Uno-Bericht zu Kinderrechten in der Kirche Katalog der gelebten Doppelmoral

Die Uno kritisiert die katholische Kirche für ihren Umgang mit Kindern - insbesondere Missbrauch, Vertuschung, Züchtigung. Das Fazit: Der Vatikan schütze seinen Ruf, nicht die Rechte Minderjähriger. Der Report ist eine weltliche Abrechnung mit der kirchlichen Doppelmoral.

Von


Hamburg - Es ist ein Aufeinanderprallen zweier Welten: Die Vereinten Nationen, gegründet, um den Weltfrieden zu sichern - und die Weltkirche, die seit jeher Sonderrechte pflegt und verteidigt, vor allem gegen einen sich wandelnden Zeitgeist. Die Vereinten Nationen haben dem Vatikan in ihrem aktuellen Bericht zu Kinderrechten ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Der Kirchenstaat sei vor allem darauf bedacht, sich selbst zu schützen - nicht aber die Kinder in seiner Obhut. Schadensbegrenzung heißt aus Sicht der katholischen Kirche demnach, Schaden von der eigenen Reputation abzuwenden.

Das Uno-Komitee für die Rechte des Kindes hält der Kirche einen weltlichen Spiegel vor. Sein Bericht leistet nicht weniger, als die Doppelmoral der Kirche zu enttarnen. Er zeigt Punkt für Punkt auf, wie die Kirche den Schutz der Schwachen versäumt und sich zur Rechtfertigung hinter Glaubensgrundsätzen verschanzt.

Auf die Veröffentlichung folgte prompt die reflexartige Reaktion aus Rom. Der Bericht, der unter anderem den Umgang der katholischen Kirche mit Homosexualität und Abtreibung anprangert, sei der Versuch eines Eingriffes in die katholische Lehre, hieß es. Tatsächlich legt der Bericht Maßstäbe an, die den katholischen Glaubensgrundsätzen widersprechen. Die Uno setzt die Kinderrechte absolut. Sie sind die Grundlage der Bewertung.

So sehr die katholische Kirche auf ihren Grundsätzen beharrt, so sehr offenbart sich, wie lebensfern einige der Überzeugungen heute anmuten. Der Report der Vereinten Nationen macht deutlich, zu welchen Mitteln die Kirche greift, um die Diskrepanz zwischen Glaubensgrundsätzen und weltlicher Realität zu kaschieren.

Welche Punkte prangert der Uno-Bericht an?

1. Die Kirche schützt Kinder nicht ausreichend vor Diskriminierung.
Im Gegenteil: Allein durch die Bezeichnung 'außereheliche Kinder' würden diese benachteiligt, schreibt die Uno. Zudem diskriminiere die Kirche Homosexuelle und somit auch Jugendliche und Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufwachsen. Die Uno fordert den Vatikan auf, die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung zu stoppen und in katholischen Schulbüchern auf Geschlechtsstereotype zu verzichten.

2. Die Kirche stellt ihre eigenen Interessen über die der Kinder. "Das Komitee ist besorgt darüber, dass die Kirche im Umgang mit sexuellem Missbrauch stets den Ruf der Kirche und die Interessen der Täter über den Schutz der Kinder gestellt hat", heißt es in dem Bericht. So deutlich wurde der Kirche ihr Versagen selten attestiert. Die Uno rät dem Vatikan, ein Papier zu verteilen, welches darlegt, dass in Missbrauchsfällen das Interesse des Kindes im Vordergrund stehen solle.

3. Die Kirche nimmt Kinder nicht ernst genug.
Katholische Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung sollen Mädchen und Jungen anhören, wenn es um ihre Belange geht.

