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Unrecht gegen Heimkinder: "Ich bin hier nicht als Bittstellerin"

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Eingesperrt, misshandelt, gedemütigt: Mehr als eine halbe Million Kinder litten in Westdeutschland in kirchlichen und staatlichen Erziehungsheimen. Jetzt soll eine Kommission das Geschehen aufarbeiten. Streit um Wiedergutmachungszahlungen lässt sich dabei kaum ausklammern.

Berlin - "Mein ganzes Leben schämte ich mich, im Heim gewesen zu sein, ich glaubte, ich sei gekennzeichnet und jeder würde es sofort merken." Als Sonja Djurovic, 59, davon sprach, was es heute noch für sie bedeutet, ein Heimkind gewesen zu sein, wurde es ganz still im Saal 1001 des Deutschen Bundestages.

Dort, wo jetzt erstmals eine Art "Wahrheitskommission" zusammenkam, wie es deren Leiterin Antje Vollmer nannte: ein nationaler Runder Tisch, der die Schicksale von Betroffenen aufarbeiten und historisch einordnen soll. Auch ehemalige Erzieher sollen gehört werden. Doch am Dienstag hatten zunächst die Opfer der deutschen Erziehung im Namen von Zucht und Ordnung das Wort.

"Ich bin hier nicht als Bittstellerin, sondern ich verlange im Namen aller ehemaligen Heimkinder eine angemessene Entschädigung als Wiedergutmachung für das an uns begangene Unrecht!", bekräftigte Sonja Djurovic, eine zierliche Frau, die ab 1964 in einem evangelischen Heim in Franken weggesperrt worden war - mehr als vier Jahre lang. Einziger Grund: Ein Freund der Familie hatte versucht, das damals 14-jährige Mädchen zu vergewaltigen. Der Mann kam frei - Sonja ins Erziehungsheim.

"Man hat uns verachtet und uns das auch spüren lassen"

Sonja und die anderen Mädchen mussten in der Landwirtschaft, in der Wäscherei und Näherei hart arbeiten - ohne Lohn. "Wir hatten absolut keine Bildungschancen, die Menschenrechte galten nicht mehr: Briefe wurden zensiert, es gab unmenschliche Strafen, die an Folter grenzten, bei geringsten Vergehen wurde man zusätzlich eingesperrt." Sonja wurde depressiv, weil sie mehr und mehr glaubte, sie selbst trage die Schuld an allem. An ihrem 21. Geburtstag stürzte sie sich aus einem Fenster. Sie überlebte, nach wochenlangem Koma.

"Man hat uns verachtet und uns das auch spüren lassen, alles im Namen einer christlichen Erziehung. Bei vielen Zehntausenden in Deutschland hat das bis heute schwerste Schäden hinterlassen", so Djurovic.

Am Runden Tisch sitzen Vertreter von Caritas und Diakonie, der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Bischofskonferenz - und wirken nach diesem Appell sichtlich betroffen.

Die katholischen Orden, die bis in die neunziger Jahre viele der westdeutschen Erziehungsheime betrieben haben, mochten nicht direkt dabei sein am Runden Tisch. Dabei treffen ihre Häuser mit den oft wohlklingenden Namen wie "Zum guten Hirten", "Mädchenheim Vincenzhaus" oder "Marienheim" oft die schwersten Vorwürfe bis hin zu zahlreichen Berichten über sexuellen Missbrauch.

Der Runde Tisch unter der Leitung Antje Vollmers wurde auf Empfehlung des Petitionsausschusses des Bundestags eingerichtet. Er soll zwei Jahre lang das Unrecht aufarbeiten, das Kinder zwischen den fünfziger und siebziger Jahren in Heimen der Bundesrepublik erdulden mussten. Auslöser war das 2006 erschienene SPIEGEL-Buch "Schläge im Namen des Herrn", in dem erstmals über das Schicksal ehemaliger Heimkinder berichtet wurde.

"Gewalt war nicht grundsätzlich an der Tagesordnung"

In diesem und im nächsten Jahr sind insgesamt zehn Sitzungen geplant, ein Abschlussbericht soll 2010 vorliegen. Ab sofort wird auch eine telefonisch erreichbare Anlaufstelle für Heimkinder geschaffen.

Zu Beginn des Runden Tisches hielt Vollmer selbst Entschädigungen nicht für ausgeschlossen. Es müsse aber nun "ergebnisoffen" beraten werden. "Wer mitdiskutiert, ist am Ende auch für das Ergebnis mitverantwortlich." Zum jetzigen Zeitpunkt sei jedoch "nichts garantiert", sagte die Vorsitzende des Runden Tisches und ehemalige Bundestagsvizepräsidentin.

