Unbemerkt schwanger "Wie, du kannst da 'nen Kopf sehen?"

Frauen, die schwanger sind und bis zur Geburt nichts davon bemerken - geht das überhaupt? Und ob, sagen Mediziner und Psychologen. So wie bei Andrea Reimers: Völlig unerwartet bekam sie eine Tochter - an Bord eines Containerschiffs im Südatlantik.

Von Rainer Leurs, Cuxhaven


Arbeiten! Sie würde ja gern. Es ist ihre Wache, Mitternacht bis 4 Uhr morgens, Kurse berechnen, Radareinstellungen prüfen. Aber seit dem Wecken jagen Andrea Reimers* unfassbare Krämpfe durch den Leib. Stehen schafft sie noch so gerade, aber an Arbeiten ist nicht zu denken. Nicht mit diesen Bauchschmerzen.

Es hat genieselt in dieser Nacht, leichter Seegang, das weiß Reimers noch. Die "Maruba" ankert 21 Meilen vor der brasilianischen Küste, irgendwo da draußen in der Dunkelheit liegt Rio Grande. Per Satellitentelefon sucht Kapitän André Kurze Rat bei einem deutschen Krankenhaus - seine Offiziersassistentin ist offenbar schwer krank, was fehlt ihr bloß? Blinddarmdurchbruch, meinen die Doktoren. Aber dann ist da Blut auf Reimers' Jogginghose, zwischen den Beinen. "Machen Sie sich mal frei", sagen die Ärzte am Telefon.

Reimers wird in dieser Nacht im Südatlantik Mutter. Ohne Arzt, ohne Hebamme. Und ohne vorher gewusst zu haben, dass sie ein Kind erwartet.

Immer wieder gibt es Berichte über ähnliche Fälle, und immer klingen sie unglaublich: Frauen, die ihre Schwangerschaft nicht bemerken, bis ganz zum Schluss. Oft sind es die extremen und traurigen Geschichten, die in der Zeitung landen. Derart überfordert sind manche Frauen mit der Situation, dass sie ihre neugeborenen Kinder töten. Oft schütteln gerade Mütter bei solchen Storys ungläubig den Kopf: Erst unter der Geburt mitkriegen, dass man schwanger ist? Wie soll das denn gehen?

"Ich wollte schon immer zur See fahren"

In den neunziger Jahren ergab eine Studie des Arztes Jens Wessel in Berlin, dass eine von 2455 Schwangerschaften bis zur Entbindung völlig unbemerkt bleibt. "Das ist eine Menge", sagt Frank Louwen, Leiter der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatalmedizin an der Uni Frankfurt. Betroffen sind alle sozialen Schichten; Jugendliche sind darunter, aber auch Frauen jenseits der 40, die schon Kinder haben.

Andrea Reimers ist 20 und bereits seit zweieinhalb Monaten an Bord des Containerfrachters, als ihre Wehen einsetzen. Für sie ist dieses Schiff ein Lebenstraum. "Ich wollte schon immer zur See fahren", sagt sie heute, dreieinhalb Jahre nach der dramatischen Nacht.

Aufgewachsen ist Reimers in Leipzig; nach der Schule fing sie im fernen Cuxhaven ihre Ausbildung an - SBTA, schiffsbetriebstechnische Assistenz. "Ich wollte immer von zu Hause weg", sagt sie. "Immer wenn wir im Urlaub am Meer waren, wollte ich dort bleiben."

Als sie in der Nacht auf den 17. Dezember 2009 mit mörderischem Bauchweh in der Kabine liegt, will sie bloß, dass diese Schmerzen aufhören. Die halbe Mannschaft ist inzwischen wach. "Wie, du kannst da 'nen Kopf sehen?", fährt Reimers die junge Auszubildende an, die ihr zwischen die nackten Beine schaut. Schweißüberströmt steht André Kurze daneben, der Kapitän, der die Verantwortung trägt für Schiff und Ladung und 22 Mann Besatzung, und der seiner schreienden Offiziersanwärterin jetzt sagen muss, was sie machen soll. Pressen, atmen, das kennt er noch von der Geburt seines Sohnes. Nur noch ein bisschen drücken, dann ist es vorbei! Und immer wieder scheucht er seinen Leitenden Ingenieur zur Bordapotheke, um Messer zu holen, Handtücher, eine Schere.

"Der Kap'tän hatte Nerven aus Stahl", sagt Reimers heute.

Mit seiner Hilfe bringt sie ihre Tochter Lara* gesund zur Welt, um 1 Uhr nachts ist das Kind da. Mit einem Stück Faden und Seemannsknoten bindet der Kapitän die Nabelschnur ab. Holt eine Schüssel und badet das kleine Mädchen. "Dann hat er sie in ein Tuch gewickelt und ihr seine dicke Seemannsmütze aufgesetzt", sagt Reimers. Sieben Stunden später kommt ein Hubschrauber mit brasilianischen Ärzten, da hat Kurze ihr schon gezeigt, wie man stillt. Und irgendwann in dieser Nacht stellt sich die junge Mutter zum ersten Mal die Frage, die sie in den nächsten Jahren verfolgen wird: Wie kann es sein, dass ich von alledem nichts gemerkt habe?

