Untersuchung in Schulen "Missbrauch ist kein Thema der Vergangenheit"

Tausende Anrufe hat sie erhalten, 2000 Briefe gelesen: Christine Bergmann hat versucht, den sexuellen Missbrauch in Deutschland in Zahlen zu fassen. Eine Studie zeigt nun, wie weit das Problem verbreitet ist. An rund 50 Prozent der Schulen in Deutschland berichten Kinder von Übergriffen.

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Missbrauchsbeauftragte Bergmann: Systematisches Wissen sammeln
dapd

Missbrauchsbeauftragte Bergmann: Systematisches Wissen sammeln


Hamburg - Wie viele Fälle sexuellen Missbrauchs gibt es in Deutschland? Und was kann getan werden, um Kinder besser zu schützen? In einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) wurden Lehrer, Schul- und Heimleiter befragt, ob an ihren Einrichtungen in den vergangenen drei Jahren Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt wurden. Entweder begangen durch Angestellte der Einrichtung, durch Kinder und Jugendliche untereinander oder außerhalb der jeweiligen Institution. Die Ergebnisse der Untersuchung, die Christine Bergmann, Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, in Auftrag gegeben hatte, sind mehr als konkret - und sie sind erschreckend.

Die Untersuchung ist einer der Kernbestandteile von Christine Bergmanns Arbeit. Mehr als ein Jahr lang hat die gelernte Pharmazeutin und spätere Ministerin für "Gedöns", wie Gerhard Schröder das Familienministerium nannte, versucht, das Missbrauchsproblem in Deutschland zu erfassen. In Zahlen, Worten, Analysen. Bislang fehlte es vor allem an systematischem Wissen.

2000 Briefe hat Bergmann gelesen, 13.000 Anrufer wandten sich an ihr Team, sprachen über den Missbrauch, viele der Opfer zum ersten Mal in ihrem Leben. "Was ich lese übersteigt mein Vorstellungsvermögen", sagte Bergmann in einem Interview 2010.

Die Arbeit der früheren SPD-Politikerin hatte verschiedene Säulen. Eine Anlaufstelle für Betroffene sollte geschaffen werden, der Forschungsstand wurde erhoben. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München wurde beauftragt, das Projekt wissenschaftlich zu begleiten, den Missbrauch in Deutschland systematisch zu erfassen.

Die Opfer: überwiegend Mädchen

Die Ergebnisse wurden nun in Berlin präsentiert. Sie untermauern, wie weit der Missbrauch in der Gesellschaft verbreitet ist. Die Studie des DJI ist Teil des Abschlussberichts der Missbrauchsbeauftragten. Die Untersuchung ist so etwas wie die nachträgliche Legitimation für Bergmanns Arbeit. Denn die Zahlen, Daten, Fakten haben vor allem eine Botschaft: Ja, es gibt ein Problem. Ja, wir müssen etwas tun um die Kinder zu schützen.

Die Untersuchung befasst sich mit der Frage, inwieweit Institutionen mit dem Thema Missbrauch konfrontiert werden: Schulen, Internate, Heime.

Die Studie stützt sich auf die Befragung von 1100 Schulleitungen, 700 Lehrer, 325 Heim- und 100 Internatsleitungen. Ergebnis: Rund 50 Prozent der Schulen, 70 Prozent der Internate und rund 80 Prozent der Heime mussten sich mit sogenannten Verdachtsfällen auseinandersetzen. Im Klartext: An jeder zweiten Schule berichteten Kinder und Jugendliche über Fälle sexuellen Missbrauchs. "Missbrauch ist nicht ein Thema der Vergangenheit", sagte Bergmann und es klang wie eine Zusammenfassung ihrer Arbeit der letzten Monate.

In der Mehrheit der Fälle haben sich die Kinder - überwiegend Mädchen - an die Lehrer gewandt und vom Missbrauch erzählt. Die meisten Fälle finden außerhalb der Schule statt, oft im häuslichen Umfeld der Kinder, innerhalb der Familie. In bis zu 32 Prozent der Fälle galten Verwandte oder Bekannte als Tatverdächtige.

Doch auch Mitschüler und andere Jugendliche wurden als mutmaßliche Täter genannt, in Heimen sogar in fast 39 Prozent der Fälle. In vier Prozent der Schulen und zehn Prozent der Heime wurden Beschäftigte der Übergriffe verdächtigt.

Das Ziel: adäquat reagieren

Besonders in Heimeinrichtungen ist sexueller Missbrauch ein Thema. Zum einen stammen viele der Kinder und Jugendlichen aus sogenannten belasteten Familienverhältnissen - sie haben also unter Umständen schon in der Vergangenheit Erfahrungen mit sexueller Gewalt machen müssen. Außerdem verbringen die Kinder in den Einrichtungen besonders viel Zeit. "Eventuell zieht auch die vermutete emotionale Bedürftigkeit von Heimkindern potenzielle Täter und Täterinnen an", heißt es in der Studie.

Die Studie macht deutlich, dass die Mitarbeiter der Einrichtungen häufig von den Mädchen und Jungen ins Vertrauen gezogen werden. Soll der Schutz der Kinder gewährleistet werden, müssen die Pädagogen auf diese Aufgabe ausreichend vorbereitet werden, müssen Qualifikationen und Ressourcen vorhanden sein.

Die Studie habe belegt, dass "das Thema so virulent ist, dass wir es nicht einfach zur Seite schieben können", sagte Thomas Rauschenbach, Direktor des DJI. Rauschenbach forderte eine "andere Kultur des Umgangs mit diesem Missbrauch". Pädagogen müssten mehr Sensibilität entwickeln. "Wir können das Thema nicht einfach wegschieben, sondern wir müssen neu über die Verantwortung von pädagogischen Institutionen nachdenken - besonders, wenn sie Tag und Nacht mit Kindern umgehen", so Rauschenbach.

Die Fragen müssten in die Ausbildung von Lehrern, Pädagogen, Psychologen und Sozialarbeitern integriert werden. Sie müssten lernen, "adäquat zu reagieren", wenn Kinder Missbrauchsfälle anzeigten und nicht sagen: "Ach, das kann doch nicht sein."

Mit Material von dpa

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