Die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche bedauerten in kurzen Statements das Leid der Betroffenen. "Vielleicht kann auch Versöhnung am Ende gelingen", meinte Hans Ulrich Anke von der EKD. "Kinder wurden Opfer von Misshandlung und Ausbeutung. Sie waren einer übelsten Erziehung ausgeliefert. Es tut uns unendlich leid", man werde sich auch Entschädigungsfragen nicht von vorneherein verschließen.

Der Vertreter, den die katholische Bischofskonferenz aus ihrer Bonner Zentrale geschickt hatte, Johannes Stücker-Brüning, war weitaus zurückhaltender. Die deutschen Bischöfe "bedauern es auch, dass Kindern und Jugendlichen Leid zugefügt" worden sei, sagte er zunächst.

Die Bischofskonferenz habe aber "großes Interesse an mehr Gewissheit über diese Einrichtungen". Dann ließ Stücker-Brüning die Katze aus dem Sack: Eine von ihnen gemachte "Sachstandserhebung" habe ergeben, dass "Gewalt nicht grundsätzlich in katholischen Heimen an der Tagesordnung war".

Diese erste Ausarbeitung sei jedoch nur regional erfolgt und daher nicht wirklich aussagekräftig, sie wurde auch nicht publiziert. Daher habe man nun an der Universität Bochum ein neues Forschungsprojekt mitfinanziert.

"In massiver Form Rechte von Kindern verletzt"

Diese Auftragsforschung soll nun also offenbar der weiteren Entlastung dienen. Große Bereitschaft der Katholiken, auch finanziell für eine Wiedergutmachung der Schäden der ihnen einst anvertrauten Menschen heute aufzukommen, signalisierten seine Ausführungen jedenfalls nicht. Aber immerhin, so schloss Stücker-Brüning: "Wir beteiligen uns an der ergebnisoffenen Diskussion dieser kleinen Wahrheitskommission".

Andere Experten am Runden Tisch, die sich zum Versagen der Jugendhilfe und ihrer eigenen Verantwortung bereitwilliger stellen, äußerten sich weitaus klarer.

Der Vorsitzende des Deutschen Institutes für Jugendhilfe und Familienrecht in Heidelberg, Thomas Mörsberger, bekannte: "Erschreckend ist die Erkenntnis, dass auch zu einer Zeit, als sich die Bundesrepublik schon als freiheitlicher demokratischer Rechtsstaat verstanden hat, in massiver Form elementare Rechte von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Jugendhilfe verletzt worden sind."

Hans-Siegfried Wiegand, Vorsitzender des Vereins ehemaliger Heimkinder, erwartet nun "zwei äußerst spannende Jahre am Runden Tisch".

Für ihn waren die Äußerungen der hannoverschen Bischöfin Margot Käßmann wohltuend, die gesagt hatte, sie schäme sich dafür, dass in den kirchlichen Einrichtungen der Wille der Kinder gebrochen worden ist. "Damit hat sie eine Brücke zu uns geschlagen." Aber nur, fügt er hinzu, "nur, wenn beide Kirchen eine Brücke zu uns schlagen, kann dieser Runde Tisch zu einem guten Ergebnis führen."