Auf See fünf Kilo zugenommen

"Eigentlich gibt es ja recht klare Schwangerschaftszeichen", sagt Pränatalmediziner Louwen: Der Bauch wird dicker, die Menstruation bleibt aus, später spüren werdende Mütter, wie ihre Kinder strampeln oder sich drehen. Von einem wachsenden Babybauch bekommen aber gerade Frauen mit Übergewicht lange nichts mit. Und wenn die Monatsblutungen ohnehin nur unregelmäßig kommen, fällt auch ihr komplettes Ausbleiben nicht gleich auf. "Es ist leicht zu sagen: Mein Gott, wie unsensibel kann man sein", sagt Louwen. "Ich glaube, man muss immer fragen: Welche Chance hatte die Patientin überhaupt, die Schwangerschaft wahrzunehmen?"

Reimers sagt, sie habe bis zum Schluss ihre Tage gehabt - womöglich sogenannte Spottings, Schmierblutungen, die auch während der Schwangerschaft noch auftreten können. "Richtig schlank war ich außerdem noch nie", sagt sie. Auf den Bildern von damals sieht man eine robuste junge Frau mit Arbeiterhänden, die braunen Locken zum Pferdeschwanz zurückgebunden. Dass man während einer längeren Schiffsreise zunimmt, sei außerdem normal gewesen, sagt sie. Bei ihr waren es immer um die fünf Kilo - vor Laras Geburt eher sieben.

Was ist dann mit der Übelkeit? - "Ich war seekrank", sagt Reimers, "und ich hab gekotzt. Aber nur, wenn Seegang war." Der wachsende Bauch? "Der kam erst hinterher, da bin ich dann auseinandergegangen wie ein Hefekloß."

Kindsbewegungen habe sie wohl mit anderen Dingen abgetan, sagt sie. Es gebe eben viel zu tun auf einem Schiff, der Arbeitsalltag ist stramm. Wann soll man da auf seinen Bauch achten? Vielleicht, gibt Reimers zu, habe es irgendwann mal eine leise Ahnung gegeben in ihr. "Aber man hat das vor sich hergeschoben. Man war an Bord, alles hatte seine Richtigkeit."

"Wir alle neigen dazu, Unliebsames wegzuschieben"

Es ist diese feine Linie, auf der sich die heute 24-Jährige bewegt, die bei allen unbemerkten Schwangerschaften eine Rolle spielt: Einerseits sind da die Anzeichen, die man aus ganz banalen, körperlichen Gründen nicht mitbekommt. Und dann ist da der Kopf, die Psyche. Die Verdrängung dessen, was nicht sein darf.

Fragt man den Berliner Psychotherapeuten und Gynäkologen Peter Rott, wie so etwas möglich ist, dann antwortet er mit einer Gegenfrage. "Wie geht das, dass einer Schulden hat, lauter Rechnungen bekommt und irgendwann erstaunt ist, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht?" Verdrängung und Verleugnung seien eben ganz normale Bewältigungsmechanismen. "Wir alle neigen dazu, Unliebsames wegzuschieben", sagt er.

Dass eine werdende Mutter bis zum Ende keine Ahnung von ihrem Zustand hat, hält Rott ohne Verdrängungsarbeit für unwahrscheinlich. "Wenn Frauen das mitkriegen wollen, können sie es mitkriegen."

Reimers hat von Lara nichts mitgekriegt. "Nach der Geburt hab ich Tränen geheult", sagt sie, "ich wusste nicht mehr, wo vorne und hinten ist." Angst habe sie vor allem um ihren Job gehabt. "Mein erster Gedanke war: Ich kann nicht mehr zur See fahren, es ist alles vorbei. Ich wollte mich anziehen und direkt weiterarbeiten." Kapitän Kurze musste sie bremsen. "Du hast grad ein Kind gekriegt! Setz dich da hin! Und jetzt atmest du erstmal durch." Sie sei wie in einer anderen Welt gewesen.

"Am Anfang schämt man sich dafür"

Kaum eine Frau, der so etwas passiert ist, wagt sich damit später an die Öffentlichkeit. Die Scham über das Erlebte sei groß, sagt Rott. "Von der Gesellschaft wird ja eine Menge erwartet - zum Beispiel, dass eine werdende Mutter glücklich ist."

Reimers war ihre Geschichte lange peinlich; öffentlich erzählt hat sie sie noch nie, und noch heute spricht sie manchmal davon, als wäre das alles jemand anderem zugestoßen. "Am Anfang schämt man sich natürlich", sagt sie. "Überall muss man erklären, was passiert ist und wie. Man fragt sich, was man falsch gemacht hat. Ob man noch ganz richtig ist." Obendrein musste sie mit Lara klarkommen - als alleinerziehende Mutter, denn vom leiblichen Vater des Kindes hatte sie sich Monate vor der Geburt getrennt.

