Unicef-Report zu Kinderrechten Versklavt, geschlagen, zwangsverheiratet

Mit fünf Jahren Arbeitskraft, mit zwölf Kindersoldat, mit 13 Braut: Millionen Mädchen und Jungen werden ihrer Kindheit beraubt. Der neue Unicef-Report nennt zwar Fortschritte - belegt aber auch das weltweite Leid.

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DPA

Manche Erfolgsmeldung kann grausam sein. 2012 starben weltweit 6,6 Millionen Kinder an vermeidbaren Krankheiten, weil sie keinen Zugang zu Impfungen, Medikamenten oder Aufklärungsmaterial hatten. Das sind sechs Millionen Tote weniger als 1989 - damals verabschiedete die Uno-Generalversammlung die Kinderrechtskonvention.

Es sagt einiges über die Situation von Kindern aus, wenn der Tod von 6,6 Millionen Mädchen und Jungen jährlich als großer Fortschritt gilt. Das weiß auch das Uno-Kinderhilfswerk Unicef, aus dessen aktuellem Jahresbericht die Zahl stammt.

"In Ländern, die sich in der Vergangenheit nicht um Kinderrechte gekümmert haben, kommen Armut, Unterernährung, schlechte Bildungs- und Gesundheitssysteme am häufigsten vor. Wir können es uns nicht leisten, dass eine weitere Generation unter diesen Bedingungen leidet", sagt Marta Santos Pais, Uno-Sonderbeauftragte zu Gewalt gegen Kinder, zu SPIEGEL ONLINE.

Stille Tragödie von Mangel- und Unterernährung

Der Report skizziert die Lage der rund 2,2 Milliarden Menschen unter 18 Jahren. Daten, Studien und Statistiken fügen sich zu einem trostlosen Bild. Einige Beispiele:

  • Jeden Tag sterben 18.000 Kinder unter fünf Jahren.
  • Fast 170 Millionen Minderjährige werden durch Arbeit ausgebeutet, in vielen Fällen wie Sklaven behandelt; fast die Hälfte von ihnen ist im Grundschulalter.
  • Nur fünf Prozent aller Kinder leben in Staaten, die jegliche Form der Gewalt gegen Kinder geächtet haben.
  • Unicef zitiert eine Studie der Weltgesundheitsorganisation, wonach allein in Europa 18 Millionen Kinder sexuell missbraucht und 44 Millionen körperlich misshandelt werden. Jährlich sei Kindesmisshandlung für mehr als 850 Todesfälle in Europa verantwortlich.
  • Fast 60 Millionen Kinder benötigen weltweit dringend lebensrettende humanitäre Hilfe.
  • 165 Millionen Kinder sind wegen Mangel- und Unterernährung körperlich und geistig zurückgeblieben - "eine stille Tragödie, die oft übersehen wird", schreibt Unicef.
  • Unicef schätzt, dass jedes Jahr 13,5 Millionen Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag zur Heirat gezwungen werden.

Hinter den Zahlen verbergen sich Geschichten wie von Hussein aus Syrien, Sonia aus Brasilien und Urmilla aus Indien.

Mit 13 Jahren wurde Urmilla mit einem gleichaltrigen Jungen verheiratet. Kurz darauf war sie schwanger, ihr Mann trat sie in den Bauch, sie erlitt eine Fehlgeburt, die Schwiegereltern verstießen sie.

Hussein wohnte mit seiner Familie in Homs. Die syrische Stadt war im Bürgerkrieg Ort erbitterter Kämpfe. Hussein und seine Familie leben nun in einer Notunterkunft.

Ein Cousin verging sich über Jahre an Sonia. Das Schicksal des Mädchens ist typisch: Laut Unicef gehen Gewalt und sexuelle Übergriffe in mehr als der Hälfte der Fälle von Familienmitgliedern oder Menschen aus dem näheren Umfeld von Kindern aus.

Bescheidene Fortschritte

"Wenn es um den Schutz von Kindern geht, können wir nicht aufgeben", sagt Pais. Hoffnung machen Fälle wie der von Fatma. Das Mädchen aus dem Sudan hatte Glück. Die Mutter entschied sich dagegen, Fatma beschneiden zu lassen. Dadurch entging die Fünfjährige der Genitalverstümmelung, unter der Millionen Mädchen weltweit leiden.

"Wo es Krieg, einen schwachen Rechtsstaat und Korruption gibt, ist es schwierig zu sagen, Kinderrechte sind oberste Priorität", sagt Pais. "Die Leute versuchen zu überleben - aber sie scheinen zu vergessen, dass Investitionen in Kinder Teil der Lösung für diese Probleme sein können."

