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Foto des Jahres 2013: Im Angesicht des Grauens

Von Rainer Leurs

Kinderträume und -alpträume: Unicef-Fotos des Jahres Fotos
UNICEF-Foto 2013/ Niclas Hammarström/ Kontinent

Das bleiche Gesicht blutverschmiert, der Blick seltsam offen und verletzlich: Das Porträt einer von Granatsplittern getroffenen Elfjährigen aus Aleppo ist vom Kinderhilfswerk Unicef zum Foto des Jahres gekürt worden. Was aus dem Mädchen wurde, berichtet Fotograf Niclas Hammarström im Interview.

Niclas Hammarström hat einen hohen Preis für seine Mission bezahlt. Bereits mehrfach war der schwedische Fotograf nach Syrien gereist, um das Grauen des Bürgerkriegs zu dokumentieren. Vergangenen November schließlich wurde der Vater dreier Kinder nahe der Grenze zum Libanon entführt und mit einem weiteren schwedischen Journalisten sechs Wochen lang als Geisel festgehalten. Während der Gefangenschaft sollen die Männer Misshandlungen erlitten haben, erst Anfang Januar kamen sie frei.

Womöglich ist es also eine besondere Genugtuung für Hammarström, dass das Uno-Kinderhilfswerk Unicef eines seiner Bilder aus Aleppo zum "Foto des Jahres 2013" gekürt hat. Reden jedoch will der Schwede darüber nicht: Keine Fragen zu Entführung und Gefangenschaft, bittet der Unicef-Sprecher vor dem Interview höflich. Einzig über seine Arbeit will Hammarström sprechen - und über die Geschichte seines preisgekrönten Fotos.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hammarström, Ihre Aufnahme einer verletzten Elfjährigen aus Syrien ist von Unicef zum "Foto des Jahres" gekürt worden. Wer ist das Mädchen auf dem Bild?

Hammarström: Sie heißt Dania. Ihr großer Bruder hatte sie ins Dar-al-Schifa-Krankenhaus in Aleppo gebracht, gemeinsam mit zwei jüngeren Geschwistern - es sind seine Hände, die man auf dem Foto sieht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Dania passiert?

Hammarström: Sie hatte mit ihren Geschwistern draußen gespielt und war von Granatsplittern im Gesicht getroffen worden. Zum Glück waren es wohl keine schlimmen Verletzungen: Man hat sie im Krankenhaus verarztet, nach einer Stunde konnte sie wieder gehen. Soweit ich weiß, ist sie wohlauf.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie ihr begegnet?

Hammarström: Ich war 24 Stunden lang in diesem Krankenhaus und habe die Arbeit der Ärzte dort dokumentiert, vor allem, wenn es um verletzte Kinder ging. Ungefähr 350 Patienten kamen an diesem Tag in die Klilnik, es gab sehr viel Blut. Da waren Angeschossene, Menschen, denen Arme oder Beine fehlten, Kinder mit schweren Verbrennungen, oder eben Fälle wie Dania.

SPIEGEL ONLINE: Sie sieht auf dem Bild unglaublich blass und verletzlich aus. Haben Sie mit ihr gesprochen?

Hammarström: Nein. Dania war sehr still, sie hat mich nur angesehen. Leider sprach ihr großer Bruder kein Englisch. Ihren Namen und ihr Alter hat mir eine Krankenschwester genannt.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Ihrer Arbeiten gehen Sie der Frage nach, welchen Einfluss der Krieg auf Kinder ausübt. Was haben Sie in Syrien beobachtet?

Hammarström: Die Kinder dort leben natürlich in Angst, aber gleichzeitig spielen sie scheinbar unbeschwert. Auch direkt vor dem Krankenhaus war das so, sie spielen dann selber Krieg, oder Fußball. So finden sie ein wenig Spaß, ein bisschen Glück. Ich nehme an, sie können gar nicht anders.

  • Clément Morin/ Kontinent
    Niclas Hammarström, Jahrgang 1969, arbeitete lange als US-Fotograf für die schwedische Zeitung "Aftonbladet". Nachdem er seinem Handwerk neun Jahre lang den Rücken gekehrt hatte, begann er 2011 erneut, als freier Fotograf zu arbeiten. 2012 wurde er beim World Press Photo Award ausgezeichnet.

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