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Forum - Wiedergutmachung für misshandelte Heimkinder?
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1.
Rainer Helmbrecht 17.02.2009
Zitat von sysopIn Westdeutschland sind nach dem Krieg mehr als eine halbe Million Kinder in Heimen aufgewachsen. Sie mussten dort unentgeltlich arbeiten und wurden teilweise misshandelt oder gedemütigt. Nun sollen ihre Geschichten aufgearbeitet werden. Was denken Sie - sind Entschädigungszahlungen gerechtfertigt?
Wenn man das Gedöns um den Begriff Würde auch nur im geringsten mit Leben erfüllen wollte, wäre das ein Gebot der Gerechtigkeit. Das Problem ist, dass diese Einweisungen durch Juristen möglich wurden, die auf Grund ihrer Fachkenntnisse zu Mitschuldigen wurden. Wie wir aber alle Wissen, hat die Justiz bis heute ihre Nazivergangenheit nicht aufgearbeitet und bevor da nicht alle Opfer verstorben sind, wird das auch nicht geschehen. Wenn man das weiss, dann wird man auch in dem Fall der Opfer in der Nachkriegszeit, auf eine Biologische Lösung warten. Nun, allerdings kommt ein gleichwertiges Problem zum Tragen. Diese Einweisungen geschahen häufig/überwiegend zu Gunsten von kirchlichen Einrichtungen. Da die Kirchen ein konträres Verhältnis zu Barmherzigkeit und Geld haben, kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Summe, die sich in den letzten 50 Jahren durch Zins und Zinseszins gut entwickelt haben, wird ein großes Wehklagen beginnen. Eine Lösung könnte bestenfalls ein Graf der FDP herbeiführen, der sich bei der Lösung der polnischen Zwangsarbeitern durch besonder Barmherzigkeit ausgezeichnet hat. Da bekamen solche Opfer, sofern sie überhaupt noch lebten, nach 60-70 Jahren für 2 Jahre Zwangsarbeit solche Unsummen, in Höhe von 600-800DM, ein gutes Beispiel. Was der einzelne Gläubige zu (s)einer Kirche sagt, die sich durch Raffgier und Brutalität von den moralischen Grundsätzen ihrer Kirche entfernt hat, muss jeder für sich abmachen. Die Polizei, die weder den jungen Leuten sexuelle Übergriffe, körperliche Gewalt und unmenschlich Behandlung glaubte und die Staatsanwaltschaften sich auch nicht besonders interessierten, bedürften einer genaueren Überprüfung. Eine Schande für eine unabhängige Justiz, und einer Öffentlichkeit, die wie bei allen Kindesmisshandlungen wegschaut. Ein hoch interessanter Aspekt unserer Gesellschaft, der leider aus gehen wird, wie das Hornberger Schießen;o). MfG. Rainer
2. Für mich ja
manuelajaeger 17.02.2009
Also ich finde das o.k. Wir geben Steuergelder für weitaus sinnfreiere Dinge aus. Aber Geld gleicht nichts aus. Egal wieviel Geld sie an die Opfer zahlen, sie werden sich nicht besser fühlen.
3. Und jetzt bitte mal wieder
jocurt1 17.02.2009
Zitat von sysopIn Westdeutschland sind nach dem Krieg mehr als eine halbe Million Kinder in Heimen aufgewachsen. Sie mussten dort unentgeltlich arbeiten und wurden teilweise misshandelt oder gedemütigt. Nun sollen ihre Geschichten aufgearbeitet werden. Was denken Sie - sind Entschädigungszahlungen gerechtfertigt?
auf die DDR zeigen, weil da war ja bestimmt alles noch viiiiieeeeel schlimmer. Der Ausweg bleibt ja jedem aus dem Westen, der etwas zu vertuschen hat. Ich muss kotzen, wenn ich an die vielen Berichte im Westen über unsere Kindertagesstätten denke. Alles Sachen, die jetzt gern genutzt werden. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass wir die lieben Kleinen schon in die echte Produktion geschickt haben. UTP war ein Unterrichtsfach mit 2Std. die Woche und keine Ausbeutung.
4.
Petra Raab 17.02.2009
Zitat von sysopIn Westdeutschland sind nach dem Krieg mehr als eine halbe Million Kinder in Heimen aufgewachsen. Sie mussten dort unentgeltlich arbeiten und wurden teilweise misshandelt oder gedemütigt. Nun sollen ihre Geschichten aufgearbeitet werden. Was denken Sie - sind Entschädigungszahlungen gerechtfertigt?
# Selbstverständlich sind Entschädigungszahlungen gerechtfertigt. Noch besser ist es, eine unabhängige Kontrolle in die jetzigen Heime zu senden und dort die Zahlungen etwas aufzustocken, sowie allgemein etwas mehr für die Kinder in diesem Lande auszugeben, statt für die Banker.
5. wiedergutmachung weiterspannen
altruist 17.02.2009
eine wiedergutmachung in finanzeller hinsicht wäre meines erachtens richtig und selbstverständlich-das muss auf kosten aller gehen unter starke beteiligung der kirchen ,nicht auf kosten der rentenversicherung! aber wo sind dann die grenzen? auch die kriegswaisen,die ohne einen oder zwei elternteile aufgewachsen sind, haben benachteiligungen wegen chancenungleichheiten erfahren.auch die müssten eine entschädigung erhalten. "der krieg ist erst zuende,wenn das am letzten kriegstag geborene kind,gestorben ist" die zahlen sind inzwischen überschaubar und bringen die republik nicht so aus dem tritt wie die bankenkrise
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