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Schützen-Bewerbung für Unesco-Liste: Schuss in den Ofen

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Unesco-Verzeichnis: Deutschland, deine Kulturgüter Fotos
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Hat das deutsche Schützenwesen das Zeug zum Kulturerbe? Klar, fanden die Schießfreunde - und sind mit ihrer Bewerbung vorerst gescheitert. Dem zuständigen Unesco-Komitee passt die Behandlung eines muslimischen Schützenkönigs nicht.

Die Schützen wollen in einer Reihe stehen mit der Morsetelegrafie, der Genossenschaftsidee, der Falknerei, dem niederdeutschen Theater, den sächsischen Knabenchören, den Oberammergauer Passionsspielen und dem rheinischen Karneval. Diese sieben und 20 weitere Kulturformen stehen im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der deutschen Unesco-Kommission - Voraussetzung für einen Eintrag in die weltweite Unesco-Liste.

Auch die Europäische Gemeinschaft Historischer Schützen (EGS) hatte eine Bewerbung eingereicht. Ohne Erfolg, die Schützen sind gescheitert, zumindest vorerst. Ein Bericht der "Westfalenpost" bringt nun Klarheit, weshalb die EGS außen vor blieb.

Das Blatt zitiert aus einem Brief vom vergangen Dezember. Die deutsche Unesco-Kommission und die Kultusministerkonferenz schrieben an den Verband. Wie bei allen 55 anderen erfolglosen Bewerbern begründeten sie in einem einseitigen Schreiben die Entscheidung des Komitees. Dem Brief zufolge stießen sich die 21 Mitglieder des Expertenkomitees Immaterielles Kulturerbe daran, dass es "schroffe und ausgrenzende Reaktionen" auf Schützenkönige gegeben habe, die "nicht 'biodeutschen' Maßstäben entsprechen".

Muslimischer Schützenkönig als Streitfall

Weiter hieß es: "Eine Betonung des historischen christlichen Gründungszwecks betroffener deutscher Schützenverbände macht für die Experten nicht einsichtig, weshalb dieser Zweck heutzutage durch religiöse Öffnung gefährdet sein sollte." Kurz: Tradition hin oder her - werdet moderner!

Im konkreten Fall sei der Knackpunkt die "Achtung vor der kulturellen Vielfalt" gewesen, sagt Unesco-Sprecher Farid Gardizi. Unabhängig von Geschlecht, Religion, Sexualität oder Herkunft sollten alle Interessierten an einer Tradition oder Wissensform teilnehmen können. Anders gesagt: Jeder soll vollwertiger Schützenkönig sein können.

Der Name Mithat Gedik fällt nicht, aber es ist offenkundig, dass es um seinen Fall geht. Gedik, ein Muslim, wurde im vergangenen Sommer Schützenkönig der Schützenbruderschaft Sönnern-Pröbsting in Westfalen. Weil Gedik - anders als es die Satzung der Bruderschaft verlangt - kein Christ ist, sollte ihm trotz des Rückhalts im Verein sein Titel entzogen werden.

Das brachte den Schützen so viel Kritik ein, dass Gedik zwar König bleiben, sein Amt auf Bezirksebene aber weder ausüben noch am Bezirksschützenfest teilnehmen durfte. Auch mit diesem Kompromiss machte sich der Dachverband, der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS), ein EGS-Mitglied, keine Freunde.

'Biodeutsche Maßstäbe': Schützen ärgern sich über Wortwahl

Der BHDS versteht sich als explizit katholischer Verband. Sein Wahlspruch lautet: "Für Glaube - Sitte - Heimat", auf seiner Homepage heißt es: "Der Bund wurde bereits seit seiner Gründung wie ein katholischer Verband behandelt, wurde aber erst im Sommer 2000 offiziell als solcher anerkannt."

