu ökologischer Nachhaltigkeit.
  • Zwischen den Staaten sollte eine globale Partnerschaft aufgebaut werden.

Doch wie viele dieser Ziele sind in der Zwischenzeit umgesetzt worden?

Vom 20. bis zum 22. September treffen sich die Delegierten der Vereinten Nationen zu einem Gipfeltreffen in New York, um Bilanz zu ziehen. In einer Studie weist Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, schon jetzt auf Missstände hin.

Die Studie mit dem Titel "Fortschritt für Kinder" sieht eine Gefahr vor allem für die Ärmsten der Armen. Demnach hat sich die Situation vieler Kinder zwar in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, doch erreichen die Hilfen oft nicht diejenigen, die sie am dringendsten brauchen. In der Folge wächst die soziale Kluft immer weiter.

Am stärksten sind die betroffen, die am wenigsten haben

Millionen Kinder könnten nach Einschätzung von Unicef gerettet werden, wenn die internationale Entwicklungshilfe sich gezielt auf die am stärksten benachteiligten Familien konzentrieren würde. Der Bericht fordert damit auch ein Umdenken in der Entwicklungshilfe: Bislang versuchte man vor allem, so viele Kinder wie möglich zu erreichen. Die Studie beleuchtet nun die Notwendigkeit, außer der Reichweite auch das Ausmaß der Bedürftigkeit stärker in den Blick zu nehmen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das Umfeld, in dem Kinder groß werden, deutlich verbessert: Mehr Mädchen und Jungen haben Zugang zu sauberem Wasser, mehr Kinder besuchen eine Grundschule, werden durch Impfen vor Seuchen und Krankheiten geschützt. Eine bessere medizinische Versorgung führt außerdem dazu, dass die Kindersterblichkeit weltweit gesunken ist.

Von 1990 bis 2005 nahm die Zahl der Menschen, die mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen, von 1,8 auf 1,4 Milliarden ab. Der größte Fortschritt wurde laut einer Studie des Uno-Forschungsinstituts für soziale Entwicklung (UNRISD) in Ostasien erzielt. Der wirtschaftliche Aufschwung Chinas hat maßgeblich dazu beigetragen. Am wenigsten vom Fortschritt profitierten dagegen die Länder südlich der Sahara.

Zu den Verlierern gehören demnach vor allem die Mädchen und Jungen, deren Ausgangssituation besonders schlecht ist. Sie erreichen die Hilfsprogramme offenbar kaum.

Asien profitiert, in den südlichen Staaten Afrikas gibt es kaum Fortschritte

Die Kluft zieht sich wie ein Riss durch die Staaten: Sie klafft zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern, zwischen armen und wohlhabenden Bevölkerungsgruppen, zwischen städtischen und ländlichen Gebieten, zwischen Jungen und Mädchen.

Die Situation, mit der Kinder ins Leben starten, unterscheidet sich stark. Kinder aus den ärmsten Bevölkerungsgruppen haben ein doppelt so hohes Risiko, vor ihrem fünften Geburtstag zu sterben, wie ihre wohlhabenden Altersgenossen. Täglich sterben rund 24.000 Kinder - die meisten von ihnen an Krankheiten, die gut behandelbar wären. Mehr als hundert Millionen Kinder haben keine Schulbildung, vor allem Mädchen sind davon betroffen.

In den südlichen Staaten Afrikas besuchen nur 65 Prozent aller Kinder eine Grundschule. In diesen Ländern ist auch die medizinische Versorgung besonders schlecht: Mädchen und Jungen leiden häufiger als anderswo unter chronischer Unterernährung. Kinder auf dem Land sind fast doppelt so gefährdet, dadurch in ihrer gesamten Entwicklung geschädigt zu werden, wie Kinder aus der Stadt.

Und auch das Krankheitsrisiko ist je nach Geschlecht unterschiedlich verteilt. Mädchen haben im südlichen Afrika ein deutlich höheres Infektionsrisiko - unter anderem auch, weil die Aids-Aufklärung bei ihnen kaum ankommt. Die Menschen auf dem Land sind darüber hinaus benachteiligt, da sie kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung haben. Der Unicef-Bericht führt aus, dass von den weltweit 884 Millionen Menschen, die kein Trinkwasser zur Verfügung haben, 84 Prozent auf dem Land leben.

Unicef fordert die Staats- und Regierungschefs daher auf, bei der New Yorker Konferenz vor allem die Menschen in den Blick zu nehmen, die bislang nicht von der Umsetzung der Entwicklungsziele profitiert haben.

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