Unbemerkt schwanger: "Wie, du kannst da 'nen Kopf sehen?"

Von , Cuxhaven

Unbemerkt schwanger: Plötzlich Mama Fotos

Frauen, die schwanger sind und bis zur Geburt nichts davon bemerken - geht das überhaupt? Und ob, sagen Mediziner und Psychologen. So wie bei Andrea Reimers: Völlig unerwartet bekam sie eine Tochter - an Bord eines Containerschiffs im Südatlantik.

Arbeiten! Sie würde ja gern. Es ist ihre Wache, Mitternacht bis 4 Uhr morgens, Kurse berechnen, Radareinstellungen prüfen. Aber seit dem Wecken jagen Andrea Reimers* unfassbare Krämpfe durch den Leib. Stehen schafft sie noch so gerade, aber an Arbeiten ist nicht zu denken. Nicht mit diesen Bauchschmerzen.

Es hat genieselt in dieser Nacht, leichter Seegang, das weiß Reimers noch. Die "Maruba" ankert 21 Meilen vor der brasilianischen Küste, irgendwo da draußen in der Dunkelheit liegt Rio Grande. Per Satellitentelefon sucht Kapitän André Kurze Rat bei einem deutschen Krankenhaus - seine Offiziersassistentin ist offenbar schwer krank, was fehlt ihr bloß? Blinddarmdurchbruch, meinen die Doktoren. Aber dann ist da Blut auf Reimers' Jogginghose, zwischen den Beinen. "Machen Sie sich mal frei", sagen die Ärzte am Telefon.

Reimers wird in dieser Nacht im Südatlantik Mutter. Ohne Arzt, ohne Hebamme. Und ohne vorher gewusst zu haben, dass sie ein Kind erwartet.

Immer wieder gibt es Berichte über ähnliche Fälle, und immer klingen sie unglaublich: Frauen, die ihre Schwangerschaft nicht bemerken, bis ganz zum Schluss. Oft sind es die extremen und traurigen Geschichten, die in der Zeitung landen. Derart überfordert sind manche Frauen mit der Situation, dass sie ihre neugeborenen Kinder töten. Oft schütteln gerade Mütter bei solchen Storys ungläubig den Kopf: Erst unter der Geburt mitkriegen, dass man schwanger ist? Wie soll das denn gehen?

"Ich wollte schon immer zur See fahren"

In den neunziger Jahren ergab eine Studie des Arztes Jens Wessel in Berlin, dass eine von 2455 Schwangerschaften bis zur Entbindung völlig unbemerkt bleibt. "Das ist eine Menge", sagt Frank Louwen, Leiter der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatalmedizin an der Uni Frankfurt. Betroffen sind alle sozialen Schichten; Jugendliche sind darunter, aber auch Frauen jenseits der 40, die schon Kinder haben.

Andrea Reimers ist 20 und bereits seit zweieinhalb Monaten an Bord des Containerfrachters, als ihre Wehen einsetzen. Für sie ist dieses Schiff ein Lebenstraum. "Ich wollte schon immer zur See fahren", sagt sie heute, dreieinhalb Jahre nach der dramatischen Nacht.

Aufgewachsen ist Reimers in Leipzig; nach der Schule fing sie im fernen Cuxhaven ihre Ausbildung an - SBTA, schiffsbetriebstechnische Assistenz. "Ich wollte immer von zu Hause weg", sagt sie. "Immer wenn wir im Urlaub am Meer waren, wollte ich dort bleiben."

Als sie in der Nacht auf den 17. Dezember 2009 mit mörderischem Bauchweh in der Kabine liegt, will sie bloß, dass diese Schmerzen aufhören. Die halbe Mannschaft ist inzwischen wach. "Wie, du kannst da 'nen Kopf sehen?", fährt Reimers die junge Auszubildende an, die ihr zwischen die nackten Beine schaut. Schweißüberströmt steht André Kurze daneben, der Kapitän, der die Verantwortung trägt für Schiff und Ladung und 22 Mann Besatzung, und der seiner schreienden Offiziersanwärterin jetzt sagen muss, was sie machen soll. Pressen, atmen, das kennt er noch von der Geburt seines Sohnes. Nur noch ein bisschen drücken, dann ist es vorbei! Und immer wieder scheucht er seinen Leitenden Ingenieur zur Bordapotheke, um Messer zu holen, Handtücher, eine Schere.

