Internationale Vergleichsstudie: Unicef beklagt deutsche Kinderarmut

Keine tägliche warme Mahlzeit, kein Platz für Hausaufgaben, nur ein Paar Schuhe - so beschreibt Unicef in einer neuen Studie die Situation armer Kinder in Deutschland. Im Vergleich zu anderen wohlhabenden Ländern landete die Bundesrepublik nur im Mittelfeld.

Mädchen in Berlin: Unicef beklagt die schlechte Situation von armen Kindern in Deutschland Zur Großansicht
dapd

Mädchen in Berlin: Unicef beklagt die schlechte Situation von armen Kindern in Deutschland

Hamburg - Das Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) spricht von einem enttäuschenden Ergebnis: Für seine aktuelle Studie "Kinderarmut messen - Neue Ranglisten der Kinderarmut in den reichen Ländern der Welt" hat Unicef insgesamt 29 Nationen miteinander verglichen - und Deutschland landete demnach auf dem 15. Platz. Schon wieder nur Mittelfeld. Schon wieder Durchschnitt.

Die Studie listet einen "Index der Entbehrungen" auf, die einem Kind in einem wohlhabenden Land zur Verfügung stehen sollten. Dazu gehören laut Unicef:

  • Drei Mahlzeiten am Tag
  • Eine warme Mahlzeit täglich (mit Fleisch, Fisch oder einem vegetarischen Äquivalent)
  • Täglich frisches Obst und Gemüse
  • Altersgerechte Bücher (nicht ausschließlich Schulbücher)
  • Spielzeug für Aktivitäten im Freien
  • Regelmäßige Freizeitaktivitäten, zum Beispiel in Sportvereinen, Jugendorganisationen oder das Erlernen eines Musikinstruments
  • Mindestens ein altersgerechtes Spielzeug pro Kind - zum Beispiel Bauklötze, Brett- oder Computerspiele
  • Geld, um an Schulausflügen oder Veranstaltungen teilzunehmen
  • Ein ruhiger Platz für Hausaufgaben
  • Ein Internetanschluss
  • Einige neue Kleidungsstücke (nicht ausschließlich bereits getragene Sachen)
  • Zwei Paar Schuhe, wenigstens eins davon wetterfest
  • Möglichkeit, ab und zu Freunde zum Spielen und Essen nach Hause einzuladen
  • Möglichkeit, Geburts- oder Namenstage sowie religiöse Feste zu feiern
  • Wenn ein Kind mehr als zwei dieser Dinge nicht hat, wird dies von Unicef als Hinweis auf eine "besondere Mangelsituation" gewertet.

    In Deutschland liegt der Anteil der Kinder, die in einer solchen Situation groß werden, nach Unicef-Angaben bei 8,8 Prozent, in Dänemark zum Beispiel bei nur 2,6 und in Schweden bei 1,3 Prozent. Diese beiden Länder seien jedoch nicht wesentlich reicher als Deutschland, sondern lägen beim Pro-Kopf-Einkommen und der wirtschaftlichen Entwicklung auf ähnlichem Niveau. Sogar Großbritannien, wo die Wirtschaftlage schlechter ist, schnitt bei der Studie besser ab.

    Demnach war die Situation für Kinder in den skandinavischen Staaten am besten, allen voran Island und Schweden. Auf den letzten Plätzen landeten die ärmeren Länder Europas wie Rumänien, Bulgarien und Ungarn.

    Worauf deutsche Kinder verzichten müssen

    In Deutschland wachsen dem Bericht zufolge etwa 1,2 Millionen Mädchen und Jungen in relativer Armut auf. "Es ist enttäuschend, dass Deutschland es nicht schafft, die materiellen Lebensbedingungen für Kinder entscheidend zu verbessern", sagte der Geschäftsführer von Unicef-Deutschland, Christian Schneider.

    Die wichtigsten Ergebnisse des Unicef-Berichts im Überblick:

    • 6,7 Prozent der deutschen Kinder fehlt es an Freizeitaktivitäten
    • 4,9 Prozent müssen auf eine tägliche warme Mahlzeit verzichten, das ist nahezu 1 von 20 Kindern
    • 4,4 Prozent haben keinen Platz, an dem sie ihre Hausaufgaben machen können
    • 3,7 Prozent besitzen höchstens ein Paar Schuhe
    • 3,1 Prozent der unter 16-Jährigen erhalten nie neue Kleidung, sondern zum Beispiel getragene von älteren Geschwistern
    • 3 Prozent leben in einem Haushalt ohne Internetanschluss

    Ein Internetanschluss könne heutzutage nicht mehr als Luxus gelten, sagte Unicef-Sprecherin Helga Kuhn: "Ein Kind, das nicht lernt, mit dem Internet umzugehen, ist in einer Informationsgesellschaft gegenüber den anderen deutlich benachteiligt."