Der Unicef-Bericht nennt Fortschritte, wenn sie sich auch im Vergleich bescheiden ausnehmen. So starben 2000 noch 482.000 Kinder unter fünf Jahren an Masern; 2012 nur noch 86.000. War 1990 rund ein Viertel aller Kinder untergewichtig, sind es nun noch 16 Prozent. 1990 besuchten nur 53 Prozent der Kinder in den ärmsten Ländern die Grundschule, 2011 waren es schon 81 Prozent.

Ob sich ein Kind entfalten kann, hängt von vielen Faktoren ab, etwa dem Wohlstand im Land und in der Familie, dem Geschlecht des Kindes und dem Wohnort, kurz: Es ist eine Lotterie. Überspitzt gesagt, hat niemand schlechtere Chancen als ein armes Mädchen aus einer ländlichen Region eines Entwicklungslandes.

Keine Geburtsurkunde, keine Hilfe

Vielen bleibt Hilfe von außen verwehrt, weil Helfer schlicht nicht von ihnen wissen. In Tansania etwa werden nur rund vier Prozent der Kinder aus armen Familien bei den Behörden registriert. "Es gibt Millionen Kinder ohne Geburtsurkunde. Das erschwert es ihnen, medizinische Versorgung zu bekommen oder zur Schule zu gehen. Und wenn ihre Rechte verletzt werden, sind sie komplett unsichtbar."

Um hilfsbedürftige Kinder zu unterstützen, braucht es laut Pais zwei Dinge: Eine bessere Vernetzung von Ministerien, Ländern und Kommunen. Und bessere Informationen über die Situation von Kindern - wer nicht weiß, wie viele Kinder Impfstoffe brauchen oder als Haushaltshilfen ausgebeutet werden, kann nicht sinnvoll einschreiten.

So bleibt die Uno-Kinderrechtskonvention auch 25 Jahre nach ihrer Verabschiedung in vielen Ländern nur ein Stück Papier. "Die Kinder sagen uns: 'Wir haben genug von Versprechungen. Wir wollen Ergebnisse sehen'", sagt Pais. "Und ich denke, sie haben lang genug gewartet."

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
nemensis_01 25.06.2014
1. Wenn
man sich unseren Entwicklungshilfeetat ansieht, wundert einen die Studie nicht. Und wenn man dann noch davon ausgeht, dass ein Grossteil der Gelder in irgendwelchen obskuren Organisationen versickert, dann sollte man eigentlich froh sein, dass der Bericht NUR so ist wie er ist. Aber Hauptsache wir schicken Soldaten in alle Welt, Herr Gauck.
gultimore 25.06.2014
2.
Wir schimpfen uns eine aufgeklärrte und gerechte Gesellschaft. Wer davon überzeugt ist, muss nur mal eine Umfrage starten, ob es ok ist, Kinder zur Erziehung zu schlagen. Wenn selbst bei uns viele Glauben, es ist ok oder gar richtig Kinder zu schlagen, wie soll es da nur ansatzweise mögliche sein, den Kindermisbrauch in anderen Länder mit weniger Aufklärungsmöglichkeiten einzudämmen?
pebcac 25.06.2014
3. Finde den Fehler
"...Mit 13 Jahren wurde Urmilla mit einem gleichaltrigen Jungen verheiratet. Kurz darauf war sie schwanger, ihr Mann trat sie in den Bauch,..." Btw. Von Zwangsheirat, Genitalvertümmelung, Vergewaltigung sind Jungen im selben Ausmaß wie Mädchen betroffen. Diese Opferolympiade: "...Überspitzt gesagt, hat niemand schlechtere Chancen als ein armes Mädchen aus einer ländlichen Region eines Entwicklungslandes...." schon bei Kindern ist abstoßend.
butalive76 25.06.2014
4. Absicht?
Das primäre Ziel der Entwicklungshilfe ist de facto Abhängigkeiten zu erhalten. Nur Geld den Regierungen geben, reicht nicht. Besser wäre es, direkt vor Ort Projekte zu unterstützen wie es NGOs auch machen, z. B. in Infrastruktur, Wirtschaft und Sozialsysteme.
felisconcolor 25.06.2014
5. warum schreibt man
von einem weltweiten Problem? Es betrifft leider Gott sei Dank nicht die ganze Welt. Aber in der Folge der überbordenden politischen Korrektheit kann oder darf man gewisse Kinder halt nicht mehr beim Namen nennen. Es sind Staaten die sämtliche Wertenormen über den Haufen geworfen haben und nicht einmal davor zurück schrecken ihre eigenen Landleute zu versklaven. Und das liegt eben nicht nur daran das sich "der Westen" überall einmischen musste. Und an den Folgen jahrzehntelanger Kolonialisierung liegt es auch nicht. Denn die liegt auch schon Jahrzehnte zurück.
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