"Der Kap'tän hatte Nerven aus Stahl", sagt Reimers heute.

Mit seiner Hilfe bringt sie ihre Tochter Lara* gesund zur Welt, um 1 Uhr nachts ist das Kind da. Mit einem Stück Faden und Seemannsknoten bindet der Kapitän die Nabelschnur ab. Holt eine Schüssel und badet das kleine Mädchen. "Dann hat er sie in ein Tuch gewickelt und ihr seine dicke Seemannsmütze aufgesetzt", sagt Reimers. Sieben Stunden später kommt ein Hubschrauber mit brasilianischen Ärzten, da hat Kurze ihr schon gezeigt, wie man stillt. Und irgendwann in dieser Nacht stellt sich die junge Mutter zum ersten Mal die Frage, die sie in den nächsten Jahren verfolgen wird: Wie kann es sein, dass ich von alledem nichts gemerkt habe?

Auf See fünf Kilo zugenommen

"Eigentlich gibt es ja recht klare Schwangerschaftszeichen", sagt Pränatalmediziner Louwen: Der Bauch wird dicker, die Menstruation bleibt aus, später spüren werdende Mütter, wie ihre Kinder strampeln oder sich drehen. Von einem wachsenden Babybauch bekommen aber gerade Frauen mit Übergewicht lange nichts mit. Und wenn die Monatsblutungen ohnehin nur unregelmäßig kommen, fällt auch ihr komplettes Ausbleiben nicht gleich auf. "Es ist leicht zu sagen: Mein Gott, wie unsensibel kann man sein", sagt Louwen. "Ich glaube, man muss immer fragen: Welche Chance hatte die Patientin überhaupt, die Schwangerschaft wahrzunehmen?"

Reimers sagt, sie habe bis zum Schluss ihre Tage gehabt - womöglich sogenannte Spottings, Schmierblutungen, die auch während der Schwangerschaft noch auftreten können. "Richtig schlank war ich außerdem noch nie", sagt sie. Auf den Bildern von damals sieht man eine robuste junge Frau mit Arbeiterhänden, die braunen Locken zum Pferdeschwanz zurückgebunden. Dass man während einer längeren Schiffsreise zunimmt, sei außerdem normal gewesen, sagt sie. Bei ihr waren es immer um die fünf Kilo - vor Laras Geburt eher sieben.

Was ist dann mit der Übelkeit? - "Ich war seekrank", sagt Reimers, "und ich hab gekotzt. Aber nur, wenn Seegang war." Der wachsende Bauch? "Der kam erst hinterher, da bin ich dann auseinandergegangen wie ein Hefekloß."

Kindsbewegungen habe sie wohl mit anderen Dingen abgetan, sagt sie. Es gebe eben viel zu tun auf einem Schiff, der Arbeitsalltag ist stramm. Wann soll man da auf seinen Bauch achten? Vielleicht, gibt Reimers zu, habe es irgendwann mal eine leise Ahnung gegeben in ihr. "Aber man hat das vor sich hergeschoben. Man war an Bord, alles hatte seine Richtigkeit."

"Wir alle neigen dazu, Unliebsames wegzuschieben"

Es ist diese feine Linie, auf der sich die heute 24-Jährige bewegt, die bei allen unbemerkten Schwangerschaften eine Rolle spielt: Einerseits sind da die Anzeichen, die man aus ganz banalen, körperlichen Gründen nicht mitbekommt. Und dann ist da der Kopf, die Psyche. Die Verdrängung dessen, was nicht sein darf.

Fragt man den Berliner Psychotherapeuten und Gynäkologen Peter Rott, wie so etwas möglich ist, dann antwortet er mit einer Gegenfrage. "Wie geht das, dass einer Schulden hat, lauter Rechnungen bekommt und irgendwann erstaunt ist, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht?" Verdrängung und Verleugnung seien eben ganz normale Bewältigungsmechanismen. "Wir alle neigen dazu, Unliebsames wegzuschieben", sagt er.

Dass eine werdende Mutter bis zum Ende keine Ahnung von ihrem Zustand hat, hält Rott ohne Verdrängungsarbeit für unwahrscheinlich. "Wenn Frauen das mitkriegen wollen, können sie es mitkriegen."

