Drogenepidemie in den USA Die Süchtigen von Campbell County

Sucht und Gefängnisaufenthalte bestimmen das Leben: Ein Fotograf hat im US-Bundesstaat Tennessee dokumentiert, welche Verheerungen die Drogenepidemie in den USA anrichtet, besonders bei Frauen.

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Sarai Keelean macht sich keine Illusionen. "Wirf einen Stein, triff ein Haus, und du findest dort Drogen", sagt die 35-Jährige. Sie spricht aus Erfahrung über den Bezirk Campbell im Nordosten des US-Bundesstaates Tennessee.

Hier, am Rand der Appalachen, ist sie aufgewachsen. Hier, in diesem abgelegenen Landstrich, wurde sie drogensüchtig. Und hier sitzt sie nun im Gefängnis.

Der Fotograf David Goldman hat für die Nachrichtenagentur Associated Press die Situation von Frauen wie Keelean dokumentiert. Seine Fotos aus dem Bezirk Campbell werfen ein Schlaglicht darauf, wie die Drogenepidemie in den USA Verheerungen in Gemeinden anrichtet.

Keelean sagt, dank der Drogen habe sie sich wie eine "Supermami" gefühlt - und sich während ihrer Scheidung betäubt. Seit fünf Jahren hat sie ihre Söhne, 11 und 13 Jahre alt, nicht gesehen. Sie wachsen beim Ex-Mann auf. Wenn sie mit den Jungen sprechen könnte, sagt Keelean, würde sie ihnen sagen: "Ich liebe euch, und es tut mir so, so leid."

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Drogensüchtige: "Du weißt nicht mehr, wie es anders gehen soll"

2015 wurden nur in zwei US-Bezirken mehr Opioide verschrieben als im Bezirk Campbell. Nach Angaben des Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention war die Verschreibungsrate mehr als fünfmal so hoch wie im nationalen Durchschnitt.

Bürgermeister E.L. Morton macht die Pharmaindustrie und Ärzte für die Drogenmisere verantwortlich. Der Bezirk hat zwei Klagen gegen Opioid-Hersteller eingereicht, im Namen seiner 40.000 Einwohner. In dem Bezirk stehen mehr als 90 Prozent der Straftaten im Zusammenhang mit Drogen.

In den USA sterben täglich mehr als 90 Menschen an einer Opioid-Überdosis. 2016 stieg die Anzahl dieser Todesfälle im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent. Damit kommen durch Drogen-Überdosen in dem Land mehr Menschen ums Leben als durch Schusswaffen oder Verkehrsunfälle. In Tennessee starben 2016 mehr als 1600 Menschen an einer Drogen-Überdosis, eine Rekordzahl.

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Erika Artman

Drogensüchtige werden oft kriminell - so führt die Drogenepidemie zu einer stark steigenden Zahl inhaftierter Frauen. Das zerreißt Familien und überfordert die Behörden. Vor gut einem Jahrzehnt waren kaum einmal mehr als zehn Frauen im Gefängnis des Bezirks Campbell. Nun sind es quasi durchgängig um die 60. Der Bezirk steht damit für eine größere Entwicklung: Keine andere Gruppe von Gefängnisinsassen wächst in den USA so schnell wie Frauen. 1980 waren es Regierungsangaben zufolge 13.258, 2016 schon 102.300. Opioidsucht hat diesen Trend verstärkt.

Besonders in ländlichen Gegenden wie dem Bezirk Campbell fehlt es an Mitteln und Personal, das Problem anzugehen. Schon lange sind Tabakfarmen und die Kohleindustrie in dem Bezirk verschwunden - und damit Jobs, die Gemeinden am Leben erhielten. Mehr als jeder fünfte Einwohner gilt offiziell als arm. Es gibt nicht genug Psychiater, Sozialarbeiter, Berater und Krankenpflegepersonal.

Zerstörerischer Kreislauf

Die meisten Gefängnisinsassinnen im Bezirk Campbell wurden wegen Drogendelikten verurteilt und verbringen nun 23 Stunden am Tag in einer Zelle. Viele ihrer Zellengenossinnen sind ebenfalls drogensüchtig.

Irgendwann, nach Wochen, Monaten oder Jahren werden die Frauen entlassen. In genau die Umgebung, in der sie drogensüchtig wurden - und in der Freunde und Familienmitglieder ebenfalls Drogen nehmen. Hohe Rückfallraten können angesichts dieser Umstände niemanden überraschen.

Sarai Keelean etwa war in sechs Jahren achtmal im Gefängnis. Einmal, an Weihnachten, traf sie dort ihre drogensüchtige Mutter. Aktuell ist Keelean inhaftiert, weil sie ihre Bewährungsauflagen verletzte: Sie wurde mit Meth erwischt. Nun muss sie drei Jahre absitzen.

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Kaum anders ist es bei Krystle Sweat. Ihr halbes Leben ist sie drogensüchtig. Zuletzt brauchte sie 300 Dollar am Tag, um ihre Schmerzmittelsucht zu stillen. Sie will aufhören, sagt sie. "Ich bin fast 33 Jahre alt. Ich möchte so nicht weiterleben. Ich möchte jemand sein, auf den sich meine Familie verlassen kann."

Ihre Eltern können immer noch nicht begreifen, wie das Mädchen, das im Kirchenchor sang, Gitarre und Klavier spielte und gerne Sport trieb, so enden konnte. Vermutlich begannen die Probleme, als Krystle mit den falschen Leuten herumhing und die Schule schmiss.

Krystle hat einen zehn Jahre alten Sohn. Seit seinem dritten Lebensjahr ziehen ihn die Großeltern auf. Sie haben versucht, Krystle zu helfen, ihr Autos gekauft, ihre Miete bezahlt, sie und ihre Freunde zu sich nach Hause eingeladen, um gemeinsam zu wohnen. Krystle und ihre drogensüchtigen Bekannten stahlen Werkzeug, Computer und eine Kamera - alles, was sich im Leihhaus zu Geld für Drogen machen ließ.

"Als sie hier war, war es die Hölle", sagt Sweats Vater Eddy. "Als sie ins Gefängnis musste, fühlte ich mich erleichtert. Ich wusste, es würde nicht morgens um eins ein Anruf kommen, dass Krystle an einer Überdosis gestorben ist."

Wenn sie auf Bewährung freikommt, will sie in eine religiöse Therapieeinrichtung gehen. Sie will Facebook meiden und ihr Handy abgeben, um nicht mit alten Bekannten in Kontakt zu kommen. Ihre Eltern wollen helfen, sind aber skeptisch - zu oft wurden sie enttäuscht. Inzwischen hoffen sie nur noch, dass Sweat die Sucht besiegt und nicht wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerät.

ulz/AP



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