Unabhängigkeitskampf auf den Shetlands Stuart der Viertel-vor-Zwölfte

Ein Mann, eine Insel, ein Staat: Rund 200 Kilometer nördlich der schottischen Küste zettelt ein Engländer einen skurrilen Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Regierung an. Ein Besuch bei dem wohl harmlosesten Freiheitskämpfer der Welt.

Aus Forvik berichtet Dominik Baur


Forvik - Ein Ruck, ein Tuckern, mit zehn PS schiebt der Außenbordmotor das Boot hinaus auf den Atlantik. Gischt spritzt hinein. Eine schwimmende Holzkiste von sieben mal zwei Metern, mehr ist es nicht. Stuart Hill hat die Kapuze seines Regenmantels weit ins Gesicht gezogen. Das Gesicht ist rot, die Augen klein, ein grauer Vollbart. Der 65-Jährige steuert den Kahn der Nachmittagssonne entgegen.

Hill auf Forvik: Seine Exzellenz spinnt Staatspläne
Dominik Baur

Hill auf Forvik: Seine Exzellenz spinnt Staatspläne

Allmählich zeichnen sich die Konturen der winzigen Insel ab, Stuart Hills Insel: Forvik. Insel ist ein großes Wort für diesen Gesteinsbrocken. Hill kennt noch ein größeres: Staat.

Er habe die Ehre, ihr mitzuteilen, hat Hill der britischen Königin schon im vergangenen Sommer geschrieben, dass sich Forvik unabhängig erklärt habe. Er habe den verfassungsmäßigen Status der Insel wiederhergestellt, Forvik sei nunmehr Kronbesitz - wie etwa die Kanalinseln. Die Königin erkenne man als Staatsoberhaupt an. Mehr aber auch nicht. Er selbst biete ihr seine Dienste als Steward, als Verweser des Kronbesitztums, an. Im Briefkopf prangte das neue Wappen von Forvik. Es zeigt eine Unterart des norwegischen Löwen. Ohne Krone, dafür mit einer Schriftrolle in der rechten Pranke.

Doch die Queen schweigt.

Stattdessen gibt es andere Gäste, die dem Eiland ihren Besuch abstatten: britische Kamerateams, Journalisten aus Frankreich, aus Japan. Auch eine Gruppe israelischer Kajakfahrer schaute schon vorbei.

Staat mit fünf Bürgern

Forvik bedeutet "Insel in der Schafsbucht" und ist klein. Sehr klein. Vielleicht so klein wie Lummerland, von dem Michael Ende schrieb, es sei "ungefähr doppelt so groß wie unsere Wohnung". Und es hat genauso viele Staatsbürger: fünf. Stuart Hill, der die Insel von einem Freund geschenkt bekommen hat, und vier Unbekannte, denen er je einen Quadratmeter Land verkauft hat. Der 65-Jährige ist der hiesige König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte und bietet auch mal an, ihn mit "Eure Exzellenz" anzusprechen.

Forvik ist eine von rund hundert Shetland-Inseln. Sie liegen auf halbem Weg zwischen Schottland und Norwegen. Zusammen sind sie so groß wie London und haben weniger Einwohner als Starnberg. Pullis und Ponys sind alles, was die Welt von hier kennt. Dem Golfstrom sei Dank, ist das Klima hier trotz der nördlichen Lage noch verhältnismäßig mild. Dennoch ist es besonders im Winter nicht gerade wirtlich hier. All das wusste Hill bis vor ein paar Jahren nicht. Denn eigentlich gehört er gar nicht hierher.

Hill ist ein Gestrandeter. Einer aus dem Süden. Geboren in Bromley bei London, verbringt Hill den größten Teil seines Lebens in Südengland. Er bringt sich selbst das Kunstschmiedehandwerk bei, ein von ihm entworfener Tisch steht noch heute im Victoria & Albert Museum. Zweimal macht er in den Achtzigern und Neunzigern ein kleines Vermögen, zweimal verliert er es. Erst gründet er eine kleine Firma, die Metallprodukte für die Industrie herstellt, später dann ein Start-up, das online ein Adressverzeichnis anbietet.

Käpt'n Unheil auf hoher See

2001 droht seine letzte Firma, gerade mit der Internet-Blase zu verpuffen, als Hill in See sticht. Eine PR-Kampagne für das Unternehmen soll es werden: Allein in einem umgebauten Ruderboot will er die britischen Inseln umsegeln.

Neunmal muss die Küstenwache ausrücken. Unnötigerweise, beteuert Hill. Nur weil Menschen am Ufer ihn für einen in Seenot geratenen Surfer gehalten hätten. Die Presse höhnt. "Captain Calamity" nennen sie ihn, Käpt'n Unheil.

Noch auf See bekommt Hill über sein Satellitentelefon einen Anruf. Seine Frau erklärt ihm, sie habe das Haus verkauft und ziehe nach Frankreich. Nach 33 Jahren Ehe. Zwei Wochen später, vor den Shetland-Inseln, setzt er selbst einen Notruf ab. Sein Boot ist nachts im Sturm gekentert. In den Zeitungen heißt es anderntags, er habe den Hubschrauber der Küstenwache fast mit einer Leuchtrakete abgeschossen.

