Umstrittene Aids-Prävention: Im Bett mit Hitler

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Der Verein Regenbogen kämpft für die HIV-Prävention. In seinem aktuellen Spot "Aids ist ein Massenmörder" entpuppt sich der männliche Part beim Liebesspiel als Adolf Hitler. Die kalkulierte Provokation stößt auf heftige Kritik - vor allem im Ausland.

Präventionskampagne: "Aids ist ein Massenmörder" Fotos
Regenbogen e.V. / das comitee

Hamburg - Das Licht ist gedimmt, man kann Mann und Frau nur schemenhaft erkennen, die sich anschließende Sexszene ist jedoch eindeutig. Schließlich rückt das Gesicht des Mannes in den Fokus der Kamera: Adolf Hitler. Danach der Slogan: "Aids ist ein Massenmörder."

Die neue Kampagne der Initiative Regenbogen e.V., die als gemeinnütziger Selbsthilfeverein für die Aids-Prävention kämpft, bedient sich bekannter Massenmörder der Geschichte, um auf die Problematik von HIV und Aids hinzuweisen: Adolf Hitler, Josef Stalin, Saddam Hussein.

In Zusammenarbeit mit der Hamburger Kommunikationsagentur "das comitee" sind Plakate und Videospots entstanden, die schon vor ihrer offiziellen Veröffentlichung im Internet kursieren - und für heftige Kritik, aber auch hohe Abrufzahlen sorgen.

Vor allem in Großbritannien und den USA empört man sich über die Geschmacklosigkeit der Kampagne. Der Spot "stigmatisiere die Menschen, die HIV-positiv sind und die ohnehin einer großen Diskriminierung und Ignoranz ausgesetzt" seien, sagte eine Sprecherin des National Aids Trust, der die Aktionen zum Welt-Aids-Tag in Großbritannien koordiniert.

Die Organisation befürchtet, dass die Botschaft des Spots die Menschen davon abhalte, sich testen zu lassen - die HIV-Positiven sowie die Erkrankten würden selbst zu Massenmördern stigmatisiert. Zudem wird kritisiert, dass die Videos keine Informationen über Präventionsmöglichkeiten enthielten.

"Wir wollten dem Virus ein Gesicht geben"

Bei den Machern versteht man die Aufregung nicht. Dass das Video viel Aufmerksamkeit erzeugt und bereits Tausende Male bei YouTube aufgerufen worden ist, sieht man als Bestätigung.

Auf der Internetseite der Kampagne heißt es zur Begründung: "Bis jetzt starben weltweit mehr als 28 Millionen Menschen. Und jeden Tag kommen über 5000 neue Todesfälle hinzu. Damit ist Aids einer der größten Massenmörder in der Geschichte."

"Wir wollten dem Virus ein Gesicht geben, nicht den Erkrankten", sagt Dirk Silz von "das comitee" SPIEGEL ONLINE. "Dass die Kampagne möglicherweise über das Ziel hinausschießt, haben wir in Kauf genommen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen."

Die immergleichen Plakate der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die unter dem Slogan "Gib Aids keine Chance" Radieschen und anderes Gemüse mit Kondomen zeigten, könnten diese Wirkung heute nicht mehr erzielen, sagt Silz.

Den Vorwurf, man weise im Video nicht explizit genug auf Präventionsmaßnahmen hin, weist der Werber zurück: "Es gibt den Hinweis 'Schütz Dich!'. Wer nicht weiß, dass man sich mit Kondomen gegen Aids schützen kann, lebt noch in der Steinzeit."

Silz bezeichnet die Videokampagne als "radikalen Schritt" - allerdings ist der Ansatz, Hitler für die HIV- und Aids-Aufklärung einzusetzen, keineswegs neu. Anfang des Jahres bediente sich schon die Kampagne der Münchner Aidshilfe mit dem unmissverständlichen Titel "Der Schwanz als Diktator" des "Führers".

Jan Schwertner, Pressesprecher des Vereins Regenbogen, ist bemüht, zu betonen, "dass wir nicht die ersten sind, die das Thema Aids mit Diktatoren in Verbindung bringen". Mit anderen Worten: Der Ansatz ist zwar nicht originell, da er aber trotzdem und immer noch kalkuliert schockiert und erwartbar empört, nimmt man das in Kauf.

"There is no such thing as bad publicity"

"Wir arbeiten mit dem Schockeffekt. Durch die mediale Reizüberflutung gehen viele andere Sachen in der Masse unter. Die Strategien der Aids-Prävention müssen überdacht werden", sagt Schwertner SPIEGEL ONLINE und meint ebenfalls die Gemüsekampagnen des BZgA. Vor allem junge Leute reagierten auf die aktuelle Regenbogen-Kampagne positiv.

Aus Sicht des Vereins ist die Kampagne gelungen. Frei nach dem Motto: There is no such thing as bad publicity, zu deutsch: Negative Aufmerksamkeit gibt es nicht.

Schwertner betont, dass die Betroffenen, die für den Verein arbeiten, sich keineswegs diskriminiert fühlten durch die Kampagne. Man stelle schließlich nicht die HIV-Positiven, sondern die Krankheit an sich als Massenmörder dar.

Die Einwände aus dem Ausland weiß man bei Regenbogen e.V. zu deuten. Eventuell, so mutmaßt man, fürchteten die britischen Organisationen um ihre Spendengelder. Denn die könnten bei so viel Aufmerksamkeit ja auf das Konto des deutschen Vereins statt auf das des britischen Aids Trust fließen.

Sind die Briten also nur neidisch auf die Hitler-Kampagne? "Aids ist eine Krankheit und keine Politik", sagt Schwertner.

