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US-Neonazi Jeff Hall: Trauriges Ende einer Hassfigur

Von , New York

Der führende amerikanische Neonazi Jeff Hall ist in seinem Haus erschossen worden - offenbar von seinem erst zehnjährigen Sohn. Das Drama offenbart nicht nur eine private Tragödie. Es gibt auch Einblicke in die rechtsextremen Abgründe der US-Gesellschaft.

Neonazi Jeff Hall: Ein hasserfülltes Leben Fotos
AP

Am 1. Mai vermeldete der Gerichtsmediziner im kalifornischen Riverside östlich von Los Angeles zwei Tote. Das erste Opfer starb bei einem Verkehrsunfall: Michael Keeler kam um kurz nach Mitternacht ums Leben, als er in einer Kurve die Kontrolle über sein Auto verlor.

Der zweite Fall, ein unter dem Aktenzeichen 2011-03842 registriertes Tötungsdelikt, war mysteriöser: Jeff Russell Hall, 32, wohnhaft im Lauder Court. Uhrzeit der Verletzung: 04.04 Uhr. Uhrzeit des Todes: 04.20 Uhr. Ort des Todes: "Wohnsitz". Zusätzliche Bemerkung: "Von identifiziertem Angreifer erschossen."

Das wirklich Spannende an der Meldung ist das, was nicht in diesem ersten, vorläufigen Befund steht: Denn Hall war ein berüchtigter US-Neonazi - und zu der Bluttat hat sich sein eigener, gerade mal zehnjähriger Sohn bekannt.

Es war das gewaltsame Ende eines hasserfüllten Lebens. Der Schlussakt eines Dramas, das nicht nur eine private Tragödie ist, sondern auch ein Schlaglicht wirft auf eine unappetitliche Kehrseite der US-Gesellschaft.

Am 1. Mai wird die Polizei nicht zum ersten Mal zu Halls Wohnhaus am Ostrand von Riverside gerufen. Die Adresse 5416 Lauder Court ist den Beamten wohlbekannt: Schon im vergangenen Jahr haben sie anrücken müssen. Damals hatte sich eine Gruppe von Demonstranten vor dem pastellfarbenen Haus mit dem vertrockneten Vorgarten versammelt, um gegen Halls offene Neonazi-Aktivitäten zu protestieren.

Diesmal entdecken die Cops den Anlass des Notrufs im Inneren des Hauses, im Wohnzimmer. Hall liegt blutend auf der Couch, eine Schusswunde in der Brust. Die Sanitäter versuchen noch, ihn wiederzubeleben. Doch es ist zu spät. Die Beamten stellen ein Gewehr und eine Pistole sicher, verhören Halls Ehefrau und seine fünf Kinder - und nehmen dann den zehnjährigen Sohn mit: Er habe gestanden. "Wir halten es für eine vorsätzliche Tat", sagt Polizeisprecher Ed Blevins später.

Juden und Homosexuelle unerwünscht

Selbst die abgebrühten Ermittler sind schockiert. "Es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass das beispiellos ist", sagt der stellvertretende Staatsanwalt Ambrosio Rodriguez. "So etwas hat es noch nie gegeben - bis jetzt."

Wer Hall kannte, den überrascht dieses Ende indes nicht wirklich. Er selbst hat seinen gewaltsamen Tod prophezeit - wenn auch nicht von Hand eines Familienmitglieds, sondern als Märtyrer für die Sache.

"Ich will eine weiße Gesellschaft", sagte er der "New York Times", deren Kalifornien-Korrespondent Jesse McKinley ihn zwei Monate lang begleitet hatte, bis zum letzten Tag. "Ich glaube an die Rassentrennung. Ich würde mein Leben für die Rassentrennung geben", erklärte Hall.

Der Rechtsextreme war "Sergeant und Regionaldirektor" des National Socialist Movement (NSM), einer der größten Neonazi-Bewegungen der USA. Mit rund 400 Mitgliedern in 35 US-Bundesstaaten ist sie nach Angaben der Bürgerrechtsgruppe Southern Poverty Law Center (SPLC) für ihre "antisemitische Gewaltrhetorik" und ihre "rassistische Haltung" bekannt, wandte sich zuletzt aber auch verstärkt gegen Einwanderer.

NSM-Chef Jeff Schoep verkauft sein rechtes Gedankengut gerne als "weiße Bürgerrechtsbewegung". Doch sein NSM-Programm offenbart krudeste Vorstellungen: "Wir fordern den Zusammenschluss aller Arier aufgrund des Selbstbestimmungsrechts der Völker zu einem Großreich." Nur "arische Volksgenossen" dürften "Staatsbürger" sein.

Mehr rechtsextreme Organisationen

Organisationen wie die NSM wittern derzeit ihre Chance. Die Zahl der US-Extremistengruppen hat seit der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten zugenommen. Das SPLC zählte zuletzt 1002 solcher Organisationen - 7,5 Prozent mehr als im Vorjahr und satte 66 Prozent mehr als im Jahr 2000. Dahinter, schreibt das SPLC, steckten "Ressentiments über die sich wandelnde Rassendemografie des Landes, Frustration über die schleppende Konjunktur und die wachsende Popularität von Verschwörungstheorien und anderer dämonisierender Propaganda, die auf Minderheiten und die US-Regierung zielt".