Reimers hat von Lara nichts mitgekriegt. "Nach der Geburt hab ich Tränen geheult", sagt sie, "ich wusste nicht mehr, wo vorne und hinten ist." Angst habe sie vor allem um ihren Job gehabt. "Mein erster Gedanke war: Ich kann nicht mehr zur See fahren, es ist alles vorbei. Ich wollte mich anziehen und direkt weiterarbeiten." Kapitän Kurze musste sie bremsen. "Du hast grad ein Kind gekriegt! Setz dich da hin! Und jetzt atmest du erstmal durch." Sie sei wie in einer anderen Welt gewesen.

"Am Anfang schämt man sich dafür"

Kaum eine Frau, der so etwas passiert ist, wagt sich damit später an die Öffentlichkeit. Die Scham über das Erlebte sei groß, sagt Rott. "Von der Gesellschaft wird ja eine Menge erwartet - zum Beispiel, dass eine werdende Mutter glücklich ist."

Reimers war ihre Geschichte lange peinlich; öffentlich erzählt hat sie sie noch nie, und noch heute spricht sie manchmal davon, als wäre das alles jemand anderem zugestoßen. "Am Anfang schämt man sich natürlich", sagt sie. "Überall muss man erklären, was passiert ist und wie. Man fragt sich, was man falsch gemacht hat. Ob man noch ganz richtig ist." Obendrein musste sie mit Lara klarkommen - als alleinerziehende Mutter, denn vom leiblichen Vater des Kindes hatte sie sich Monate vor der Geburt getrennt.

"Und dann sieht man die anderen Eltern so glücklich. Eigentlich will man das ja auch sein, aber ich konnte mich lange nicht drauf einlassen." Fast ein Dreivierteljahr dauert es, bis Reimers so etwas wie Mutterliebe für Lara empfinden kann. "Sie war sehr lieb und hat nicht viel geweint", sagt sie. "Aber man war natürlich überfordert. Den Traum, auf den man jahrelang hingearbeitet hat, sieht man in weite Ferne rücken. Und dann ist da so ein Zwerg und schreit und hat Hunger und kostet Geld." Nachgedacht hatte sie anfangs darüber, Lara zur Adoption freizugeben. "Aber irgendwann war der Schalter umgelegt", sagt Reimers und ihre Stimme wird weicher - "und dann gab's nur noch Lara."

Lara, das heute dreijährige Mädchen, das auf den Schoß mag, wenn ihre Mama erzählt. Sie hat die dunklen Locken von ihrer Mutter geerbt und die Mandelaugen von ihrem Papa. Regelmäßig wird sie beim Kinderarzt durchgecheckt. Reimers hat geraucht während der Schwangerschaft, ab und zu auch getrunken. Sie wusste ja von nichts.

Den Traum von der Seefahrt hat sie inzwischen begraben, bei der Reederei gekündigt und ihren Frieden damit gemacht. Sie geht wieder zur Schule, macht ihr Fachabitur, will studieren. Vielleicht klappt es später mit einem Job in der Hafenlogistik. "Wenn man ein Ziel verloren hat, muss man eben woandershin steuern", sagt Reimers.

Längst gibt es jemand in ihrem Leben, den Lara Papa nennt. Er fährt zur See, auf einem Tanker. Wenn Papa unterwegs ist, warten die Mädels zu Hause auf ihn, nicht weit vom Meer, Rotklinker hinterm Deich. Oft sitzt Lara dann in ihrem Kinderzimmer und schiebt ihr Lieblingsspielzeug über den Teppichboden.

Es ist ein Containerschiff.

