Uups! - et orbi Pius XII. - eine unselige Geschichte

Vor 50 Jahren segnete Eugenio Pacelli alias Pius XII. das Zeitliche - und sorgt immer noch für Kontroversen. Der Papst, der Hitler per Fernexorzismus vom Teufel zu befreien versuchte, wird wohl bald selig gesprochen - was mancherorts für Empörung sorgt.


Rom - Bis vor kurzem noch hat der Papst zum Thema "Das Schweigen des Pius XII. zum Holocaust" geschwiegen. Die Causa ist heikel, nicht nur außerhalb der Kirche. Hätte Pius lauter protestieren müssen, können, sollen, als das Volk Israel von den Nazis vertrieben und vernichtet wurde, als sogar unter seinem Fenster die Juden Roms zur Deportation zusammengetrieben wurden?

Papst Pius XII. (bei einer Audienz 1954): "Geschätzter Vorgänger"
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Papst Pius XII. (bei einer Audienz 1954): "Geschätzter Vorgänger"

Seit Rolf Hochhuths Theaterstück "Der Stellvertreter" aus dem Jahr 1963 trägt dieser Papst in der Öffentlichkeit ein Kainsmal: "Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt (...) ein solcher Papst ist (...) ein Verbrecher." Das lässt Hochhuth den Jesuitenpater Riccardo in dem Stück sagen.

Seit nunmehr 41 Jahren liegt die "Causa Pacelli" bei der Seligsprechungskongregation in Rom. Am 8. Mai 2007 wurde dort ein Dekret verabschiedet, das den "heroischen Tugendgrad" von Pius XII. feststellte. Jetzt fehlt auf dem Dokument nur noch die Unterschrift des amtierenden Papstes, damit Pius XII. selig gesprochen werden kann.

Aber der hat bislang noch gezögert. Nun wird er am Donnerstag, dem 50. Todestags seines umstrittenen Amtsahnen, im Petersdom einer Messe für Pius vorstehen und - so hoffen manche und fürchten andere - ankündigen, das Tugendgradsdekret zu unterzeichnen.

Wenn er das gewusst hätte, sagte der Oberrabbiner aus Haifa, Shear Yesuv Cohen, wäre er "vielleicht nicht gekommen". Mit Cohen ist erstmals ein Rabbi als Gast zu einer Bischofssynode eingeladen. "Wir glauben, dass er nicht beatifiziert oder als Vorbild genommen werden darf", sagte Cohen, "weil er uns nicht gerettet hat, noch seine Stimme erhoben, auch wenn er versucht hat, uns im Stillen zu helfen."

Wie er zu Pacelli steht, hat Benedikt XVI. am 18. September erstmals klargestellt. Auf einem Kongress der jüdisch-christlichen Stiftung "Pave the Way" sprach der Papst in Castelgandolfo von seinem "geschätzten Vorgänger".

Mit der Bekenntniswut des Vorgängers nicht einverstanden

Er erwähnte die "vielen Interventionen, die im Verborgenen und in aller Stille geschahen, weil es angesichts der konkreten Situation in diesem schwierigen historischen Augenblick nur auf diese Weise möglich war, das Schlimmste zu verhindern und eine größtmögliche Zahl von Juden zu retten." Die Leistungen des Pacelli-Papstes seien nicht immer "im rechten Licht untersucht worden". Wenn man dagegen ohne Vorurteile an den Fall herangehe, "so wird man auch die menschliche Weisheit und die tiefe Hirtensorge schätzen, die ihn in den langen Jahren seines Amtes geleitet haben und insbesondere bei der Organisation der Hilfe für das jüdische Volk."

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Der Handlungsspielraum eines Papstes war 1943 nicht sehr viel größer als sein 0,44 Quadratkilometer großes Staatsterritorium. In den Akten der Heiligsprechungskongregation liegt eine Anhörung durch die Erzdiözese München des SS-Obergruppenführers Karl Wolff aus dem Jahr 1972. Hitler, so Wolff, habe ihm persönlich am 9. September 1943 den Befehl erteilt, die Vatikanstadt zu besetzen und den Papst über die Alpen zu entführen. So schreibt es der Autor Michael Hesemann in seinem in diesen Tagen erscheinenden Buch "Der Papst, der Hitler trotzte".