Allein: Politik wird trotzdem mit ihr gemacht.

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Forum - Wie weit darf Werbung für einen guten Zweck gehen?
insgesamt 77 Beiträge
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1. Diskussion
Despair, 07.09.2009
Natürlich ist es heftig derartige "Personen" für eine solche Kampagne zu verwenden und es ist auch klar, dass es entsprechend heftige Reaktionen hervorruft. Aber, anders als bei provozierenden kommerziellen Kampagnen dient dies hier der berechtigten Mahnung vor etwas, was phasenweise wieder aus dem öffentlichen Gedächtnis zu verschwinden scheint. Wenn man sich Umfragen unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen anschaut, kann man nur entsetzt sein, wie wenig diese tatsächlich über diese Krankheit und die Folgen wissen. Und um eine breite Masse (gerade bei den Wandlungen des Medienkonsums in den letzten Jahren) zu erreichen sind nun einmal Schockeffekte hilfreich wenn ich sogar notwendig. Nicht umsonst wird in anderen Ländern z. B. gerade auch mit Unfallschickvideos auf die Gefahr von SMS am Steuer aufmerksam gemacht. Und alleine, dass kontrovers darüber diskutiert wird ist schon gut und ein erfolg - denn das bedeutet erhöhte Medienaufmerksamkeit für ein sehr wichtiges Thema. Was die Gegenargumente angeht, so werden natürlich diejenigen die unter Hitler und den anderen gelitten haben sich unter Umständen durch diese Kampagne angegriffen fühlen - wobei, und das finde ich wichtig, sie wirklich nur sinnbildlich und sehr unpolitisch verwendet werden. Es geht hier nicht um eine Herabstufung des Holocaust oder den Greultaten Stalins, usw. (die Poster zeigen ja neben Hitler auch andere Tyrannen), sondern darum, auf eine Art zu zeigen, dass AIDS gefährlich ist, die jedem "unmittelbar" klar wird. Und da ist das Antlitz derartiger Massenmörder sicherlich von der Wirkung genauso mahnend, wie eine Teufelsfratze im Mittelalter gewirkt haben mag (die aber keinen Jugendlichen heute mehr mahnen würde). An der Grenze, aber nachvollziehbar und hoffentlich effektiv - so meine Meinung.
2. Ziel der Kampagne?
viribus, 07.09.2009
Zitat von sysopDer Verein Regenbogen kämpft für die Aids-Prävention. In seinem aktuellen Spot "Aids ist ein Massenmörder" entpuppt sich der männliche Part beim Liebesspiel als Adolf Hitler. Die kalkulierte Provokation stößt auf heftige Kritik. Wie weit darf Werbung für einen guten Zweck gehen?
Nun, wenn Werbung zielführend ist, kann sie ruhig auch sehr drastisch ausfallen. Mich stört einfach ungemein, dass bei heutigen AIDS-Kampagnen m.E. zwei wichtige Themen ausgeklammert werden. 1. viele junge Menschen glauben mittlerweile AIDS/HIV sei "heilbar", sprich wie jede andere Krankheit mit der richtigen Medikation ohne weiteres zu behandeln 2. viele junge Männer, gerade auch aus anderenen Kulturkreisen, sind der festen Überzeugung, ein Kondom beschneide ihre Männlichkeit "mit Gummi ist man(n) weniger Mann" Die angesprochene Kampagne halte ich für grösstenteils recht billiges Schocktheater, nicht sonderlich kreativ. Leider verhalten sich nun auch schon gemeinnützige Vereine wie normale privatwirtschaftliche Unternehmen bei ihrer Werbung: mehr Sex, mehr Gewalt und mehr Skandal = gleich mehr Umsatz- / Spendengelder. Bei Firmen verständlich, ansonsten fragwürdig.
3. geht so
billy pilgrim 07.09.2009
nur ein paar Gedanken: 1) der medialen Reizüberflutung durch Verstärkung der Reize zu begegnen ist eine gewagte Methode. Sich dadurch bestätigt zu fühlen, daß auf Youtube die Klickzahlen hoch sind, ist äußerst naiv! Youtube gehört Selbstdarstellern und urban legends. 2) die Krankheit wird mit Massenmördern gleichgesetzt, also personifiziert und dämonisiert. Das reduziert entweder die Verbrechen der Mörder oder aber es banalisiert die Krankheit und stigmatisiert die Erkrankten. Schlimmstenfall beides. 3) eigentlich was mir als erstes aufgefallen ist: die Werbung ist unglaublich sexistisch! Es werden nur nackte Frauen, Titten und Ärsche in Szene gesetzt. Zudem suggeriert es, daß die Mehrzahl der "Opfer" Frauen sind, was, glaube ich, etwas an der Realität vorbei geht. just food for thought...
4. Mops
Marie Laveau 07.09.2009
Dass sich ausgerechnet die Briten und Amerikaner mopsen, wenn Hitler zu Relkamezwecken verwendet wird, hat schon was komisches. Die nehmen doch jede Gelegenheit wahr, Hitler ins Fernsehen zu bringen. Wir sollten von denen dafür GEMA-Gebühren verlangen.
5.
billy pilgrim 07.09.2009
Zitat von Marie LaveauDass sich ausgerechnet die Briten und Amerikaner mopsen, wenn Hitler zu Relkamezwecken verwendet wird, hat schon was komisches. Die nehmen doch jede Gelegenheit wahr, Hitler ins Fernsehen zu bringen. Wir sollten von denen dafür GEMA-Gebühren verlangen.
geniale Idee! Oder sie schicken gleich die Inglorious Basterds vorbei...
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