* Namen geändert

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insgesamt 41 Beiträge
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1. wow
erik.strohmeyer 13.05.2013
diesen Beitrag hätte ich eher bei Stern oder in der Bunten verortet, aber... ganz toll einfühlsam gschrieben. Vielen Dank dafür Herr Leurs
2. Kommentar meiner Frau:
n+1 13.05.2013
(3 Töchter) Dass die Kinder ab dem 5. Monat im Bauch rumturnen und man manchmal einen Riesentritt von innen bekommt - das ist dann sicherlich der heilige Geist?
3. Nichts merken?
criticalck 13.05.2013
Zitat von sysopFrauen, die schwanger sind und bis zur Geburt nichts davon bemerken - geht das überhaupt? Und ob, sagen Mediziner und Psychologen. So wie bei Andrea Reimers: Völlig unerwartet bekam sie eine Tochter - an Bord eines Containerschiffs im Südatlantik. Unbemerkt schwanger: Plötzliche Geburt auf einem Containerschiff - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/unbemerkt-schwanger-ploetzliche-geburt-auf-einem-containerschiff-a-898425.html)
Wenn man fett ist, geht das.
4. ...
kastenmeier 13.05.2013
Zitat von n+1Kommentar meiner Frau:(3 Töchter) Dass die Kinder ab dem 5. Monat im Bauch rumturnen und man manchmal einen Riesentritt von innen bekommt - das ist dann sicherlich der heilige Geist?
Nein, wenn man es bemerkt (das tut man in der Regel zum ersten Mal wenn man bereits weiß, dass man schwanger ist), ist es wahrscheinlicher, dass es das Kind ist - nicht der heilige Geist (in Ihrem Fall wäre ein Poltergeist wahrscheinlicher). Es gibt nachgewiesenermaßen Ausnahmen, bei denen das anders ist - wie im Artikel beschrieben. Es müssen bestimmte Komponenten zusammenkommen - ebenso im Artikel beschrieben. Erklären Sie das nochmal Ihrer Frau und trösten Sie sie, falls sie sich zu gewöhlich ist.
5. aha
mebschmw 13.05.2013
Und dann gibts da noch die Männer, die nicht wissen, dass sie Väter sind. Und die Väter, denen die Frau ein Kuckuckskind ins Nest gelegt hat. Und die Kinder, die nie erfahren werden, wer ihr Vater ist, weil zu viele in Frage kommen oder die "Begegnung" nur flüchtig war. Wie auch immer. In diesem Land wird viel zu viel von Erwachsenen und ihrem Schicksal gesprochen, dabei waren sie selbst verantwortlich für ihr Leben. Die einzigen Unschuldigen sind die Kinder, die das Verhalten ihrer Erzeuger ausbaden müssen. Unsere Gesellschaft sollte einzig das Kindswohl in den Mittelpunkt stellen und nicht ständig die bluts-, umgangs- und andere Individualansprüche der Erwachsenen!!! Dass unser Land zu den kinderfeindlichsten zählt, ist unsere aller Verantwortung. Vermieter, die nicht an Eltern vermieten wollen, Nachbarn die sich an Kinder stören, Arbeitgeber ohne Verantwortungsgefühl usw. - wir alle sind verantwortlich! Wenn stinkende Hunde beliebter sind als Kinder, ist die Gesellschaft grundlegend krank!!!
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Erreger, die in der Schwangerschaft gefährlich sein können
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Röteln
Während die Rötelnerkrankung bei Kindern und Erwachsenen meist ohne Komplikationen abläuft, ist eine Infektion mit Rötelnviren in der Schwangerschaft sehr gefährlich: Breiten sich die Viren im Ungeborenen aus, kann das schwere körperliche Missbildungen zur Folge haben oder zu einer Fehlgeburt führen - je nachdem in welchem Stadium sich die Schwangere angesteckt hat. Übertragen werden die Rötelnviren durch eine Tröpfcheninfektion (Husten, Niesen). Schutz: Impfung im Kindesalter. Inzwischen sind mehr als 90 Prozent der deutschen Bevölkerung geimpft. Behandlung: Röteln in der Schwangerschaft lassen sich nur symptomatisch behandeln. Das heißt, es steht keine spezifische Therapie gegen das Virus zur Verfügung. So kann auch eine Röteln-Infektion des Ungeborenen (Rötelnembryopathie) nicht therapiert werden. Bei Verdacht (wenn etwa eine ungeimpfte Schwangere Kontakt mit einer infizierten Person hatte) spritzt der Arzt Röteln-Antikörper, sogenannte Immunglobuline.
