Unicef-"Foto des Jahres": Die Kinder aus Sodom

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Sie leben im Müll und vom Müll: Am Rande Accras in Ghana liegt die wohl größte Elektroschrottdeponie der Welt. Hier landen Fernseher, Computer und Kühlschränke, die Europa nicht mehr braucht. Kai Löffelbein hat das Leben der Menschen auf der Halde dokumentiert - und das Unicef-"Foto des Jahres" gemacht.

Unicef-Wettbewerb: Kinderschicksale, dokumentiert von Fotografen Fotos
Kai Löffelbein

Hamburg - Es ist ein warmer Tag im September, als Kai Löffelbein dem Jungen begegnet, der ihn berühmt machen wird. Die Reste des westlichen Fortschritts gammeln hier am Rande von Accra, der Hauptstadt Ghanas, auf einer Deponie vor sich hin, im Staub, im Ruß von Agbogbloshie, einem Friedhof der Technik. Monitore, Tastaturen, Kabel, Festplatten, einst angeschafft, um den Menschen in Europa das Leben zu erleichtern, führen hier ein Dasein nach dem Tod und dienen Hunderten als Lebensgrundlage. Sie werden ausgeweidet von Jugendlichen, deren Lebensgrundlage und Lebensort die Müllhalde ist. Im Innern der veralteten Elektronik finden sich wertvolle Edelmetalle. Was im Westen zum Leben nicht mehr gebraucht wird, ist hier gerade gut genug.

Als Kai Löffelbein aus Hannover nach Accra reist, kennt er die Zahlen: Nur 30 Prozent der aus dem Westen importierten Geräte sind noch funktionsfähig - obwohl das Baseler Übereinkommen von 1989 es verboten hat, Elektroschrott in Länder zu exportieren, die nicht Mitglied der OECD sind. Allein 100.000 Tonnen veralteter Technik werden dennoch jährlich aus Deutschland ins nichteuropäische Ausland exportiert, ein durchschnittlicher Haushalt rangiert hierzulande alle zwei Jahre den PC aus. Alte Elektronikartikel werden illegal gemeinsam mit gebrauchten, aber noch nutzbaren Geräten nach Afrika verschifft - unter dem Label Entwicklungshilfe. Löffelbein will sich auf die Suche machen nach den Relikten des annehmlichen Lebens.

Seiner Reise verdankt er nun die wohl größte Auszeichnung seiner bisherigen Karriere. Das Bild eines Jungen aus Agbogbloshie wurde vom Kinderhilfswerk Unicef zum "Foto des Jahres" 2011 gewählt. Löffelbein ist der erste Deutsche, der den Wettbewerb gewinnt.

"Die Stimmung ist gespenstisch"

Sein Bild zeigt einen Jungen im Trainingsanzug, der einen Fernseher auf den Boden schleudert. Er steht in Plastiksandalen inmitten von Schrott, dunkler Rauch vernebelt den Himmel. "Ich stand schon eine ganze Weile auf dem Platz, es war der vierte oder fünfte Tag, den ich dort verbrachte. Der Junge lächelte mich an, wir nickten uns kurz zu, dann warf er den Fernseher wieder und wieder auf den Boden", sagt Löffelbein. Das Bild entstand um 14.27 Uhr und elf Sekunden. Ein Moment, festgehalten für die Ewigkeit. Eine Momentaufnahme, die steht für das Leben Hunderter.

"Andere Journalisten sprachen von Agbogbloshie immer als 'Vorhof zur Hölle'", sagt Löffelbein. "Erst als ich ankam, verstand ich, was sie meinten." Auf der Deponie lodern den ganzen Tag Feuer, die Kinder und Jugendlichen brennen die Gummiummantelungen der Kabel ab, um ihr kostbares Innenleben freizulegen. Am Tag, als das Foto entstand, brannte zusätzlich ein Stapel Autoreifen, in denen Stahl verarbeitet war. Die Deponie gilt größter Elektroschrottplatz der Welt.

"Der Rauch über dem Feld zieht nicht ab. Die Stimmung ist gespenstisch, oft kann man keine zwei Meter weit sehen. Der Nebel spuckt Menschen aus, die Fernseher oder Monitore auf dem Kopf tragen - und er verschluckt sie auch wieder."

Agbogbloshie ist ein Platz aus Sand, die Gifte, die aus den Geräten dringen, fließen ins Grundwasser. Forscher der Universität der Vereinten Nationen (UNU) haben nach eigenen Angaben in Bodenproben eine Konzentration von Schwermetallen gefunden, die bis zu 50-mal über den als gesundheitlich unbedenklich geltenden Werten liegt. Agbogbloshie ernährt Hunderte - und vergiftet sie.

Die Menschen eint der Traum von einem besseren Leben

20 Dollar verdienen die technischen Totengräber im Monat, meist sind es Jugendliche und Kinder, oft nicht älter als sechs Jahre. Viele von ihnen stammen aus dem armen Norden Ghanas, sie leben im angrenzenden Slum. Die Menschen haben ihm den Namen "Sodom und Gomorra" gegeben. Löffelbeins Serie, der auch das nun prämierte Bild entstammt, heißt in Anlehnung "Kids of Sodom".

