Fotos aus den USA Amerika - irre und liebenswürdig

Hinterwäldler, Schlangenanbeter, Nackte: Der Fotograf Hunter Barnes zeigt das versteckte Amerika. Er bildet Menschen am Rande der Gesellschaft ab - unverstellt und stolz.

Selbsternannter Sheriff und Bürgermeister von Sammyville: Sam Horrell
Hunter Barnes

Selbsternannter Sheriff und Bürgermeister von Sammyville: Sam Horrell

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Ein seltsames Bild: Da steht ein Mann in Latzhose und lacht, aber das Lachen sieht merkwürdig verrutscht aus, das künstliche Gebiss des Mannes springt fast unter der Oberlippe hervor. In seiner rechten Hand hält er einen Revolver und richtet ihn auf den Fotografen.

Ein faszinierendes Bild. Hunter Barnes, der Fotograf, hat es "Sammy" genannt. Entstanden vor 15 Jahren, in dem kleinen Ort Sammyville, Oregon, benannt nach seinem Bürgermeister, Sheriff und Henker in Personalunion: Sam Horrell. Der Mann auf dem Foto.

Wer das Bild gesehen hat, vergisst es nicht. Welche Geschichte steckt dahinter?

Fotograf Barnes lässt die Frage in seinem neuen Buch "Roadbook" unbeantwortet. In dem Sammelband zeigt er Bilder seiner Touren durch die USA, versehen nur mit einer kurzen Einleitung der einzelnen Kapitel. Sie zeigen ein verstecktes Amerika, vielleicht auch ein vergangenes - viele der Bilder sind älter als zehn Jahre.

Fotostrecke

17  Bilder
Fotos von Hunter Barnes: Nackte, Outlaws, Schlangenanbeter
"Ein falsches Bild von diesen Gruppen"

Barnes bekam Zugang zu Menschen, die dem Mainstream meist verborgen bleiben. Er fotografierte Gangmitglieder in Saint Louis, Lowrider-Liebhaber in New Mexico, Schlangenanbeter in West-Virginia, Ureinwohner in ihrem Reservat, Rocker, Häftlinge, Hinterwäldler.

Es sind Menschen, die oft mit Klischees zu kämpfen haben. "Die Leute machen sich ein falsches Bild von diesen Gruppen", sagt Hunter. "Sie nehmen sich nicht die Zeit, diese Menschen wirklich kennenzulernen."

Hunter hat es getan und darin liegt der Zauber seiner Fotos: Man spürt, dass Menschen sich hier unverstellt zeigen. Und dass sie dazu stehen, wer sie sind.

Da ist etwa der schwarze Mann mit einem Tattoo auf der Brust: "One Boss Nigger". Da ist die Frau, die ihren nackten Hintern gegen die beschlagene Duschkabine drückt. Da ist der Häftling, der mit aufgepumptem Oberkörper und gepiercten Brustwarzen posiert.

Wer die Menschen wirklich sind, was ihre Geschichte ist, bleibt der Vorstellungskraft des Betrachters überlassen. "Das ist doch eine wunderschöne Sache", sagt Barnes.

Im Fall von Sam Horrell, dem Mann mit dem Revolver, kann man allerdings mehr herausfinden. In den Archiven der US-Zeitungen finden sich alte Artikel voller wunderbarer Geschichten.

Sammyville, gegründet wohl in den Fünfzigerjahren, war Horrells eigenes Reich - im wahrsten Sinne des Wortes. Ein kleines Stück Land voller Wohnwagen, Schrottautos und Waffen. Ein Zufluchtsort für Menschen, die nirgendwo anders unterkamen oder nicht gefunden werden wollten. "Unbefugte werden erschossen", stand laut "Los Angeles Times" auf einem Warnschild am Ortseingang.

Da schoss er auf die Leinwand

In Elkin, der nächstgelegenen Stadt, sollen Fremde gewarnt worden sein: Wer nach Sammyville geht, kommt nicht zurück. So wurde die Legende vom Gesetzlosen-Lager immer größer - und die Grenze zwischen Realität und Mythos verschwommener. "Ich weiß nicht, wie das Gerücht entstanden ist", sagte Horrell einmal.

Das abschreckende Image war den wenigen Bewohnern von Sammyville wohl ganz recht. Doch ihr selbsternannter Sheriff, Gouverneur, Bürgermeister, Hausmeister, Postbote, Bankier und Henker, der nie jemanden hingerichtet hat, soll eigentlich ein liebenswerter Geselle gewesen sein, der die Hälfte seiner Gemeinde "Schnuckiputzi" nannte und von der Polizei als zuverlässiger Ansprechpartner geschätzt wurde.

Von den Einwohnern - mal ist von 39 die Rede, mal von knapp über 20 - kassierten Horrell und seine Frau Annabelle Miete. Das Geld versteckten sie angeblich in vergrabenen Dosen. Noch hübscher ist nur die Legende, die man sich über einen Kinobesuch des jungen Sam Horrell erzählt: Als im Film jemand den Westernhelden hinterrücks angreifen wollte, zog Horrell seine Waffe und schoss auf den Leinwand-Schurken.

Regionalen Medien zufolge trat der Mann mit dem Revolver 2011 von seinen "Ämtern" zurück, im vergangenen Jahr starb die "einzigartige Person", wie der "La Grande Observer" berichtet.

"Sammy war ein Mann, der zu seinen eigenen Bedingungen lebte, so wie er es für richtig hielt", sagt Fotograf Barnes. "Er half den Menschen, die auf seinem Land wohnten."

Rednecks, Schlangenanbeter, Gangmitglieder - die Protagonisten aus Barnes Reportagen würde man wohl nie alle auf einer gemeinsamen Party antreffen, schreibt Michael Shulman von der renommierten Agentur Magnum im Nachwort des Buches. Aber Barnes habe mit allen eine gemeinsame Ebene gefunden.

Oder, wie der Fotograf es selbst sagt: Sie alle sind Teil seines Lebens geworden.

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  • Hunter Barnes:
    Roadbook

    Sprache: Englisch.

    Reel Art Press; 192 Seiten; 46,97 Euro.

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Die Bilder von Hunter Barnes sind derzeit auch in der Milk Gallery in New York ausgestellt.



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