Internationale Vergleichsstudie: Unicef beklagt deutsche Kinderarmut
Keine tägliche warme Mahlzeit, kein Platz für Hausaufgaben, nur ein Paar Schuhe - so beschreibt Unicef in einer neuen Studie die Situation armer Kinder in Deutschland. Im Vergleich zu anderen wohlhabenden Ländern landete die Bundesrepublik nur im Mittelfeld.
Hamburg - Das Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) spricht von einem enttäuschenden Ergebnis: Für seine aktuelle Studie "Kinderarmut messen - Neue Ranglisten der Kinderarmut in den reichen Ländern der Welt" hat Unicef insgesamt 29 Nationen miteinander verglichen - und Deutschland landete demnach auf dem 15. Platz. Schon wieder nur Mittelfeld. Schon wieder Durchschnitt.
Die Studie listet einen "Index der Entbehrungen" auf, die einem Kind in einem wohlhabenden Land zur Verfügung stehen sollten. Dazu gehören laut Unicef:
Wenn ein Kind mehr als zwei dieser Dinge nicht hat, wird dies von Unicef als Hinweis auf eine "besondere Mangelsituation" gewertet.
In Deutschland liegt der Anteil der Kinder, die in einer solchen Situation groß werden, nach Unicef-Angaben bei 8,8 Prozent, in Dänemark zum Beispiel bei nur 2,6 und in Schweden bei 1,3 Prozent. Diese beiden Länder seien jedoch nicht wesentlich reicher als Deutschland, sondern lägen beim Pro-Kopf-Einkommen und der wirtschaftlichen Entwicklung auf ähnlichem Niveau. Sogar Großbritannien, wo die Wirtschaftlage schlechter ist, schnitt bei der Studie besser ab.
Demnach war die Situation für Kinder in den skandinavischen Staaten am besten, allen voran Island und Schweden. Auf den letzten Plätzen landeten die ärmeren Länder Europas wie Rumänien, Bulgarien und Ungarn.
Worauf deutsche Kinder verzichten müssen
In Deutschland wachsen dem Bericht zufolge etwa 1,2 Millionen Mädchen und Jungen in relativer Armut auf. "Es ist enttäuschend, dass Deutschland es nicht schafft, die materiellen Lebensbedingungen für Kinder entscheidend zu verbessern", sagte der Geschäftsführer von Unicef-Deutschland, Christian Schneider.
Die wichtigsten Ergebnisse des Unicef-Berichts im Überblick:
- 6,7 Prozent der deutschen Kinder fehlt es an Freizeitaktivitäten
- 4,9 Prozent müssen auf eine tägliche warme Mahlzeit verzichten, das ist nahezu 1 von 20 Kindern
- 4,4 Prozent haben keinen Platz, an dem sie ihre Hausaufgaben machen können
- 3,7 Prozent besitzen höchstens ein Paar Schuhe
- 3,1 Prozent der unter 16-Jährigen erhalten nie neue Kleidung, sondern zum Beispiel getragene von älteren Geschwistern
- 3 Prozent leben in einem Haushalt ohne Internetanschluss
Ein Internetanschluss könne heutzutage nicht mehr als Luxus gelten, sagte Unicef-Sprecherin Helga Kuhn: "Ein Kind, das nicht lernt, mit dem Internet umzugehen, ist in einer Informationsgesellschaft gegenüber den anderen deutlich benachteiligt."
Die Situation der Mütter und Väter ist den Angaben zufolge ein entscheidender Faktor: In 42,2 Prozent der Fälle, in denen Unicef eine "besondere Mangelsituation" ausmacht, sind die Eltern arbeitslos, 35,6 Prozent haben lediglich einen niedrigen Bildungsabschluss. "Deutschland tut schon viel, um die Situation der Kinder zu verbessern, aber nicht genug", sagte Kuhn.
Grundlage für die am Dienstag veröffentlichte Studie ist eine repräsentative Erhebung der Europäischen Union, für die 125.000 Haushalte erstmals nach Daten zu Kindern befragt wurden.
aar/dpa/dapd
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