"Und dann sieht man die anderen Eltern so glücklich. Eigentlich will man das ja auch sein, aber ich konnte mich lange nicht drauf einlassen." Fast ein Dreivierteljahr dauert es, bis Reimers so etwas wie Mutterliebe für Lara empfinden kann. "Sie war sehr lieb und hat nicht viel geweint", sagt sie. "Aber man war natürlich überfordert. Den Traum, auf den man jahrelang hingearbeitet hat, sieht man in weite Ferne rücken. Und dann ist da so ein Zwerg und schreit und hat Hunger und kostet Geld." Nachgedacht hatte sie anfangs darüber, Lara zur Adoption freizugeben. "Aber irgendwann war der Schalter umgelegt", sagt Reimers und ihre Stimme wird weicher - "und dann gab's nur noch Lara."

Lara, das heute dreijährige Mädchen, das auf den Schoß mag, wenn ihre Mama erzählt. Sie hat die dunklen Locken von ihrer Mutter geerbt und die Mandelaugen von ihrem Papa. Regelmäßig wird sie beim Kinderarzt durchgecheckt. Reimers hat geraucht während der Schwangerschaft, ab und zu auch getrunken. Sie wusste ja von nichts.

Den Traum von der Seefahrt hat sie inzwischen begraben, bei der Reederei gekündigt und ihren Frieden damit gemacht. Sie geht wieder zur Schule, macht ihr Fachabitur, will studieren. Vielleicht klappt es später mit einem Job in der Hafenlogistik. "Wenn man ein Ziel verloren hat, muss man eben woandershin steuern", sagt Reimers.

Längst gibt es jemand in ihrem Leben, den Lara Papa nennt. Er fährt zur See, auf einem Tanker. Wenn Papa unterwegs ist, warten die Mädels zu Hause auf ihn, nicht weit vom Meer, Rotklinker hinterm Deich. Oft sitzt Lara dann in ihrem Kinderzimmer und schiebt ihr Lieblingsspielzeug über den Teppichboden.

Es ist ein Containerschiff.

* Namen geändert

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
erik.strohmeyer 13.05.2013
1. wow
diesen Beitrag hätte ich eher bei Stern oder in der Bunten verortet, aber... ganz toll einfühlsam gschrieben. Vielen Dank dafür Herr Leurs
n+1 13.05.2013
2. Kommentar meiner Frau:
(3 Töchter) Dass die Kinder ab dem 5. Monat im Bauch rumturnen und man manchmal einen Riesentritt von innen bekommt - das ist dann sicherlich der heilige Geist?
criticalck 13.05.2013
3. Nichts merken?
Zitat von sysopFrauen, die schwanger sind und bis zur Geburt nichts davon bemerken - geht das überhaupt? Und ob, sagen Mediziner und Psychologen. So wie bei Andrea Reimers: Völlig unerwartet bekam sie eine Tochter - an Bord eines Containerschiffs im Südatlantik. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/unbemerkt-schwanger-ploetzliche-geburt-auf-einem-containerschiff-a-898425.html
Wenn man fett ist, geht das.
kastenmeier 13.05.2013
4. ...
Zitat von n+1(3 Töchter) Dass die Kinder ab dem 5. Monat im Bauch rumturnen und man manchmal einen Riesentritt von innen bekommt - das ist dann sicherlich der heilige Geist?
Nein, wenn man es bemerkt (das tut man in der Regel zum ersten Mal wenn man bereits weiß, dass man schwanger ist), ist es wahrscheinlicher, dass es das Kind ist - nicht der heilige Geist (in Ihrem Fall wäre ein Poltergeist wahrscheinlicher). Es gibt nachgewiesenermaßen Ausnahmen, bei denen das anders ist - wie im Artikel beschrieben. Es müssen bestimmte Komponenten zusammenkommen - ebenso im Artikel beschrieben. Erklären Sie das nochmal Ihrer Frau und trösten Sie sie, falls sie sich zu gewöhlich ist.
mebschmw 13.05.2013
5. aha
Und dann gibts da noch die Männer, die nicht wissen, dass sie Väter sind. Und die Väter, denen die Frau ein Kuckuckskind ins Nest gelegt hat. Und die Kinder, die nie erfahren werden, wer ihr Vater ist, weil zu viele in Frage kommen oder die "Begegnung" nur flüchtig war. Wie auch immer. In diesem Land wird viel zu viel von Erwachsenen und ihrem Schicksal gesprochen, dabei waren sie selbst verantwortlich für ihr Leben. Die einzigen Unschuldigen sind die Kinder, die das Verhalten ihrer Erzeuger ausbaden müssen. Unsere Gesellschaft sollte einzig das Kindswohl in den Mittelpunkt stellen und nicht ständig die bluts-, umgangs- und andere Individualansprüche der Erwachsenen!!! Dass unser Land zu den kinderfeindlichsten zählt, ist unsere aller Verantwortung. Vermieter, die nicht an Eltern vermieten wollen, Nachbarn die sich an Kinder stören, Arbeitgeber ohne Verantwortungsgefühl usw. - wir alle sind verantwortlich! Wenn stinkende Hunde beliebter sind als Kinder, ist die Gesellschaft grundlegend krank!!!
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