    Die Situation der Mütter und Väter ist den Angaben zufolge ein entscheidender Faktor: In 42,2 Prozent der Fälle, in denen Unicef eine "besondere Mangelsituation" ausmacht, sind die Eltern arbeitslos, 35,6 Prozent haben lediglich einen niedrigen Bildungsabschluss. "Deutschland tut schon viel, um die Situation der Kinder zu verbessern, aber nicht genug", sagte Kuhn.

    Grundlage für die am Dienstag veröffentlichte Studie ist eine repräsentative Erhebung der Europäischen Union, für die 125.000 Haushalte erstmals nach Daten zu Kindern befragt wurden.

    aar/dpa/dapd

    Diesen Artikel...
    • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
    • Auf anderen Social Networks teilen

    Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
    insgesamt 161 Beiträge
    Alle Kommentare öffnen
        Seite 1    
    1. Meine Güte...
    vogtnuernberg 29.05.2012
    Zitat von sysopdapdKeine tägliche warme Mahlzeit, kein Platz für Hausaufgaben, nur ein Paar Schuhe - so beschreibt Unicef in einer neuen Studie die Situation armer Kinder in Deutschland. Im Vergleich zu anderen wohlhabenden Ländern landete die Bundesrepublik nur im Mittelfeld. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,835706,00.html
    Unser Sohn ist also arm !•Ein Internetanschluss Bekommt er aus Prinzip nicht, bevor er nicht 12 ist. •Einige neue Kleidungsstücke (nicht ausschließlich bereits getragene Sachen) Er trägt die Klamotten seiner Schwester und seines Cousins. Die sind noch super in Schuss und ich sehe nicht ein Kohle auszugeben für überteuerte neue Klamotten. Auch wenn wir ein Einkommen von 5000 Euro netto haben. Reich wird man nicht durch Geld ausgeben. •Zwei Paar Schuhe, wenigstens eins davon wetterfest Hat er, auch gebraucht von der Schwester. •Möglichkeit, ab und zu Freunde zum Spielen und Essen nach Hause einzuladen Nun ja, kann er, aber warum sollte ich Kinder durchfüttern, die ihrerseits unseren Sohn nicht einladen? •Möglchkeit, Geburts- oder Namenstage sowie religiöse Feste zu feiern Braucht man dafür Geld? Wäre mir neu.
    2. Freizeitaktivitäten.. Hmm..
    Vier 29.05.2012
    Alles andere, kein Problem, dafür arbeiten wir, das geht mit dem Geld ohne Probs - aber die Zeit zum Hin-und-Herkutschen zu Sportvereinen, die ist tatsächlich ein rares Gut. Schon shice, irgendwie.
    3. Endlich greift UNICEF ein
    fortion 29.05.2012
    Ein Land das derart hochverschuldet ist wie Deutschland und wo Kinder Armut leiden müssen kann und darf nicht die Schulden eines ganzen Kontinents tragen. Unsere Politiker sollen lieber ihre Hausaufgaben machen, bevor sie überall die Welt retten wollen.
    4. Das ist ein kulturelles Problem
    bolonch 29.05.2012
    Wenn man sich die Unicef-Liste anguckt (die ist übrigens nicht schlecht), ist da nichts dabei, was sich eine Familie nicht leisten kann. Bis zu zwei Punkte (also z.B. ein ruhiger Platz zu Hause und ein Internetanschluss) können ja auch wegfallen. Das Problem ist dann eher, dass man das Geld woanders ausgibt. Wenn das Geld tatsächlich nicht reicht, z.B. wegen Sucht oder psychischer Probleme, ist natürlich ein Eingreifen des Staates nötig.
    5.
    032wiamu 29.05.2012
    Also mein einjähriger Sohn hat: - kein Internetanschluss - kein ruhiger Platz für Hausaufgaben - kein Geld, um an Schulausflügen oder Veranstaltungen teilzunehmen - ist in keinem Sportvereinen, Jugendorganisationen oder erlernt ein Musikinstrument und damit in "besondere Mangelsituation" ich fühl mich schlecht...
    Alle Kommentare öffnen
        Seite 1    
    News verfolgen

    HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

    alles aus der Rubrik Panorama
    Twitter | RSS
    alles aus der Rubrik Gesellschaft
    RSS
    alles zum Thema Unicef
    RSS

    © SPIEGEL ONLINE 2012
    Alle Rechte vorbehalten
    Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



    • Drucken Senden
    • Nutzungsrechte Feedback
    • Kommentieren | 161 Kommentare