Zytomegalievirus
Zytomegalieviren (CMV) sind für gewöhnlich ungefährlich. Meistens steckt man sich unbemerkt damit an. Problematisch wird eine CMV-Infektion für Schwangere, die vorher noch nicht damit infiziert waren. Sie können sich vor allem beim Kontakt mit Kleinkindern damit anstecken - die Viren sind in Urin, Tränen, Speichel, Blut, aber auch in Samen oder Vaginalflüssigkeit enthalten. Infiziert sich eine Frau während der Schwangerschaft, liegt das Risiko bei 30 bis 40 Prozent, dass sie das Virus auf das Ungeborene überträgt. Das kann beim Kind gravierende Organschäden mit dauerhaften Folgeschäden hervorrufen.Schutz: Eine Impfung gibt es bisher nicht. Schwangere können sich auf eigene Kosten auf CMV testen lassen. Wenn sie CMV-negativ sind, empfiehlt es sich, engen Kontakt mit Kleinkindern zu vermeiden. Behandlung: Treten Komplikationen beim Ungeborenen auf, und besteht der Verdacht einer CMV-Erstinfektion während der Schwangerschaft, kann man in einem sogenannten Heilversuch eine Behandlung mit CMV-Antikörpern durchführen. Allerdings ist das Präparat noch nicht zugelassen. Doch schon jetzt zeigt diese passive Immunisierung deutliche Erfolge.
Parvovirus B19 (Ringelröteln)
Parvoviren werden meistens per Tröpfcheninfektion übertragen. In den Industrieländern stecken sich etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens mit Ringelröteln an. Frauen, die sich während der Schwangerschaft erstmals mit Parvoviren infizieren, können die Infektion auf das Ungeborene übertragen. Weil eine Folge der Infektion die verminderte Bildung von roten Blutkörperchen und damit Blutarmut ist, kann das für den Fötus lebensbedrohlich sein. Deshalb benötigt der Fötus mehrfach Bluttransfusionen, ansonsten kann das Ungeborene sterben. Schutz: Eine Impfung gibt es bisher nicht. Auch die Wirksamkeit von Antikörpern ist noch nicht nachgewiesen. Hygienische Maßnahmen vor allem während der Schwangerschaft sind deshalb wichtig. Behandlung: keine. Lediglich schmerzlindernde und fiebersenkende Medikamente können verabreicht werden.
HIV
Ärzte raten Schwangeren zu einer Untersuchung auf HIV. Denn das Risiko, dass sich das Kind während der Schwangerschaft oder bei der Geburt ebenfalls infiziert, ist hoch: Ohne Behandlung wird es auf 15 bis 30 Prozent geschätzt. Auch beim Stillen kann eine HIV-infizierte Mutter das Virus übertragen. Schutz: Safer Sex. Behandlung: Bestimmte Medikamente, sogenannte antiretrovirale Mittel, verringern das Risiko einer Übertragung auf das Kind. Ebenso eine Geburt per Kaiserschnitt sowie das Abstillen.
Varizella-Zoster-Virus (Windpocken)
Der Erreger der Windpocken ist das Varizella-Zoster-Virus (VZV), das zur Familie der Herpesviren gehört. Das Virus wird durch Tröpfcheninfektion (etwa Husten und Niesen) übertragen. Außerdem kann man sich anstecken, wenn man mit virushaltigem Bläscheninhalt der Pocken in Kontakt kommt. Bei Schwangeren kann eine Windpocken-Erkrankung das ungeborene Kind schädigen. Hatte man als Kind Windpocken, ist man ein Leben lang immun dagegen, es sei denn, die Ersterkrankung verlief schwach oder fand in sehr jungen Jahren statt. Bei über 95 Prozent der Erwachsenen kann man jedoch Antikörper gegen das Virus nachweisen. Schutz: Kontakt mit erkrankten Personen meiden. Behandlung: keine. Lediglich schmerz- und juckreizstillende sowie fiebersenkende Medikamente können verabreicht werden.
Humanes Papillomvirus (HPV)
siehe Kasten unten.
Mumps-und-Masern-Viren
Eine Masern- oder Mumps-Erkrankung in der Schwangerschaft zieht zwar keine so schwerwiegenden Folgen wie eine Rötelninfektion nach sich, doch die Rate an Fehl- und Totgeburten und die Sterblichkeit im Säuglingsalter ist erhöht. Schutz: Seit 2006 ist in Deutschland ein Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln und Varizellen (Windpocken) zugelassen (MMRV-Impfstoff), der meist Säuglingen vom elften bis zum 14. Lebensmonat verabreicht wird.