Nur ein Fluss trennt die Siedlung von der Deponie. "Die Menschen haben mir erzählt, dass er in der Vergangenheit sehr fischreich war", sagt der Fotograf. "Nun ist das Wasser schwarz, in ihm schwimmen Computermonitore und Kühlschränke."

In der Hierarchie der Müllwelt nehmen die Kinder den untersten Platz ein. Sie machen in all dem Abfall die größte Drecksarbeit. Die Metalle, die sie finden und freibrennen, verkaufen sie an Zwischenhändler.

Die Deponie ist eine eigener kleiner Kosmos, es gibt so etwas wie Ordnung in all dem Chaos. Händler kommen nach Agbogbloshie, sie verdienen ihr Geld auf der rund vier Quadratkilometer großen Fläche. Sie verkaufen Obst, Gemüse, Wasser abgepackt in kleine Beutel. Mit ihm kühlen die Kinder aus Sodom ihre glühenden Kabel ab. Es gibt sogar einen Friseur "oder besser gesagt das, was man dort unter einem Friseur versteht", sagt Löffelbein. Einen Mann, ausgestattet mit einer Schere und einem elektrischen Rasierer. Hirten lassen auf der Deponie ihre Kühe weiden. Im Müll der westlichen Welt ist eine zweite Welt entstanden.

"Wenn ich mir die Bilder heute anschaue, habe ich den Gestank nach verbranntem Plastik noch immer in der Nase. Abends, wenn ich nach Hause kam, war meine Haut rußschwarz."

Löffelbein hat mit vielen der Menschen von Agbogbloshie gesprochen. "Sie alle sind dort, weil sie einen Traum haben von einem besseren Leben." Manche wollen ihre Schulausbildung beenden, andere hoffen, die Deponie irgendwann verlassen zu können - oder gar Afrika.

Den Jungen, den er an jenem Septembermittag fotografierte, hat Kai Löffelbein mehrere Tage lang gesucht. Er hat ihn nie wiedergesehen, seinen Namen kennt er nicht.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Lieber Spon,
hr_schmeiss 20.12.2011
gut, dass so was mehr bekannt wird, vielleicht grade im Weihnachtsrummel. Man denkt oft nicht dran, an diese andere Seite des Wohlstands & des Wachstums. Aber bitte: "Gummiummantelungen" mit 2 "L", und dann wüsste man vielleicht noch gerne, pro welcher Zeit die dort 20 Dollar verdienen...
2. Kinder
leser_81 20.12.2011
So schlimm das ist, doch ohne diesen Schrott hätten diese Menschen überhaupt keine Arbeit und würden betteln, sich Prostituieren, kriminell werden oder einfach verhungern. Spenden hilft auch nichts, da diese Länder noch nicht einmal garantieren können, dass die Spenden auch ankommen. Das grosse Problem der gesamten Menschenheit ist, dass wir über 7 Milliarden sind und grade die Bevölkerung in Afrika wächst sehr sehr schnell. Solange in gewissen Ländern 6 - 8 Kinder pro Frau kommen wird sich auch hier nichts ändern. Jedes Kind will konsumieren, will ein besseres Leben und haben auch Träume und Wünsche. Das Problem ist 7 Milliarden haben diese Träume. So lange die Bevölkerung gerade in solchen strukturschwachen Ländern Afrikas so zahlreich ist, wird es hier keine Besserung geben. Viele hier in Europa haben schon gesehen, dass das leben mit einem oder gar keinem Kind zu mehr Wohlstand und persönlicher Freiheit führt.
3. kein wunder
Nonvaio01 20.12.2011
Zitat von hr_schmeissgut, dass so was mehr bekannt wird, vielleicht grade im Weihnachtsrummel. Man denkt oft nicht dran, an diese andere Seite des Wohlstands & des Wachstums. Aber bitte: "Gummiummantelungen" mit 2 "L", und dann wüsste man vielleicht noch gerne, pro welcher Zeit die dort 20 Dollar verdienen...
Wenn der auf dem Foto auch noch ein Barca Trikot mit der Aufschrift Unicef traegt... Aber im ernst, wir wollen es doch so, es wurde sich doch schon aufgeregt wenn eine gebuehr fuers entsorgen faellig wird. Nichts bezahlen wollen aber dann den Moralapostel spielen wollen.
4.
eusebio1 20.12.2011
Zitat von sysopSie leben im Müll und vom Müll: Am Rande Accras in Ghana liegt die wohl größte Elektroschrottdeponie der Welt. Hier landen Fernseher, Computer und Kühlschränke, die Europa nicht mehr braucht. Kai Löffelbein hat das Leben der Menschen auf der Halde dokumentiert - und das Unicef-"Foto des Jahres" gemacht. Unicef-"Foto des Jahres": Die Kinder aus Sodom - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,804733,00.html)
überraschend, dass das UNICEF-Foto des Jahres ein Junge in Barcelona-Trikot mit UNICEF-Werbung ziert...
5. Europa schadet den Menschen überall!
.......... 20.12.2011
Jetzt gehen Europaer bei den Schwellenlaendern hausieren um für IWF Gelder zu sammeln damit sie weiter in Wohlstand leben und andere verhungern lassen können!
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