Unicef-Bericht: Eine Million Kinder ohne Gerichtsurteil im Gefängnis

Zum ersten Mal hat Unicef eine Bestandsaufnahme zu Kinderrechtsverletzungen weltweit vorgelegt. Das Fazit: In vielen Ländern müssen Minderjährige täglich ums Überleben kämpfen. Mehr als eine Million Mädchen und Jungen sitzen wegen Bagatelldelikten in Haft - ohne je einen Richter gesehen zu haben.

Unicef-Bericht: Wenn Kinder keine Kinder sein dürfen Fotos
REUTERS

Köln - In seinem am Dienstag veröffentlichten Bericht "Fortschritt für Kinder" beklagt das Uno-Kinderhilfswerk Unicef massive Kinderrechtsverletzungen weltweit. Demnach sitzen in 44 Ländern der Welt mindestens eine Million Kinder in Gefängnissen - knapp 60 Prozent von ihnen ohne Gerichtsverfahren oder offizielle Anklage. Nur eine Minderheit der Kinder erhielt eine Jugendstrafe, die Mehrheit wurde vor dem Verfahren in Untersuchungshaft gesteckt. Fünf Staaten hätten entgegen aller internationalen Abkommen sogar die Todesstrafe gegen Kinder verhängt, hieß es.

Häufig würden Kinder wegen Bagatelldelikten wie Schulschwänzerei oder Alkoholkonsum eingesperrt, berichtet Unicef. Immer wieder müssten Minderjährige auch wegen illegaler Migration oder psychischer Störungen "zu ihrem eigenen Schutz" hinter Gitter. Da mehr als 18 Millionen Kinder in Familien aufwachsen, die aufgrund von Kriegen oder Naturkatastrophen aus ihrer Heimat vertrieben wurden, ist die Zahl der traumatisierten Flüchtlinge entsprechend hoch.

Ein weiteres Problem: Allein im Jahr 2007 kamen geschätzte 50 Millionen Kinder zur Welt, ohne dass ihre Geburt überhaupt registriert wurde. Damit sind sie laut Unicef einer Ausbeutung schutzlos ausgeliefert. Etwa 150 Millionen Kinder unter 15 Jahren sind gezwungen, täglich hart zu arbeiten und könnten deshalb kaum oder gar nicht zur Schule gehen, heißt es in dem Bericht - der fatale Kreislauf zwischen Armut und fehlender Bildung wird kaum durchbrochen.

In mindestens 29 Ländern der Erde sind Mädchen durch die Tradition der Genitalverstümmelung bedroht, jedes dritte wird in Entwicklungsländern im Kindesalter zwangsverheiratet.

Eine Milliarde Kinder leben in Krisengebieten

Besonders verbreitet sind Kinderehen in Niger, Tschad und Mali - hier werden über 70 Prozent der Mädchen zwangsverheiratet. In Bangladesch, Guinea und der Zentralafrikanischen Republik sind es mehr als 60 Prozent. Dennoch verzeichnet Unicef auch Fortschritte. In vielen afrikanischen Ländern sinke der Anteil der Mädchen, die an ihren Genitalien beschnitten werden. In Ländern wie Bangladesch, wo Kinderheiraten weit verbreitet sind, sei das Heiratsalter der Mädchen zudem leicht gestiegen.

"Eine Gesellschaft kann sich nicht entwickeln, wenn ihre jüngsten Mitglieder in Kinderheiraten gezwungen, sexuell ausgebeutet und ihrer grundlegenden Rechte beraubt werden", sagte Unicef-Direktorin Ann Veneman. Unicef trug die Daten aus Statistiken und eigenen Befragungen zusammen.

Etwa eine Milliarde Kinder leben der Organisation zufolge in Krisengebieten. Auch unter Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen oder Dürren hätten Minderjährige überproportional zu leiden. Sie würden Opfer schwerer Krankheiten, von ihren Familien getrennt und könnten die Schule nicht mehr besuchen. Waisen, die zudem für Geschwister verantwortlich seien, würden auf Grund fehlenden Schutzes häufiger Opfer von wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung.

"Der Bericht zeigt uns, wie viel wir noch tun müssen, um die Lage der Kinder zu verbessern", sagte die Sprecherin von Unicef Deutschland, Helga Kuhn. Das Hilfswerk fordert nachdrücklich bessere Schutzmaßnahmen für Kinder bei Katastrophen, breite Bündnisse zwischen Regierungen sowie bessere Datenerhebungen. Die Datenlage sei noch immer mangelhaft - aus diesem Grund bleibe das gesamte Ausmaß der weltweiten Kinderrechtsverletzungen unbekannt.

Unicef identifiziert in seinem Bericht darüberhinaus vier Handlungsschwerpunkte, um den Schutz der Kinder zu verbessern:

  • die Verbesserung von Schutzsystemen
  • die Förderung sozialen Wandels
  • bessere Schutzmaßnahmen bei Katastrophen
  • breite Bündnisse zwischen Regierungen, Zivilgesellschaft und Unternehmen.

han/ala/dpa/AFP

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Forum - Unicefstudie - Kinderrechte ohne Chance?
insgesamt 41 Beiträge
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1. Es widert einen an
awebln 06.10.2009
Die ganze Menschheit sollte sich schämen. Kinderarbeit bzw. - ausbeutung machen für uns einige Produkte ja so billig, Geiz ist einfach geil. Es widert einen an!
2.
aug apfel 06.10.2009
Kleine Kinder im Gefängnis....ich glaube das ist eines der schlimmsten Dinge, die ich je auf Fotos gesehen habe.
3. Wo ist die Liste?ß
shine31 06.10.2009
Ich möchte wissen, welche Länder das sind! Wo ist die Liste...?
4.
Jan B. 06.10.2009
Zitat von aweblnDie ganze Menschheit sollte sich schämen. Kinderarbeit bzw. - ausbeutung machen für uns einige Produkte ja so billig, Geiz ist einfach geil. Es widert einen an!
Sehr richtig....letztens gab es ja im Spiegel den Bericht über Kik und warum das Unternehmen seine Kleidung so extrem billig anbieten kann. Das Zeug wird in Bangladesch von Frauen und Kindern zu Hungerlöhnen und teilweise unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt. Aber solang es noch genug Käufer für solche Waren gibt, wird sich auch das Leid der Arbeiter nicht vermindern. Wie heißt es manchmal? Kinder haben keine Lobby....leider
5. Herstellung von Produkten
schmoggelmopps 06.10.2009
Zitat von aweblnDie ganze Menschheit sollte sich schämen. Kinderarbeit bzw. - ausbeutung machen für uns einige Produkte ja so billig, Geiz ist einfach geil. Es widert einen an!
Das Problem ist und bleibt (vorerst), dass die Herstellung von Produkten einfach nicht wirklich zurück verfolgt werden kann, oder?
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