Toxoplasma gondii (Toxoplasmose)
Der Parasit Toxoplasma gondii ist der Verursacher von Toxoplasmose. Es wird auf vielfältigen Wegen übertragen. Besonders groß ist die Ansteckungsgefahr durch den Verzehr von rohem oder nicht ausreichend gegartem Fleisch. Infiziert sich eine Frau während der Schwangerschaft zum ersten Mal, kann es beim Ungeborenen zu Schädigungen des Zentralen Nervensystems oder der Organe kommen. Zudem steigt das Risiko einer Fehl- oder Totgeburt an. Schutz: Verhindern kann man eine Ansteckung nicht, Schwangere können das Risiko verringern, indem sie rohes oder ungegartes Fleisch und ungenügend gewaschenes Gemüse und Obst sowie den Kontakt mit Katzenkot vermeiden. Behandlung: In den meisten Fällen ist eine Behandlung nicht notwendig - der Körper wird in der Regel allein mit dem Erreger fertig. Allerdings müssen infizierte Schwangere zum Schutz ihrer Neugeborenen mit einer Kombination aus Pyrimethamin mit Folsäure und sowie dem Antibiotikum Sulfonamid behandelt werden.
Listerien (Listeriose)
Für Schwangere und ihr ungeborenes Kind ist eine Listeriose besonders gefährlich: Neben grippeähnlichen Beschwerden können Schwangere auch eine Blasenentzündung und vorzeitige Wehen entwickeln. Hat sich das Kind im Mutterleib infiziert, kann es zu einer Fehl-, Früh- oder Totgeburt kommen. Überlebt das Neugeborene, ist es den Listerien ohne ein funktionsfähiges Immunsystem schutzlos ausgesetzt. Benommenheit, Atemnot, Erbrechen, Krämpfe und zahlreiche Geschwüre auf Haut- und Schleimhaut können die Folge sein. In mehr als 50 Prozent der Fälle versterben die Neugeborenen meist noch innerhalb der ersten Stunden nach der Geburt. Ansonsten können geistige Entwicklungsstörungen auftreten. Schutz: Listerien kommen quasi überall vor, auf Pflanzen sowie im Erdboden. Der Mensch nimmt die Bakterien vor allem durch den Verzehr verunreinigter pflanzlicher und tierischer Lebensmittel auf. Zu ihnen zählen ungewaschene Salate, Rohmilchprodukte und Rohwurstprodukte wie Mett-, Teewurst und Salami. Auch Milchprodukte wie Käse, insbesondere die Käserinde, können Listerien enthalten. Schwangere sollten deshalb solche Nahrungsmittel vermeiden. Behandlung: Antibiotika.
Chlamydien
Infektionen mit Chlamydia trachomatis gehören weltweit zu den häufigsten durch sexuellen Kontakt übertragenen Krankheiten. Eine unentdeckte Infektion kann bei Frauen die Ursache für Eileiter- oder Bauchhöhlenschwangerschaften oder Unfruchtbarkeit sein. Tritt die Infektion in der Schwangerschaft auf, besteht die Gefahr einer Frühgeburt, wobei die Erreger während der Geburt auf das Kind übertragen werden können. Relativ schnell danach treten Symptome wie eine chronische Bindehautentzündung auf. Etwa ein Fünftel aller infizierten Neugeborenen bekommt eine atypische Lungenentzündung. Schutz: Safer Sex. Behandlung: Antibiotika.
Treponema pallidum (Syphilis/Lues)
Unbehandelt durchläuft die Syphilis im Allgemeinen drei unterschiedliche Krankheitsstadien, die zu schweren Schäden vor allem an Herz, Gehirn, Augen und Knochen führen können. Infizierte Schwangere geben die Infektion meist an ihre ungeborenen Kinder weiter, die dadurch oftmals schwer geschädigt werden. In vielen Fällen führt die Infektion zu Fehlgeburten. Schutz: Kondome minimieren das Ansteckungsrisiko, die Bakterien können aber auch durch Küssen weitergegeben werden. Behandlung: Antibiotika.
Gonokokken (Gonorrhö/Tripper)
Eine Gonorrhö kann in der Schwangerschaft zu einem frühzeitigen Blasensprung und so zu einer Fehlgeburt führen. Wird das Ungeborene infiziert, kann dies zu einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung führen. Deshalb werden Schwangere routinemäßig bei der ersten Vorsorgeuntersuchung auf Gonokokken untersucht. Steckt eine infizierte Schwangere ihr Kind während der Geburt an, sind vor allem die Augen des Neugeborenen gefährdet: Unbehandelt kann es innerhalb weniger Tage erblinden. Schutz: Safer Sex. Behandlung: Antibiotika.