Uups! et orbi Die Hüte des Glaubens

Birette, Oberschenkelstrümpfe, Scheitelkäppchen: Der Sammler Dieter Philippi schließt mit seinem Werk über "Kopfbedeckungen in Glaube, Religion und Spiritualität" eine Lücke in der Mode-Ikonografie des Vatikans - beziehungsweise eine Blöße.

Dieter Philippi / St. Benno-Verlag

Das in der Basilika von Tuntenhausen aufbewahrte Birett des dortigen Probstes ist innen rot gefüttert und in der Vier-Flügel-Form ausgeführt, "verziert auf der Spitze mit einer aus Bouillon, Golddraht und Kette gearbeiteten Blüte, üppigen Stickereien (Pflanzen-, Blätter-, Blüten- und Baummotive)". Vielleicht nur ein Detail der Kirchengeschichte, aber es wäre doch schade gewesen, nicht darauf hingewiesen worden zu sein.

Wir verdanken diese und ähnliche Einsichten dem Saarbrücker Sammler Dieter Philippi. In einem mehr als vier Kilo schweren Coffeetable-Buch präsentiert er seine weltweit einzigartige Sammlung von Bedeckungen gläubiger Köpfe, seien es Katholiken oder Derwische, Freimaurer, Sikhs, Anglikaner oder Thoragelehrte. Auf 711 großformatigen Seiten wird nicht nur bewiesen, dass "Gott schön ist" (Navid Kermani), sondern auch die von Eitelkeit nicht immer freie Zierfreude seiner Boten gezeigt.

Es ist eine verblüffende Sammlung auch von Pektoralschnüren, Oberschenkelstrümpfen in Kardinalsrot samt Strumpfhalter ("Modell 'Paris Garters - Milano' aus Viskose, Gummifaden und Wolle"), Pettinen, Soutanenbinden und Tonsurkäppchen-Transportetuis. Gezeigt werden uns die Schlupfhalbschuhe, die Papst Benedikt am Tag seiner Wahl trug (Absatzhöhe 2,3 Zentimeter) und seine Urlaubswanderschuhe aus rotem Ziegenleder und schwarzen Schnürsenkeln aus der Werkstatt Antonio Stefanelli.

Ein unverzichtbares Buch also auch für Hobby-Fetischisten, Karnevalsausstatter und Benedetto-Fangemeinden.

Enzyklopädie klerikaler Differenzierungen

Es gibt, so ist in dieser Enzyklopädie klerikaler Differenzierungen zu erfahren, in der katholischen Kirche allein 25 verschiedene Scheitelkäppchen (auch Kalotte, Zucchetto oder Tonsurkäppchen genannt), vom weißen des Papstes (Durchmesser 18 Zentimeter, 27 Gramm) bis zur winterlich gefütterten "Soli Deo"-Kappe, wie sie die Nuntii in raueren Weltgegenden trugen.

Die Würdenträger der Lombardei und Teilen Österreichs zeichneten sich durch eine schwarze Baumwoll-Bommel auf der Kalotte aus, die Franziskaner entwickelten ihr "Pezl"-Käppchen aus braunem Mischgewebe, um die Erdverbundenheit des Ordens zu symbolisieren. Die Kopfbedeckung ist gleichzeitig Schaltstelle zum Überirdischen, hat eine mediale Funktion. Deswegen sind die Ecken oder Spitzen eines Hutes oft als Strahlen zu verstehen.

Den Hut zu wechseln heißt, seine Sicht auf die Welt zu ändern, wie Carl Jung geschrieben hat. Wer den Hut auf hat, hat das Kommando, weil er das Wissen hat. Der Golem führt die Werke desjenigen aus, dessen Hut er trägt.

Quasten-Zier um die Krone

Im Unterschied zur vier-paneligen Kippa der Juden sind die katholischen Käppis aus sechs oder acht Kreissegmenten gefertigt. Die freien Kirchen zeigen ihre Unabhängigkeit von Rom durch die Wahl schwererer Käppchen (bis zu 26 Gramm), gewagterer Farben (Pistazie, Kaliumkarbonatblau, Nachtblau) und üppiger Verzierung mit roter Atlaskordel.

Philippi liefert zu all dem detaillierte Beschreibungen, die Fotos sind von exzellenter Qualität und Größe.

Die klassischen, unter Benedikt XVI. wieder in Mode gekommenen Capelli Romani, auch ("scherzhaft", wie Philippi anmerkt) "Don Camillo-Hut" genannt, mit Hutstumpen aus Haarfilz und aufwendiger Quastenzier um die Krone.

Roland Barthes, Friede seiner Seele, hätte seine Freude an diesem Band gehabt. Was hätte ein Semiotiker wie er aus den Troddeln, Quasten, Moirés abzulesen gewusst, wie hätte er aus der gegenwärtigen Renaissance des Spitzen-Rochetts auf den Zustand der katholischen Kirche schließen können. Der zweiten Auflage des Werkes wäre ein entsprechendes Essay zu wünschen.


Dieter Philippi: Sammlung Philippi. Kopfbedeckungen in Glaube, Religion und Spiritualität. St. Benno Verlag. Leipzig, 2009; 712 Seiten; 79 Euro.



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