Unicef-Foto des Jahres Die Verlassenen

Ein Australier kommt auf die Philippinen, kauft sich Urlaubsgesellschaft - und lässt eine schwangere Frau zurück. Für ihre Reportage über Sextourismus sind zwei deutsche Fotografen nun von Unicef ausgezeichnet worden.

Ein Interview von

Stefan Finger/ Insa Cathérine Hagemann/ laif

Einen Monat lang waren Insa Cathérine Hagemann und Stefan Finger auf den Philippinen unterwegs. Sie hatten schon viel von den Männern gehört, die sich in Südostasien die Gesellschaft von Frauen kaufen. Sie kannten auch die Geschichten der Frauen, die - oft arm und verzweifelt - auf diese Angebote eingehen. Aber es war die dritte Seite, die Hagemann und Finger interessierte: die Kinder, die aus diesen Beziehungen auf Zeit entstehen; ihre Fragen, ihre Sorgen, ihre Wünsche.

Also reisten die Fotografen über die Insel und suchten nach Kindern ausländischer Väter. Dank zweier Hilfsorganisationen und ein bisschen Glück fanden sie Familien, die bereit waren, über ihre Geschichte zu sprechen. Hagemann und Finger sprachen tagelang mit den Müttern, sie spielten mit den Kindern, beobachteten sie, bauten Vertrauen auf. Für ihre Reportage sind die beiden nun vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ausgezeichnet worden.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Unicef hat ihr Foto zum besten des Jahres gekürt. Im Vordergrund sind fünf philippinische Kinder zu sehen, im Hintergrund steht ein kleines Mädchen: blonde Haare, helle Haut, kunterbuntes Kleid. Wer ist dieses Kind?

Hagemann: Das ist Divine. Sie ist ein Jahr alt und lebt mit ihrer Familie in Angeles City. Wir haben die Szene im April dieses Jahres zufällig fotografiert.

Finger: Die Kinder im Vordergrund sind ihre Nachbarn, sie waren gerade am Essen. Divine wollte zu ihnen gehen, aber einer der Jungs hat sich ihr mit ausgebreiteten Armen in den Weg gestellt. Da ist sie schnell wieder umgedreht.

SPIEGEL ONLINE: Was wissen Sie über Divines Eltern?

Hagemann: Ihr Vater David ist Australier. Er hat drei Wochen lang Urlaub auf den Philippinen gemacht und Divines Mutter vorher in einem Online-Datingportal kennengelernt. Prostitution ist auf den streng katholischen Philippinen zwar verboten. Aber viele Frauen arbeiten in Bars, aus denen Männer sie für einen Tag oder für mehrere Wochen freikaufen können, um im Urlaub Gesellschaft zu haben. Anschließend fliegen die Männer wieder in ihre Heimat und interessieren sich nicht mehr für die Frauen.

SPIEGEL ONLINE: David weiß also nichts von seiner Tochter?

Hagemann: Divines Mutter schickt ihm regelmäßig E-Mails und Fotos, damit er weiß, wer da aufwächst. Aber David antwortet nicht mehr. Er streitet die Vaterschaft ab.

Finger: Und die zurückgelassenen Mütter auf den Philippinen haben niemanden, der ihnen helfen würde, ihre Ansprüche geltend zu machen. Sie können sich auch schlecht in einen Flieger setzen und mal eben nach Australien fliegen. Uns ging es bei unserem Fotoprojekt aber nicht um die Elternperspektive. Sondern um die Konsequenzen für die Kinder.

Hagemann: Mit dem Aussehen der Kinder wird automatisch der Job ihrer Mutter verbunden. "Arbeitet deine Mama in einer Bar?" ist so eine Standardfrage. Divine wird sie noch oft beantworten müssen und in ihrer Nachbarschaft ein Tratschthema bleiben. Das hat sie mit anderen hellhäutigen Kindern gemein. Sie erleben jeden Tag, dass sie anders aussehen. Das war der Fokus unseres Projekts: die Wünsche und Hoffnungen dieser Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Was wünschen und hoffen die Kinder, die sie fotografiert haben?

Finger: Nehmen Sie die zwölfjährige Elana: Ihr Vater ist Brite und war sogar mit ihrer Mutter verheiratet. Als die Kleine zwei Jahre alt war, ist er nach Großbritannien zurückgekehrt. Elana wünscht sich nichts mehr als Antworten: Warum hat er uns verlassen? War ich schuld?

Hagemann: Wir haben auch den 20-jährigen William porträtiert. Er hat inzwischen dank einer Hilfsorganisation Kontakt zu seinem Vater in Amerika aufnehmen können. Die beiden haben mehrere E-Mails ausgetauscht, der Mann wollte angeblich einen Vaterschaftstest machen lassen. Im April 2013 schrieb er William, er sei noch mit dem Test zugange. Seitdem hat der Sohn nichts mehr von ihm gehört.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
MiniMoogMe 16.12.2014
1.
So ist eben die alte Geschichte: die Schande bleibt an der Mutter und am Kind stecken, der andere Erbgutgeber sitzt irgendwo gemütlich und keiner weiss von seinem Beitrag. Und auch wenn man es wüsste, würde es kaum jemanden jucken. Man müsste sich schon selbst fragen: wenn man von seinem Nachbarn, Kollegen, Kumpel usw. wüsste, dass er irgendwo in einem Drittland ein Kind hat, von dem er nichts wissen will, wie würde man ihn fortan behandeln und mit ihm umgehen?
dodgerone 16.12.2014
2.
Jemand der sich so verhält... mit dem wollte ich nichts zu tun haben. Wer sich so verhält tritt die Werte unserer Gesellschaft mit Füssen. Aber auch hier bringt uns die Globalisierung weiter. Solche Projekte wie diese sind ein Anfang... und holen diese Schicksale aus dem Dunkel ans Licht. Es könnte aber noch schneller gehen. Was wäre, wenn sich solche "Männer" mit Foto im Netz wiederfinden würden... da gibts noch viel zu tun.
osnase92 16.12.2014
3.
Ich hätte mir ein längeres Interview+einen Exkurs ins Thema Sex-Tourismus gewünscht
lequick 16.12.2014
4.
Schande.
heidschnucke 16.12.2014
5. Auszeichnung für Foto, Glückwunsch
Über die Situation ansich wird seit Jahrzehnten berichtet. Es wurden Bücher geschrieben und Filme gedreht. Die Empörung ist immer groß. Was hat sich geändert? Nichts.
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