4. Die Kirche verwehrt Kindern das Recht auf Herkunft.
Vor allem die Kinder von Priestern erfahren oft nicht, wer ihr leiblicher Vater ist - die Kirche schützt die Vertuschung, statt Konzepte zu entwickeln, die der Vaterschaft von Geistlichen gerecht werden. Explizit prangert der Bericht an, dass Frauen, die ein Kind von einem Priester erwarten, durch Zahlungen der Kirche dazu bewegt werden sollen, zu schweigen. Durch das Geld erkauft sich die Kirche Verschwiegenheit, statt die Situation der Kinder zu verbessern. Auch durch Baby-Klappen wird Kindern aus Sicht der Uno ihr Recht auf Herkunft verwehrt. Vielmehr müsse die Kirche Hilfestellungen bieten, um Schwangere zu unterstützen und über Verhütungsmöglichkeiten aufzuklären.

5. Die Kirche bietet Kindern keinen ausreichenden Schutz vor körperlicher Gewalt.
Als besonders grausames Beispiel nennt der Bericht die Magdalenen-Heime in Irland. Junge Frauen wurden dort bis zum Jahr 1996 gezwungen, ohne Entlohnung körperlich harte Arbeit zu verrichten. Es kam dort auch zu körperlichen Misshandlungen. Die Uno kritisiert: "Es wurde nichts unternommen, um das Verhalten der Ordensschwestern, die die Wäschereien betrieben, zu untersuchen, und es wurde nicht mit staatlichen Ermittlern kooperiert, um die für den Missbrauch Verantwortlichen und diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die von der Arbeit der Mädchen profitierten." Die Uno mahnt außerdem Ausgleichszahlungen und eine intensive Aufarbeitung an.

6. Die Kirche tut zu wenig, um körperliche Züchtigung zu verbieten.
Die Uno fordert vom Vatikan, Schläge in allen katholischen Schulen zu verbieten und zu ahnden.

7. Die Kirche schützt Kinder nicht ausreichend vor sexuellem Missbrauch.
Die Uno attestiert der Kirche Nachlässigkeit im Umgang mit den Tätern: Diese würden durch interne Versetzungen geschützt - dadurch würden immer neue Kinder gefährdet. Die Kirche schützt laut Uno die Täter außerdem vor einer Strafverfolgung durch die staatlichen Behörden und sichert ihnen Stillschweigen zu. Die Vereinten Nationen nennen den Fall des kolumbianischen Kardinals Hojos, der 2001 einem Bischof dazu gratulierte, des Missbrauchs verdächtige Geistliche nicht mit Namen zu nennen. Die Uno rät der Kirche, den Dialog mit Opferorganisationen zu suchen, mit staatlichen Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten und den Missbrauch ernst zu nehmen.

8. Die Kirche entzweit Kinder und ihre Eltern.
Organisationen wie die Legionäre Christi sorgen laut Uno dafür, dass sich Kinder und Jugendliche von ihren Familien entfremden. Die Uno spricht von einer Manipulation durch Gruppen, die der Kirche nahestehen. Vergleichbares schildern auch Eltern, die ihre Kinder an das Engelwerk verloren haben.

9. Die Kirche schützt die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nicht ausreichend.
Die Uno kritisiert das grundsätzliche Verbot von Verhütung und Abtreibung. Benannt werden sexuell übertragbare Krankheiten sowie HIV. Außerdem weist die Uno auf die hohe Müttersterblichkeit in einigen Ländern hin. Explizit verweist der Bericht auf einen Fall aus dem Jahr 2009. Eine neunjährige Brasilianerin war damals mutmaßlich von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden und schwanger. Ein Arzt nahm eine Abtreibung vor. Als Reaktion wurden der Mediziner und die Mutter des Mädchens exkommuniziert.

10. Die Kirche tut zu wenig für den Opferschutz.
Der Report bemerkt, dass Familien, deren Kinder in katholischen Einrichtungen misshandelt wurden, durch religiöse Autoritäten eingeschüchtert worden sind. Ziel sei es gewesen, die Opfer kleinzuhalten. Stattdessen müssten die Opfer bestärkt und unterstützt werden, schreibt die Uno.

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.