Gleichzeitig, und gewiss nicht aus heiterem Himmel, kommen aus der Ecke der Jesuiten andere Signale. In der "Civiltà Cattolica", dem "Kursbuch" für den jesuitischen Zeitgeist (wo jeder Artikel von der Kurie abgesegnet wird), geht der Kirchenhistoriker Giovanni Sale SJ der "verschwundenen Enzyklika" nach. Das ist jenes von Pius XI. 1938 bei zwei Jesuiten-Patres in Auftrag gegebenes Lehrschreiben "Humani Generis Unitas", in dem der Rassismus und Antisemitismus ohne alle Umschweife als unvereinbar mit dem Christentum verdammt wird. Der Text wurde nie verkündet. Angeblich hat der damalige Staatssekretär Pacelli den Entwurf zurückgehalten. Das sei Unsinn, schreibt Giovanni Sale: "Es irrt, wer glaubt, dass hinter der Nicht-Veröffentlichung schimpfliche kuriale Intrigen steckten, obskure jesuitische Verschwörungen oder ähnliches."

Es hätte lediglich zu viele Verzögerungen auf dem Dienstweg gegeben, als dass der Papst die Enzyklika noch vor seinem Tod im Februar 1939 hätte verkünden können. Allerdings sei Pacelli mit der Bekenntniswut von Pius XI. nicht einverstanden gewesen: "In diesem Feld (bei den Rassegesetzen Mussolinis) nahm das Staatssekretariat einer eher vorsichtige Haltung ein, weil man glaubte, derart mehr und konkreteres zum Vorteil der Juden erreichen zu können, vor allem für jene, die zum Katholizismus konvertiert waren", schreibt Sale. "Nach der damaligen katholischen Mentalität schien es die Aufgabe der Kirche zu sein, vor allem ihre eigenen Gläubigen zu schützen."

Verblasst der Glanz des Konzils?

Das schreit, jedenfalls für heutige Ohren, nicht gerade nach dem Tugendgrad. Im "Corriere della Sera" erschien, ebenfalls kaum zufällig, ein zuvor unveröffentlichter Bericht von Domenico Tardini, der damals eng mit Pacelli zusammengearbeitet hatte. Auch dieser Bericht kommt aus dem Archiv des Jesuitenordens. Darin wird beschrieben, wie Pacelli eine sehr regierungskritische Note des Papstes für den "Osservatore Romano" umschreibt und abschwächt - gegen dessen ausdrücklichen Willen.

Von diesen Episoden gibt es viele, zuletzt zusammengestellt von dem Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf ("Papst & Teufel"). Wieso also wird ausgerechnet jetzt noch eine weitere ausgegraben? In Rom wird gemunkelt, es ginge gar nicht um Pacellis Verhalten gegenüber dem Tyrannen, sondern um etwas ganz anderes: "Manche von denen, die innerhalb der Kirche die Seligsprechung Pius XII. fürchten, sind dieselben, die nicht wollen, dass die Ratzingersche Einordnung des II. Vaticanums Fuß fasst", schreibt der Vatikanist Paolo Rodari in seinem Blog.

Benedikt XVI. hat sich zum Ziel gesetzt, die Kehre des Konzils wieder geradezubiegen, angebliche Übertreibungen zu korrigieren und das II. Vaticanum stärker in der Tradition zu sehen - in der Tradition Pius' XII. notabene. Je schneller der zwölfte Pius seliggesprochen wird, desto blasser, schreibt Rodari, werde das "enorme Erneuerungswerk in der Kirche Zweites Vatikanisches Konzil", das "1968" der katholischen Kirche.

Michael Hesemann berichtet übrigens auch von ungewöhnlichen Schritten Pacellis im Kampf gegen Hitler. Spätestens seit März 1939 sei Pius XII. überzeugt davon gewesen, dass Adolf Hitler vom Teufel besessen war. Also unterzog er den Führer einem Fernexorzismus: "Mal in seiner Kapelle, dann wieder durch das geöffnete Fenster seines Appartements, betete er: 'Im Namen Jesu, weiche Satan (...) Du, der du im Roten Meer von Moses besiegt wurdest, der du aus Saul ausgetrieben wurdest dank der von David gesungenen Psalmen, der du verdammt wurdest in der Person des Judas...'".


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