Erziehung Was wir modernen Väter von unseren Vätern lernen können

Was macht einen modernen Vater aus? Zunächst mal der Wunsch, anders zu sein als der eigene Erzeuger. Aber kann es sein, dass unsere Väter kompetentere Erzieher waren als wir ratgeberüberfütterten Optimierungsjunkies?

Jugendliche am Dortmund-Ems-Kanal
DPA

Jugendliche am Dortmund-Ems-Kanal


Wir hatten kein Auto früher, manche unserer Nachbarn auch nicht. Machte aber nichts, denn manchmal durfte ich mitfahren. Wir saßen zu viert auf der Rückbank von Käfer, Kadett oder VW Variant gequetscht, während uns schlecht wurde. Mein Vater arbeitete wie die meisten Männer in unserer Siedlung bei der Bundesbahn, weshalb wir für längere Reisen das Privileg eines Freifahrtscheins genossen, acht Fahrten im Jahr. Brauchten wir aber nie. Man fuhr nicht so häufig weg.

 Hajo Schumacher ist Vater, Journalist, Autor und Moderator. Titel seines jüngsten Buches: "Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst..."
Eichborn Verlag/ Reto Klar

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Kurzstrecken, also alles bis zwölf, 15 Kilometer, wurden in Westfalen mit dem Rad absolviert. Kein Regen, kein Wind, stramme Reifen, eine reibungslos arbeitende Dreigangschaltung - das waren Glückstage. Echtes Training bedeuteten dagegen die Touren über Land, wenn man gegen schrägen Schlagregen mit einem spinnakerartigen Cape kreuzte. Handschuhe wie immer vergessen. Die ersten Freundinnen wussten solche Anfahrten zu schätzen. Teures Busfahren wurden von meinen Eltern allenfalls bei Extremwetterlagen erlaubt, womit normaler Schneefall nicht gemeint war. Taxi? War wie Rolls-Royce; gab's nur im Fernsehen. Bis zu meiner Volljährigkeit habe ich maximal ein halbes Dutzend Fahrten in einem Taxi erlebt, meist in einem echten Mercedes, ein Riesenereignis, auch deswegen, weil das blutrote Taxameter das Wegfliegen der Groschen aufs Grausamste illustrierte.

Nein, ich bin nicht Pegida-sentimental, von wegen: Früher war nicht alles besser. Eines allerdings war objektiv anders.

Eltern hatten weniger Geld, aber mehr Zeit. Heute ist viel Klimbim da, den kein Kind braucht, nur die Zeit ist irre knapp. Unsere Eltern haben nicht über Qualitytime gequatscht, sondern das selbstverständliche Miteinander mit dem Nachwuchs jeden Tag klaglos gelebt.

Mein Vater fuhr mich morgens mit dem Rad zum Kindergarten, auf einem nach heutigen Sicherheitsstandards lebensgefährlichen Plastiksättelchen, das vorn auf die Stange montiert war. Die Fußrasten an der Gabel brachten dem Knirps sehr rasch bei, dass Zehen, gerade in offenen Sandalen, möglichst fern der Speichen zu halten sind.

Mittags nahm mich mein Vater mangels Ganztagsbetreuung wieder mit nach Hause; meine Mutter hatte gekocht, fast immer auf Kartoffelbasis. Vaters Arbeit im Büro war offenbar kein Lebensinhalt, dafür reichte das eine, kleine Beamtengehalt, um eine Familie durchzubringen und drei Kinder studieren zu lassen. Ökonomisch waren sie damals echt fit; keiner kaufte Pappbecherkaffee für vier Euro.

Jeden Mittag aßen wir gemeinsam, dann rollte sich mein Vater für eine Viertelstunde aufs Sofa. Um halb fünf war er wieder zu Hause. Ob er auf eine Vierzigstundenwoche kam? Meine Mutter auf jeden Fall: Sie erledigte jeden Einkauf mit dem Rad, wusch im Wäschekeller, klopfte Teppiche im Hof. Die klassische Arbeitsteilung lautete damals: Hier der Verdiener, dort die sparsame Hausfrau. Fair war das nicht, nicht nur wegen der Rentenansprüche. Manchmal erzählte meine Mutter wehmütig von ihrer Banklehre; uns war nicht klar, was wir als Nachwuchs damit zu tun hatten. Geldsorgen, Krankheiten, Kleingartenkriege, Bedürfnisse, düstere Gefühle - viele Themen wurden nicht vor den Kindern ausgetragen.

