Unicef-Report 2015 Das Kind als Flüchtling, Zielscheibe, Soldat

Kampfgebiete sind ihr Spielplatz, Tod und Angst prägen ihren Alltag: Ein Unicef-Bericht zeigt die Lage von Kindern in Krisenregionen. Für viele Millionen war 2014 ein besonders schwieriges Jahr.

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"Am liebsten habe ich mit meiner Puppe gespielt. Aber meine Puppe ist bestimmt kaputt. Ich musste sie zu Hause lassen. IS hat alles kaputt gemacht", sagt Sama. Die Fünfjährige ist vor dem Terror des "Islamischen Staates" in ein Lager im Nordirak geflohen.

James John, 13, war Kindersoldat im Südsudan. "Unsere Feinde haben meine Schwester, meinen Onkel und andere Familienmitglieder getötet", sagt er. Er habe sich der Cobra-Miliz angeschlossen, einer Einheit von Kindersoldaten. Doch ein gutes Leben habe die ihm auch nicht bieten können. Manchmal habe er drei oder vier Tage mit schwerer Ausrüstung laufen müssen. Nun liegt die Zeit als Kindersoldat hinter ihm. "Ich möchte jetzt in die Schule gehen. Ich habe noch nie eine besucht, und wenn ich meinen Abschluss habe, möchte ich den Menschen in meiner Gemeinde helfen, sich zu ernähren. Ich würde es nicht zulassen, dass sie Soldaten werden."

Eine Achtjährige aus der Demokratischen Republik Kongo erzählt vier Wochen nach ihrer Vergewaltigung: "Sobald es mir bessergeht, möchte ich nach Hause und wieder zur Schule gehen. Meine Eltern haben nach dem Angriff so viel geweint. Ich möchte, dass sie wieder glücklich und stolz auf mich sein können."

Die Schicksale von Sama, James John und der vergewaltigten Achtjährigen stehen für das Elend von Kindern in Kriegs- und Krisengebieten. Ihnen ist der Unicef-Report 2015 gewidmet, der heute als Taschenbuch erscheint. Er heißt "Kinder zwischen den Fronten". "2014 war ein besonders schwieriges Jahr für Kinder in Konfliktregionen", sagt Ted Chaiban, Leiter der weltweiten Unicef-Programme, SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL ONLINE

  • Schätzungen zufolge wurden 2014 rund 230 Millionen Kinder in Kriegs- und Krisengebieten auf.
  • Rund die Hälfte der 60 Millionen Flüchtlinge weltweit - ein Rekordstand seit dem Zweiten Weltkrieg - sind Kinder.
  • Nach Angaben des Uno-Sicherheitsrats gab es im vergangenen Jahr 23 Konflikte, in denen Kinder Opfer schwerster Menschenrechtsverletzungen waren.
  • Konfliktparteien - meist nicht-staatliche Verbände, selten Regierungstruppen - instrumentalisieren Kinder, um Terror zu verbreiten und Bevölkerungen zu unterdrücken: Kinder werden laut Unicef gezielt entführt, als Sexsklaven missbraucht, als Soldaten oder Selbstmordattentäter in den Tod geschickt.
  • Die Zahl der Konflikte und Betroffenen erfordere ein "nie dagewesenes Maß an Nothilfe", heißt es von Unicef. 2015 brauchen demnach mehr als 62 Millionen Kinder Hilfe, um Zugang zu Nahrung, Trinkwasser und medizinischer Versorgung zu bekommen - und vor allem vor Gewalt geschützt zu werden.

Unicef braucht nach eigenen Angaben 2015 rund 3,1 Milliarden Dollar, um den 62 Millionen Betroffenen in insgesamt 71 Ländern zu helfen. "Oft handelt es sich um vergessene Konfliktregionen, weil die Krisen dort schon so lange bestehen", sagt Chaiban. Beispiele sind Somalia oder die Zentralafrikanische Republik.

"Wir müssen ins Überleben und die Entwicklung dieser Kinder investieren", sagt Chaiban. "Wir können es uns nicht leisten, dass in Ländern wie Syrien oder dem Sudan verlorene Generationen aufwachsen." Auf seinen Reisen habe er etwa eine Mutter aus der zerstörten syrischen Stadt Homs getroffen. Nach der Sicherung des Überlebens sei Bildung "die erste Sache, nach der diese Leute fragen". Ohne Chance auf Bildung "wachsen diese Kinder auf und setzen den Teufelskreis der Gewalt fort".

Es gibt Erfolge, auch wenn sie sich im Vergleich zu den Problemen klein anfühlen mögen. Im Südsudan wird mit der Hilfe von Unicef die Cobra-Miliz demobilisiert. Die Mitglieder waren teilweise erst neun Jahre alt. Und Unicef hat es nach eigenen Angaben geschafft, mehr als 500.000 syrischen Flüchtlingskindern den Schulbesuch zu ermöglichen.

Chaiban sieht das als Zeichen der Hoffnung. "Wenn man diese Kinder trifft, begreift man, dass sie Potenzial haben. Und man merkt, wie belastbar sie sind." Mit Unterstützung könnten sie werden, was die Krisengebiete dringend brauchen: "Agenten der Hoffnung und des Wiederaufbaus".


Zusammengefasst: Der Unicef-Report "Kinder zwischen den Fronten" dokumentiert die Lage von Minderjährigen in Kriegs- und Krisengebieten. Weltweit sind 230 Millionen Kinder betroffen. Unicef braucht im laufenden Jahr 3,1 Milliarden Dollar, um seine Hilfen für Betroffene in 71 Ländern aufrechtzuerhalten. Für manche Konfliktregionen wie Syrien oder den Sudan ist erst etwa ein Drittel der Finanzmittel gesichert.

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Seite 1
infonetz 30.06.2015
1.
Der Mensch ist nur mal das grausamste Lebewesen was die Evolution je hervorgebracht hat. Wir zerstören nicht nur aus Gier von anderen Lebewesen den Lebenraum NEIN wir Massakrieren uns sogar gegenseitig. Ich glaube das wir nicht das "Ende" der Evolution sind sondern eher einen schlechte Erfahrung für eben diese. Darum wird es uns in ein paar Tausend oder Hundertausend Jahren auch nicht mehr geben. Die Erde wird sich aber weiter drehen und die Evolution neues hervorbringen.
annettkuhn 30.06.2015
2. Verantwortung
Hier sollte sich der Westen mal Fragen, ob Resourcen über den Kindern stehen!
janjibe 30.06.2015
3. Ich glaube...
...nicht an Gott, aber ich hoffe auf die Hölle... Genau die Hölle, die diesen Kindern hier auf Erden beschert wird/wurde, soll die Verursacher heimsuchen ob jetzt oder nach Ihrem Tod ist mir egal...
analyse 30.06.2015
4. Da kein Land dem es besser geht,alles Elend dieser Welt
sofort beenden kann,müssen Prioritäten gesetzt werden:Kinder,die Opfer schwerster Menschenrechtsverletzungen sind müßten an erster Stelle stehen !
herzblutdemokrat 30.06.2015
5. @1
Als erstes wäre es notwendig Religionen abzuschaffen. Sie bringen alles böse hervor. Religiöse Konflikte sind meistens am schlimmsten.
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