BHDS-Pressesprecher Rolf F. Nieborg hält sich zurück, offiziell geht es ja um einen Disput zwischen Unesco und EGS. Deshalb will er nur so viel sagen: "Wir sind nicht sauer, dass wir nicht in das Verzeichnis aufgenommen wurden, sondern über die Wortwahl und den Vorwurf, wir würden 'biodeutsche' Maßstäbe anlegen." Das sei hirnrissig, schließlich seien in der EGS Millionen Schützen aus vielen Ländern vertreten - beispielsweise aus Österreich, der Schweiz, Italien, Norwegen, Polen, Kroatien, Tschechien, Großbritannien und den Niederlanden.

Bei der deutschen Unesco-Kommission bedauert man die Formulierung "biodeutsche Maßstäbe". Sie sei unangemessen, heißt es in einer Presseerklärung. Unesco-Pressesprecher Gardizi widerspricht aber dem Eindruck, man habe die Aufforderung zurückgenommen, die Schützen sollten ihre Bewerbung überarbeiten. "Wir haben nichts zurückgenommen." Bis zum 30. April kann die EGS ihren Antrag aktualisieren.

Der Verband muss sich jetzt überlegen, ob er das will. EGS-Generalsekretär Peter-Olaf Hoffmann teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE lediglich mit, die EGS werde sich mit dem Thema befassen. Tradition oder Kulturerbe - das ist jetzt die Frage.

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insgesamt 77 Beiträge
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1. Schützenunwesen
THINK 17.02.2015
Nunja. Mir scheint, die Tatsache, dass es so viele Schützen und Schützenvereine in Deutschland gibt, ein sehr eindeutiges Indiz dafür zu sein, dass die Bildungspolitik flächendeckend versagt. Selbstbewusste, intelligente und kritische Bürger des 21. Jahrhunderts sehen anders aus, als diese hierarchiegläubigen, ihr Selbstbewusstsein aus Uniformen beziehenden, mit einem unterirdischen Weltbild gesegneten Schützenheinis.
2. Wenn Ausgrenzung ein Maßstab ist,
Lankoron 17.02.2015
wieso wurden dann Knabenchöre aufgenommen? Da sind sowohl Alter als auch Geschlecht Ausschlussgründe...Und Moderner Tanz, Morsen oder Flößerei...sorry, einiges ist echt lächerlich und in meinen Auge kein Kulturerbe. Dazu sollte auch ein regionales Alleinstellungsmerkmal dienen. Warum allerdings bei den Schützen die Kirche dazugehört, versteh ich immer noch nicht so ganz. Und warum es so volle Schützenfeste, so viele Schützen und so leere katholische Kirchen gibt, kann ich auch nicht ganz nachvollziehen.
3. Mo---ment !
Montanabear 17.02.2015
Zitat von THINKNunja. Mir scheint, die Tatsache, dass es so viele Schützen und Schützenvereine in Deutschland gibt, ein sehr eindeutiges Indiz dafür zu sein, dass die Bildungspolitik flächendeckend versagt. Selbstbewusste, intelligente und kritische Bürger des 21. Jahrhunderts sehen anders aus, als diese hierarchiegläubigen, ihr Selbstbewusstsein aus Uniformen beziehenden, mit einem unterirdischen Weltbild gesegneten Schützenheinis.
Es ist klar, dass Sie weder einen einzigen Schützen noch die Entwicklungsgeschichte der Schützenvereine kennen. Ich kann nicht beurteilen, ob Sie "selbstbewusst, intelligent und kritisch" sind. Ein Prädikat davon jedoch scheint nicht zuzutreffen. Nebenbei - wie kommen Sie darauf, dass Schützen all' das nicht sind ?
4. @think
arturo89 17.02.2015
Danke für diesen Beitrag. Ich ergänze um latenten bis offensichtlichen Rassismus, asoziales und intolerantes Verhalten infolge Saufgelagen und ein merkwürdig anmutender Stolz auf die Uniform etc. Fast so wie damals...
5. Die Unesco möge doch bitte mal die islamische Welt durchforsten....
DerNachfrager 17.02.2015
...nach "Kulturinstitutionen", die keine "Ungläubigen" aufnehmen.
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