Stuart Hill hat nichts mehr. Kein Boot, keine Frau, kein Zuhause. Er bleibt.

In Lerwick, der Hauptstadt der Shetlands, findet er Arbeit in einer Fischfabrik. Hill beginnt, sich für Geschichte zu interessieren. Im Jahr 2003 landet er zufällig auf einer Wahlkampfveranstaltung des Konservativen John Firth. Der kandidiert fürs schottische Parlament und doziert über die autonome Vergangenheit der Shetland-Inseln: 1469, erfährt Hill, hat der norwegische König Christian dem schottischen König Jakob III. die Inseln als Pfand angeboten. Er konnte die Mitgift für seine Tochter nicht zahlen. Der Archipel wurde Kronbesitz. Hill folgert: Die Shetlands waren niemals Teil von Großbritannien. Er hat eine neue Lebensaufgabe.

"Was sollen die schon machen?"

Forvik ist dabei nur der Anfang. Stuart Hill geht es um mehr als diesen einen Hektar Unabhängigkeit. Es geht ihm um die ganze Inselgruppe. "Ich will zeigen, was für Möglichkeiten die Shetländer hätten, wenn sie wollten." Und eigentlich wollen sie, da ist er sich sicher. Es ist dieses Gefühl, das hier etwas nicht ganz in Ordnung sei. Das hätten sie alle, sagt Hill. Nur der Sache auf den Grund zu gehen, traue sich keiner. Dazu brauche es erst einen wie ihn, einen von außen, einen mit dem anderen Blick. In der Sache stimmten sie mit ihm schon überein, nur nicht im Glauben, etwas bewegen zu können.

"Die Shetländer sollen für das einstehen, was sie ohnehin schon glauben", sagt Hill und zupft an seinem Bart. Er sitzt in seinem riesigen blauen Polstersessel, den er auf dem Sperrmüll gefunden hat, und fordert einen der mächtigsten Staaten heraus. "Was sollen die schon machen? Ein Kanonenboot schicken?" Der Wind peitscht gegen die Zeltwände, doch Hill findet es gemütlich: Kaffee, Kekse, Hühnerbein und Rotwein im Tetrapack - mehr braucht der Alleinherrscher nicht.

Bis zu 8000 Forviker soll es mal geben. Auf seiner Homepage wirbt Hill um sie. Für zwei Forvik-Gulden, etwa 150 Euro, kann jeder Shetländer einen Quadratmeter Land und Staatsbürgerrechte erwerben, inklusive Reisepass und Stimmrecht. Für einen Gulden können auch Sympathisanten aus Übersee Ehrenbürger werden, ohne Stimmrecht. Über hundert Staatsbürger h.c. gibt es schon. Eines Tages, so träumt Hill, könne Forvik ein Steuerparadies werden, ein Monaco des Nordens.

Völkerrechtlich chancenlos

Hill ist nicht der Erste, der das scheinbar Unmögliche versucht: 1967 besetzte ein ehemaliger Soldat namens Paddy Roy Bates eine frühere Seefestung vor der Küste Großbritanniens. Auf der rostigen Stahlbetonplattform in der Nordsee gründete er das Fürstentum Sealand. Es gab dort eine eigene Währung, Briefmarken und sogar ein Footballteam.

Doch wann ist ein Staat ein Staat? Für Völkerrechtler ist Sealand ein immer wieder gern gewähltes Fallbeispiel. Drei Dinge, sagen sie, braucht ein Staat: ein Gebiet, ein Volk und die Gewalt über das Gebiet. Am letzten Punkt scheitert es dann schnell. Sealand wurde nie international anerkannt.

Stuart Hill kennt die Geschichte von Sealand. Und er müsste wissen, dass er keine Chance hat. Nicht vor dem Gericht in Lerwick, nicht vor dem Berufungsgericht in Schottland, nicht vor dem House of Lords. Und schon gar nicht vor dem Internationalen Gerichtshof. Er müsste auch wissen, dass es völkerrechtlich völlig irrelevant ist, was Könige im 15. Jahrhundert vereinbart haben.

Seine Kinder halten ihn für einen Spinner. Aber vielleicht hat Stuart Hill nur einen Traum. Es wäre nicht der erste in seinem Leben. Scheitern, findet er, wird in unserer Gesellschaft stigmatisiert. Nur wer nichts versucht, sagt Hill, kann auch nicht scheitern.

Hill hat inzwischen Post bekommen.

Zwar nicht von der Queen, aber immerhin von den britischen Finanzbehörden. Denn Hill zahlt keine Steuern. Woran nichts auszusetzen ist - nach Forvikschem Recht. Eine Steuererklärung habe man von ihm verlangt, berichtet Hill, andernfalls mit einer Anhörung gedroht. Hill freilich weigerte sich - und hörte drei Monate lang nichts mehr. Neulich bekam er nun einen Bescheid, man verzichte auf die Erklärung und auf die Anhörung. Ohne Begründung.

Hill sieht darin einen klaren Etappensieg. Der Kampf geht weiter.



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