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Leben ohne Internet und Handy: Mit den McMillans zurück ins Jahr 1986

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Kein Internet, kein Handy, kein Kabelfernsehen: Ist ein Leben ohne moderne Technologie überhaupt noch möglich? Blair McMillan und seine Familie wollen es herausfinden. Sie leben nach eigenen Angaben seit einem halben Jahr, als wäre es 1986. Und das funktioniert erstaunlich gut.

Alles begann mit einer Verweigerung. Als Blair McMillan seinen Sohn Trey eines Tages fragte, ob er nicht mitkommen wolle an die frische Luft, fand der Fünfjährige das iPad seiner Mutter spannender. McMillan fragte ein weiteres Mal, doch an den Prioritäten seines Sohnes änderte sich nichts.

In diesem Moment habe er sich an seine eigene Kindheit erinnert, sagt McMillan. Er habe daran gedacht, wie viel er früher draußen war. Und da reifte in seinem Kopf die Idee einer viel größeren Verweigerung. Wie wäre es, die Zeit zurückzudrehen? Zurück auf 1986 - das Jahr, in dem er und seine Freundin zur Welt kamen?

Von da an trieb McMillan ein Projekt voran, das nicht nur sein eigenes Leben radikal verändern würde. Sondern das seiner ganzen Familie. Ein Leben ohne moderne Technologie - das war die Idee. Seine Freundin Morgan sagte: "Willst du mich auf den Arm nehmen? Auf gar keinen Fall!"

Sie hatten einen Computer, Smartphones, Tablets, Spielkonsolen. McMillan ist kein Fortschrittsfeind. Ihm ging es um etwas ganz anderes: Seine Söhne sollten erfahren, wie es war, als ihre Eltern aufgewachsen sind. Mit der Zeit konnte er seine Freundin von der Idee überzeugen.

Im April dieses Jahres startete das Projekt. Die Familie packte ihre modernen Geräte zusammen und stellte sie bei den Großeltern unter. Blair und Morgan zogen mit ihren kleinen Söhnen Trey (5) und Denton (2) in ein neues Haus, die technischen Errungenschaften der vergangenen 27 Jahre ließen sie zurück. Nur ihr neues Auto haben sie behalten. Mehrere kanadische Medien haben die Familie seither in ihrem Achtziger-Haus besucht.

Ein Jahr soll der Versuch dauern. Die Regeln: Leben wie 1986 im Hause McMillan. Kein PC, kein Handy, kein Anrufbeantworter, kein Kabelfernsehen, so versichert McMillan. Es gibt einen Fernseher mit Antenne, einen Videorekorder und eine uralte Spielekonsole von Nintendo. Besucher müssen ihr Handy abgeben. Blair schmeißt den Haushalt, seine Freundin arbeitet weiter in einer Apotheke.

Wer Blair McMillan nun kontaktieren will, muss ihn entweder besuchen oder auf dem Festnetz anrufen. Dann geht er an sein altmodisches Telefon mit Wählscheibe und nimmt ab.

SPIEGEL ONLINE: Herr McMillan, Sie leben seit etwa einem halben Jahr ohne moderne Technik. Was sind die schwersten Momente?

McMillan: Alles ist weniger komfortabel. Wir können nicht mal eben etwas im Internet nachschauen. Wenn man wissen will, was am Wochenende los ist, lässt sich das nicht mehr so leicht machen. Ich fühle mich ein bisschen außen vor. Alle meine Freunde schreiben und posten in den sozialen Netzwerken, und ich habe nur mein altmodisches Telefon. Wir leben in unserer eigenen kleinen Welt. Man findet heraus, wer die guten Freunde sind. Die rufen weiterhin an.

SPIEGEL ONLINE: Keine Beschwerden, wie umständlich die Kontaktpflege ist?

McMillan: Mein Bruder beschwerte sich erst heute wieder scherzhaft, wie schwer es sei, uns zu erreichen. Er hatte es zwei Tage nicht geschafft. Das ist frustrierend für Freunde und Familie. Wenn wir nicht da sind oder besetzt ist, kann man uns nicht erreichen - daran sind die Menschen nicht mehr gewöhnt.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Ihre Freunde von der ganzen Aktion?

McMillan: Sie finden es cool - so lange sie nicht mitmachen müssen. Wenn ich einlade, um ein Hockeyspiel im Radio zu hören, schauen die meisten es doch lieber im Fernsehen. Ich war in Chatgruppen, in denen wir uns jeden Tag geschrieben haben, die ganze Zeit. Nun unterhalte ich mich wieder mehr mit meinen Freunden. Wenn man sich die ganze Woche nicht sieht, hat man richtig Gesprächsstoff.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlte es sich an, plötzlich ohne E-Mail und Handy zu leben?

McMillan: In den ersten Wochen war es sehr seltsam. Ich hatte seit mindestens zehn Jahren ein Handy, schätze ich. Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt, dass ich weiter das Gefühl hatte, es würde in meiner Tasche vibrieren. Ich musste mich richtig ermahnen: "Nein, da ist kein Handy". Das Gefühl ist nun verschwunden.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Söhne sind fünf und zwei Jahre alt. Als Teenager wären sie wohl auf die Barrikaden gegangen.

McMillan: Ja, ich glaube nicht, dass ich das Projekt dann hätte durchziehen können. Ich weiß, dass Trey künftig in Schule und Beruf Computer brauchen wird. Wir dachten also, jetzt ist die perfekte Zeit, jetzt ist seine Schulbildung noch nicht betroffen.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die schönen Momente in den vergangen Monaten?

McMillan: Wir haben einen Berner Sennenhund aufgezogen, wir spielen viel draußen. Wir sind zu einem Familientreffen nach Montana in die USA gefahren. Das war cool, ohne GPS, ganz altmodisch: mit einer großen Straßenkarte. Die Fahrt dauerte 35 Stunden.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie auf Ihrem alten Antennenfernseher sehen?

McMillan: Nur Videokassetten, die Leute uns geschenkt haben. Wir schauen alles mögliche, "Top Gun" und solche Dinge. Die Kinder haben allerdings auch Disney-Filme die nach 1986 erschienen sind. Das war unser Kompromiss.

SPIEGEL ONLINE: Für Sie muss das Ganze wie eine Reise in die Kindheit sein.

McMillan: Ja, es ist nostalgisch. Das geht auch unseren Besuchern so. Wenn der Fernseher flimmert, muss man mal vorsichtig draufhauen. Beim Nintendo muss man in das Spiel pusten. Bei der VHS zurückspulen. Das sind Dinge, die man ganz vergessen hat.

SPIEGEL ONLINE: Was werden Sie als Erstes machen, wenn das Projekt vorbei ist?

McMillan: Meinen Namen googeln.

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