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Uups! - et orbi: Schluss mit Lessing

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Über Glauben lässt sich nicht streiten: Papst Benedikt XVI. hat mal wieder den Dialog der Religionen "im engen Sinne" für prinzipiell unmöglich erklärt - und wird dafür von Muslimen und Juden gelobt. Ein kultiviertes Agree to Disagree.

Rom - In Italien hat die Begeisterung für den deutschen Papst doch sehr nachgelassen. Die einen wünschen sich mehr Stellungnahmen zum Tagesgeschehen, die anderen sind sauer, dass er nicht schon längst eine Tridentinische Messe im Petersdom gefeiert hat. Was will der eigentlich, fragt man sich. Der Besagte hat seine Entscheidung längst getroffen. Er will den Job noch möglichst lange machen und als Kirchenlehrer in die Pontifikatsgeschichte eingehen, nicht als Reise-, Pillen- oder sonstiger Papst.

Gemeinsamer Blick nach oben: Papst Benedikt bei einem Besuch der Hagia Sofia, die einst Kirche und später Moschee war
AFP

Gemeinsamer Blick nach oben: Papst Benedikt bei einem Besuch der Hagia Sofia, die einst Kirche und später Moschee war

Und so wird jede Gelegenheit genutzt, um öffentlich nachzugrübeln über das Verhältnis von Glaube und Vernunft, beziehungsweise das Primat der Wahrheit in der nachmodernen Welt. Vor ein paar Tagen zum Beispiel erschien der neue Botschafter von San Marino zum Antrittsbesuch im Vatikan. Eigentlich nur, um seine Papiere abzugeben und einen guten Eindruck zu hinterlassen (im September 1978 war es zu einer ernsten diplomatischen Krise zwischen San Marino und dem Vatikan gekommen, weil beide Staaten dasselbe Briefmarkenmotiv aufgelegt hatten). Und schon sprach Benedikt von einem "gesunden Säkularismus", in dem "verschiedene Traditionen, Kulturen und Religionen friedlich zusammenleben" könnten.

Dann setzte er - vermutlich zur Überraschung des san-marinesischen Botschafters - zu einem Exkurs in die Systemtheorie an: "Gesunder" Säkularismus betone "die wirkliche Unterschiedenheit und Autonomie der verschiedenen Komponenten von Gesellschaft, aber bewahrt ebenso ihre spezifischen Kompetenzen im Kontext gemeinsamer Verantwortung". Letztere natürlich gegenüber dem "Schöpfer".

Noch deutlicher, was den Dialog zwischen den Religionen betrifft, wurde Benedikt gestern, als das Buch "Warum wir uns Christen nennen müssen" erschien, geschrieben von dem ehemaligen Senatspräsidenten und Philosophieprofessor Marcello Pera. Der Popper-Schüler Pera gehört zu jenen Atheisten, die für eine Rückbesinnung Europas auf seine christlichen Wurzeln werben. 2004 gab Pera einen Gesprächsband mit Joseph Ratzinger heraus, "Ohne Wurzeln", und das waren keine Tipps für Hobbygärtner.

In seinem neuen, bei Berlusconis Verlag Mondadori verlegten Buch führt Marcello Pera das Wesen des Liberalismus auf das Konzept der Gottesähnlichkeit des Menschen zurück: Wir sind Abbild Gottes und mit der Willensfreiheit beschenkt. Ratzinger hat das Manuskript in den Sommerferien gelesen und erlaubt, dass ein Brief von ihm als Geleitwort in den Band übernommen wurde. Ein ungewöhnlicher Vorgang, denn noch nie hat ein amtierender Papst ein Vorwort für das Buch eines Laien geschrieben.

Buchtipp

Alexander Smoltczyk:
"Vatikanistan"
Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt.

Heyne Verlag, 352 Seiten, 17,95 Euro.

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Der Papst schreibt nun, er habe das Buch "fasziniert" gelesen und lobt besonders die Absage an ein "kosmopolitisches" Europa, ohne Verortung im christlichen Menschenbild. "Sie erklären mit großer Klarheit, dass ein interreligiöser Dialog im engen Wortsinn nicht möglich ist, wohingegen der interkulturelle Dialog umso dringender wird, bei dem die kulturellen Konsequenzen der religiösen Grundentscheidung untersucht werden." Über Religion kann es keinen "wahren Dialog" geben, "ohne den eigenen Glauben auszuklammern". Verschiedene Kulturen könnten sich, so der Papst, "gegenseitig korrigieren und bereichern". Anders gesagt: Über den Kern wird nicht gestritten, ansonsten kann man über alles reden.

Das ist zwar nicht im Sinne von Lessings "Nathan der Weise", aber altbekannter Ratzingerismus. Schon das Schülertreffen 2005 in Castel Gandolfo hatte unter dem Thema "Grenzen des Dialogs" gestanden, in diesem Fall des Dialogs mit dem Islam. Das war unmittelbar vor der Regensburger Vorlesung. Trotzdem (oder gerade deshalb) hat der Brief für einige Aufregung gesorgt. "La Stampa" fragt, ob die Grenzen des Dialogs auch für das Gespräch mit dem Judentum gelten.

Unter den Betroffenen ist der Brief erstaunlich wohlwollend aufgenommen worden. Der Oberrabbiner von Rom, Riccardo Di Segni, sagte: "Wir müssen dem Papst für diese Klarstellung danken. Es gibt unüberwindbare Grenzen für jeden Glauben, die respektiert werden müssen." Die "Union islamischer Gemeinschaften und Organisationen in Italien" erklärt: "Gewiss dialogisieren wir nicht über unseren Glauben, denn jeder glaubt an das, was er glaubt, aber wir führen einen Dialog, wie wir zusammenleben können, jeder in seiner eigenen Verschiedenheit."


Wieso gibt es im Vatikan ein Standesamt, und warum ist die Kriminalitätsrate dort höher als in São Paulo? Und wie komme ich an der Schweizergarde vorbei? SPIEGEL-ONLINE-Vatikanist Alexander Smoltczyk hat durchs Schlüsselloch des päpstlichen Appartements geblickt und beantwortet gnadenlos alle Fragen, die andere noch nicht einmal zu stellen wagen: "Vatikanistan - Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt" ist jetzt im Buchhandel.

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