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Für mich war es traumhaft: Immer war jemand zu Hause, und das Unangenehme war oft ausgeblendet. "Kommt noch früh genug", sagte meine Mutter. Trotzdem war immer was los, weil entweder sauber gemacht, repariert, eingekauft oder etwas dazwischen erledigt werden musste.

Tage, Wochen, Jahre hatten Rhythmen von Belastung und Ruhe. Und die Kinder immer zwischendrin. Weil meine Mutter beim Kaufmann dauernd rechnete, rechnete ich als Kind eben mit, weil mein Vater mit sehr minderwertigem Werkzeug versuchte, sehr komplexe Mechanismen wie einen Freilauf auseinander- und vor allem wieder zusammenzubauen, lernte ich die Kunst, trotz des Fehlens oder Eierns von zentralen Bauteilen noch ein paar Wochen weiterzuradeln.

Und wenn ich mich mit Kumpels für einen langen Nachmittag in die Wäldchen an der steilen Spundwand des Dortmund-Ems-Kanals verzog, schob niemand Panik. Alle hundert Meterngab es Notleitern; so weit musste man durchhalten, auch ohne Freischwimmer. Reingefallen sind manche von uns, ertrunken ist nie einer.

Achtung, Provokation: Kann es sein, dass unsere eigenen Väter, von denen wir uns nie genug abgrenzen konnten, weil sie Helmut Kohl wählten, Schweinefleisch aßen und die Grünen ablehnten, dass also diese leicht bis mittel übergewichtigen, karriereresistenten, sparsamen Heinz-Erhardt-Männer womöglich konsequentere, zugewandtere, kompetentere Erzieher waren als wir ratgeberüberfütterten Optimierungsjunkies?

Wir haben Internet, Fleischthermometer und zwei Billy-Regale voller Lebenshilfeliteratur, aber leider wenig Zeit. Wir machen unter Anleitung von Verhaltenstherapeuten ein Wochenendseminar "SmallGardening" oder üben achtsames Essen ohne Handy. Neulich habe ich von einem Vater-Sohn-Kurs für "Creative Boardgames" gelesen, wo dieses Malefiz gelehrt wurde, was dann alle tatsächlich mal aufgebaut haben, um es zu fotografieren, bei Facebook zu posten und online zu bestellen. Toll, was man alles zusammen machen kann, ohne viel miteinander zu reden.

Mein alter Herr hat nie auf Smartphones gestarrt, weil es keine gab, sondern darüber gewacht, dass beim Telefonieren der Acht-Minuten-Takt eingehalten wurde. Neben dem Schnurtelefon, Farbton Moos, stand tatsächlich eine Sanduhr, womit wir Kinder früh das Manipulieren gelernt haben und obendrein, dass "Zeit" eine relative Angelegenheit ist. Er hat mir wortlos den Sportteil der Zeitung gegeben, nicht damit ich lesen lerne, sondern Ruhe gebe. Ab 18 Uhr durfte ich fernsehen, wenn ich vorher zum Spielen ohne Anleitung oder Helm oder pädagogischen Mehrwert durch die frische Luft gejagt war. Um 19 Uhr waren "Percy Stuart", "Väter der Klamotte" oder "Trickfilmzeit mit Adelheid" vorbei, dann gab es Abendbrot; ab 20 Uhr gehörte der Fernseher den Eltern, bis Hans Rosenthal, Rudi Carrell und Wim Toelke (aber nur bis Wum und Wendelin) den Zeitplan aufweichten. Regeln wurden damals wie heute aufgeweicht, aber nachvollziehbarer.

Vater mit Smartphone und Kinderwagen (Symbolbild)
Getty Images/ Johner RF

Vater mit Smartphone und Kinderwagen (Symbolbild)

Wir hatten einen Kleingarten, wo ich den Unterschied zwischen Erd-, Him- und Stachelbeeren lernte, durch, Achtung: Smelling, Touching, Picking, Tasting. Und beim alljährlichen Gartenfest habe ich kapiert, dass Alkohol mein Freund ist, weil mein Vater nach drei Bier unerwartet großzügig wurde und mir eine zweite Fanta spendierte. Dafür hat er beim Malefiz immer gewonnen. Das wurde ja früher tatsächlich richtig gespielt, sogar mehrmals nacheinander, aber nur bis zu den Nachrichten.

