Oberster Gerichtshof US-Richter stellt erste Frage - seit zehn Jahren

Ein Jahrzehnt lang hat der US-Bundesrichter Clarence Thomas nicht eine Frage vor Gericht gestellt - aus Höflichkeit, wie er zu verstehen gab. Nun hat er sein Schweigen gebrochen.

Clarence Thomas am US-Supreme Court in Washington
REUTERS

Clarence Thomas am US-Supreme Court in Washington


Es waren nur wenige Worte mit denen Clarence Thomas einen ganzen Gerichtssaal aus der Fassung brachte. "Ms. Eisenstein, eine Frage." Seit zehn Jahren, ganz genau seit dem 22. Februar 2006, hat der Verfassungsrichter des Obersten Gerichtshofs der USA keine Frage mehr gestellt. Und nun sollte er gleich eine ganze Salve loslassen.

Die Gründe für sein Schweigen hatte Thomas laut "New York Times" einmal so dargelegt: Er finde es unhöflich von seinen Kollegen, die Anwälte mit ständigem Fragen zu unterbrechen. Es sei schlicht unnötig bei der Entscheidungsfindung, und er sehe seine Aufgabe darin, den Anwälten zuzuhören, sagte er in einem Vortrag an der Harvard Law School. In seinen Memoiren erklärte er zudem, bereits am College habe er wenige Fragen gestellt, weil er sich eingeschüchtert fühlte und Komplexe wegen seines Südstaatenakzents habe.

Nun aber sah er sich offenbar dazu berufen, nachzuhaken. In dem Fall "Voisine vs. United States" geht es um das Waffengesetz und die Frage, ob jemand, der häusliche Gewalt anwendet, weiter eine Waffe tragen darf. Thomas stellte der Anwältin Ilana Eisenstein gleich mehrere, durchaus scharfe Fragen. "Können Sie mir einen anderen Bereich nennen, in der eine Ordnungswidrigkeitsverletzung Verfassungsrecht außer Kraft setzt?" Die Juristin war so verdattert, dass sie erst einmal um Worte ringen musste.

Die Offensive von Thomas wurde auch von US-Medien mit Überraschung aufgenommen. "Welcome to the Show, Clarence Thomas", schrieb etwa das Onlinemagazin "Slate".

Theatralik im Gerichtssaal

Warum er nach mehr als zehn Jahren sein Schweigen brach, erklärte Thomas nicht. Beobachter deuten sein Vorpreschen jedoch als Antwort auf den Tod eines Kollegen: Erst Mitte Februar war Antonin Scalia, ebenfalls Verfassungsrichter, gestorben.

Laut "New York Times" waren Thomas und Scalia enge Freunde. Am Gericht galten beide dem konservativen Flügel angehörig, wobei Scalia rhetorisch so etwas wie die Antithese von Thomas war: Er stellte viele Fragen, darunter durchaus scharfe. Kritiker attestierten ihm bei seinen Auftritten im Gerichtssaal eine gewisse Theatralik.

"Thomas entschied sich offensichtlich dazu, eine Frage zu stellen, weil er der Meinung war, seine Kollegen hätten einem Aspekt zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt", zitiert das Blatt Carrie Severino, eine ehemalige Referendarin von Thomas. Er habe auf den zweiten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung hinweisen wollen, welcher den Besitz und das Tragen von Waffen als konstitutionelles Recht ausweist.

Ein Gut, das auch dem erzkonservativen Scalia immer ein hohes war. Und welches Präsident Barack Obama beschneiden will. Schärfere Regeln für den Zugang zu Waffen gehören zu seinen wichtigsten innenpolitischen Anliegen. Der Tod von Scalia hinterließ ein Vakuum, das sowohl Demokraten als auch Republikaner füllen wollen.

gam



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