Die Fotografin Julie Platner, die diesen braunen Sumpf seit Jahren verfolgt, formuliert es lakonischer: "Seit Obama Präsident ist", schreibt sie im Fotoblog der "New York Times", "ist es ein bisschen akzeptabler geworden, offen rassistisch zu sein."

Der Klempner Hall galt in seiner Organisation als Nachwuchsstar und Vertrauter von NSM-Chef Schoeps. Auf ihrer Website würdigt die Gruppe ihn nun als "gefallenen Kameraden" und "Patrioten". Ein Trauervideo zeigt den Kahlgeschorenen im Tarnanzug, in Uniform, vermummt, mit Schusswaffen und Hakenkreuzfahnen - und beim Kindergeburtstag im Garten.

"Jeff war wie ein Bruder", schreibt Schoep zum Abschied. "Wir sehen uns in Walhalla wieder!"

Tatsächlich war Hall mit der NSM eng verbandelt. Das Haus in Riverside fungierte als Regionalzentrale der "Partei". Treffen fanden im Garten statt, zwischen Kinderschaukel und Basketballnetz. Hall sprach durch ein Megafon zu seinen versammelten Anhängern.

Auch organisierte er Milizen, um an der Wüstengrenze zu Mexiko zu "patrouillieren", mit Nachtsichtgeräten und Walkie-Talkies. Im Herbst bewarb er sich für das NSM um einen Sitz bei der örtlichen Wasserbehörde von Riverside. Er bekam 28 Prozent der Stimmen.

Verwahrlost und vernachlässigt

Bei einer Halloween-Party im vergangenen Herbst, so berichtete ein Nachbar der "New York Times", habe er eine Hakenkreuzflagge gehisst. Die Gäste hätten Ku-Klux-Klan-Kapuzen getragen.

Die kuriosesten Details stammen von "New York-Times"-Reporter McKinley. Der hatte ausgerechnet Hall als Zugang zur rechten Szene gewählt und ihn für eine Reportage zwei Monate lang begleitet. Dabei offenbarte sich eine beklemmende Verschmelzung von Neonazi-Parolen und trautem Familienleben: Es gab "hasserfüllte Demos", schreibt McKinley, "aber auch Grillfeste".

So habe Hall für ein NSM-Treffen am Tag vor seinem Tod eine Hakenkreuzflagge gehisst - direkt neben einer Babywiege. Sein zehnjähriger Sohn habe gelauscht, als Hall vor der versammelten Gruppe gegen Einwanderer und Schwule gewettert habe. Ob er Spaß habe, fragte McKinley den Sohn. Ja, habe der geantwortet, nur gingen ihm seine Schwestern auf die Nerven. Aber zum Glück sei er ja der Älteste. Stolz soll er auch ein Geschenk Halls vorgezeigt haben. "Guck mal, was mein Vater mir gegeben hat", sagte er zu McKinley, in der Hand einen Ledergürtel mit den silbernen Insignien der SS.

Noch in derselben Nacht, so die Polizei, habe der Junge seinen Vater kaltblütig erschossen. Über das Motiv können die Ermittler bisher nur spekulieren. Hall und seine Ehefrau Krista, schreibt Fotografin Platner, seien nach ihrer Beobachtung "meistens gute Eltern" gewesen, "trotz der Indoktrinierung ihrer Kinder".

Gerichtsakten zeichnen ein anderes Bild. Hall und seine Ex-Frau Leticia N. waren demnach seit Jahren in einen hässlichen Sorgerechtsstreit verstrickt, bei dem sich beide Seiten vorwarfen, den Nachwuchs zu misshandeln. Fest steht, dass die beiden Hall-Kinder ihre frühen Jahre hungrig und vernachlässigt verbracht haben. Den Akten zufolge entfernte das Jugendamt sie zunächst mehrmals aus der Obhut der Mutter, weil sie völlig verwahrlost gewesen seien. Aber auch Hall selbst habe das Sorgerecht wegen Trunkenheit am Steuer verloren, es dann aber 2004 zurückbekommen. N. habe die Entscheidung im vergangenen Jahr wieder angefochten: Der Neonazi-Aktivismus Halls lasse sie um ihre Kinder fürchten.

Diese Vorgeschichte des Hall-Jungen könnte auch beim Prozess eine Rolle spielen. "Wenn man in einer Umgebung ist, deren moralische Werte verdreht sind, könnte das die Fähigkeit beeinflussen, Gut von Böse zu unterscheiden", sagte der ehemalige Jugendstaatsanwalt Larry Cunningham der Nachrichtenagentur AP. Es ist jedoch unklar, ob und wie weit ein Gericht solche komplexen Kausalitäten überhaupt berücksichtigen kann.

Drei Tage nach der Bluttat wurde Halls Sohn dem Haftrichter vorgeführt. Er trug einen Sträflingsanzug und vermied den Blickkontakt mit seinen Angehörigen im Gerichtssaal. Sein Pflichtanwalt Matt Hardy deutete an, auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren zu wollen.

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