Eigentlich war damals alles, wie es aktuelle Erziehungsratgeber verlangen - eine gute Mischung aus Behütetsein, Selbstverantwortung und viel Zeit. Wir haben die Welt erfahren, jeden Tag weitete sich unser Aktionsradius ein wenig mehr, schon deswegen, weil unsere Eltern nicht mal nach zwei Flaschen Eckes Edelkirsch auf die Idee gekommen wären, uns zur Schule, zum Musikunterricht oder zum Sport zu fahren. Nachhilfe? Du spinnst wohl. Was das kostet. Setz dich hin, und mach erst mal ordentlich deine Hausaufgaben, du fauler Hund. Und wenn noch ein einziger blauer Brief kommt, gibt es kein Fernsehen, nie wieder. Ja, das klang brutaler als ein einfühlsames Gespräch in Anwesenheit eines Traumatisierungsexperten? War aber auch wirkungsvoller.

Erziehungsratschläge gab es halt bestenfalls von der Kinderärztin, die "mehr frische Luft" verordnete. Pädagogik war weder Wissenschaft noch Voodoo, sondern eher eine Bauchangelegenheit. Die Sache mit den Schlägen war der einzige Streitpunkt, eine zuverlässige Trennlinie zwischen konservativ und den Guten. Meinem Vater ist die Hand zwei-, dreimal ausgerutscht. Und ich muss leider zugeben: völlig zu Recht.

Natürlich ging vieles genauso schief wie heute, aber der Stresslevel aller Beteiligten lag deutlich niedriger. Dafür wuchs das magische Dreieck von Gelassenheit, Resilienz und Achtsamkeit auf märchenhafte Art von ganz allein.

Und heute? Arbeitet der moderne Vater Teilzeit, trägt das Baby vorm Bauch und managt sein Start-up von der Spielplatzbank, bevor er mit dem Lastenrad zurück in die lichtdurchflutete Altbauwohnung rollt, wo schon die Gemüsekiste wartet. Gibt's diese Typen wirklich? Wie bezahlen die das alles? Und wie geht es den Kindern dabei, so als Statusscheißer? Könnte man ja auch mal fragen.

Modernes Vatersein heißt ja zunächst mal Vater-Nichtsein, weil man ganz anders sein will als der eigene Erzeuger, den man liebevoll abwertend den "Alten" nennt oder mit heuchlerischem Respekt den "alten Herrn". Leider bedeutet Elternsein nicht nur, experimentell an kleinen Seelen herumzuschrauben, sondern auch, eine Expedition ins eigene Schattenreich zu unternehmen und sich viel zu oft die bange Frage zu stellen: Rede ich jetzt schon wie meine Mutter, wie mein Vater? Solange du deine Füße... Wenn das alle... Was sollen denn die Nachbarn... Guck dich doch mal... Schämst du dich eigentlich...

Aber wie ist man anders als der eigene Vater? Bringt einem ja keiner bei. Wo sind die Vorbilder. Ja, ja, ja, schon klar, immer wieder Justin Trudeau. Im Kino oder in Erziehungsratgebern sind Väter Til-Schweiger-haft, verständnisvoll, cool, verletzlich und total witzig. Nicht so emotional verkarstet wie die Kriegsgeneration, nicht so spießig wie die Wirtschaftswundereltern, nicht so bequemlichkeitsverkumpelt wie die Achtundsechziger. Und erst recht nicht so luschig wie wir Radhelmhelden mit Grünkohl-Smoothie zum Frühstück und Trostwein am Abend.

Wie aber ist er wirklich, der moderne Vater, der seine Führungsrolle ebenso ernst nimmt wie Empathie, damit die Kinder keine Terroristen oder Investmentbanker werden? Das wahre Problem lautet: Moderne Väter wissen sehr genau, wie sie nicht sein sollen, aber ahnen bestenfalls wolkig, wie sie sein wollen.

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