Valentinstag: Die Vermessung der Liebe

Von Wlada Kolosowa

Wann kann man von Liebe sprechen? Immer! Das zeigen Thomas und Sabine Müller. Beim durchschnittlichsten aller Paare versucht unsere Autorin die Frage zu beantworten: Was macht Beziehungen in Deutschland aus?

Durchschnitt: So lieben sich die Deutschen Fotos
Corbis

Der Wecker klingelt um 6.18 Uhr. Die durchschnittliche Weckzeit der Deutschen ist der Dokumentation "Der Durchschnittsdeutsche" auf Kabel Eins aus dem Jahr 2008 entnommen. Thomas und Sabine Müller Der Nachname Müller kommt in Deutschland über 400.000-mal vor, wie die "Bild"-Zeitung am 29. Juni 2010 berichtete. wälzen sich in ihrem Bett, Modell Malm von Ikea. Noch ein paar Mal den Wecker weiterstellen, ein bisschen schmusen, für mehr bleibt eigentlich keine Zeit, beide müssen zur Arbeit.

Die Müllers wohnen in einer Mietwohnung in der Provinz, Zwei Drittel aller Deutschen leben in einem Ort mit weniger als 100.000 Einwohnern. Quelle: DER SPIEGEL 17/2008 haben 117-mal Sex im Jahr, nicht so oft wie sie es gerne hätten, 60 Prozent der Deutschen wünschen sich laut den "Durex Sexual Wellbeing Global Surveys" mehr Sex. aber immer noch 69-mal häufiger als ein Japaner. Thomas ist knapp 1,80 groß, leicht übergewichtig Die Daten über das Aussehen der Durchschnittsdeutschen sind dem SPIEGEL 17/2008 entnommen. und arbeitet im Unternehmensmanagement. Sabine ist einen halben Kopf kleiner, hat schulterlanges Haar und arbeitet als kaufmännische Angestellte. Thomas und Sabine sind in ihren Vierzigern, sie haben einen Sohn, Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau betrug im Jahr 2010 in Deutschland 1,39. auf dem Nachttisch liegt ein Roman von Charlotte Link. Charlotte Link führt derzeit die SPIEGEL-Bestsellerliste für Belletristik an. Thomas und Sabine gibt es nicht wirklich. Aber ein wenig von ihnen steckt in jedem von uns. Denn sie sind ein deutsches Durchschnittspaar.

Thomas und Sabine haben sich auf der Geburtstagsparty eines gemeinsamen Freundes 53 Prozent der Deutschen stimmen der Aussage zu, dass man den Partner am Besten im Freundeskreis kennenlernen kann. Quelle: DER SPIEGEL 17/2008 kennengelernt und sind dann einen Kaffee trinken gegangen, was 73 Prozent der Deutschen für ein gutes erstes Date

Quelle: Umfrage der Partnervermittlung ElitePartner mit 4544 Befragten.
halten. Ein paar Tage später waren sie essen, am Wochenende darauf gingen sie spazieren und irgendwann ins Kino. Der Satz aller Sätze, "Ich liebe Dich", kam ihnen erst nach ein paar Wochen über die Lippen – wie bei 51 Prozent 45 Prozent der Deutschen warten länger mit der Liebeserklärung

der Deutschen. Als sie 1996 heirateten, war Sabine 27,6 Jahre alt, Thomas 30. Heute lassen sich die Paare mehr Zeit: 2011 gaben Männer mit durchschnittlich 33 Jahren das Jawort, Frauen mit 30. Im Schnitt haben die Deutschen sechs Sexualpartner In Großstädten beträgt die durchschnittliche Zahl der Sexualpartner sieben. Quelle: DER SPIEGEL 17/2008 im Leben.

Aber zurück ins Schlafzimmer: "Guten Morgen, Schatz!", sagt Thomas. (Denn Schatz gefällt fast der Hälfte der Deutschen als Kosename. )

"Guten Morgen, Liebling!", antwortet Sabine – die zweitbeliebteste Bezeichnung.

Eigentlich wäre es höchste Zeit, aufzustehen. Aber lassen wir die beiden im Bett bleiben, es ist schließlich Valentinstag. Und allzu lang werden sie ohnehin nicht brauchen. 36 Minuten dauert das deutsche Liebesspiel, 18,5 Minuten allein das Vorspiel. Die Müllers schlafen in Missionarsstellung miteinander.

Beim Frühstück – Graubrot für Thomas, Toast für Sabine – holt Thomas einen Rosenstrauß heraus, den er gestern gekauft hat. Sabine revanchiert sich mit einer Schachtel Pralinen. 62 Prozent der Deutschen haben ihre Liebsten schon zum Valentinstag beschenkt, meistens mit Blumen oder Süßigkeiten im Wert von 10 bis 25 Euro.

Was könnten mir Thomas und Sabine Müller über die Liebe erzählen?

Vermutlich würde das Interview länger dauern als ihre Gespräche miteinander. Thomas und Sabine reden Ein durchschnittliches Paar in Deutschland spricht täglich 15 Minuten miteinander, davon 10 im Bett. Quelle: DER SPIEGEL 17/2008 täglich im Durchschnitt gerade einmal 15 Minuten miteinander, 214 Minuten weniger, als sie im vergangenen Jahr täglich fernguckten.

Trotzdem würden sie wie 73,5 Prozent aller Deutschen erzählen, dass sie zufrieden sind mit ihrem Liebesleben. Den Sinn des Lebens sehen 63 Prozent der deutschen Frauen und 69 Prozent der Männer in einer glücklichen und harmonischen Partnerschaft. Ähnlich wichtig sind ihnen nur gute Freunde.

Über Geld streiten sich Sabine und Thomas selten, wenn sie sich zoffen, dann eher über die Hausarbeit: Thomas widmet 13 Stunden der Woche dem Haushalt, Sabine 15 Die Zahlen zur Arbeitsverteilung im Haushalt sind der Dokumentation "Der Durchschnittsdeutsche" auf Kabel Eins aus dem Jahr 2008 entnommen. .

Thomas und Sabine sehnen sich nach Zärtlichkeit und Nähe, machen sich aus Eifersucht

Quelle: Emnid-Umfrage mit 423 Befragten im Alter von 20 bis 49 Jahren
schon mal eine Szene oder reden schlecht über den anderen. Ganz unbegründet ist die Sorge nicht: 47 Prozent der Männer haben ihre Partnerin schon einmal betrogen, 38 Prozent der Frauen gingen fremd. Für 45 Prozent der Deutschen ist die Untreue aber nicht notwendigerweise ein Trennungsgrund.

Das Eheversprechen hält in Deutschland zwar nicht "für immer und ewig", aber immerhin länger als in den Neunzigern: 2010 betrug die durchschnittliche Ehedauer bei der Scheidung 14 Jahre und zwei Monate. 1992 waren es lediglich elf Jahre und sechs Monate.

Die Liebe ist keine Garantie, das wissen Thomas und Sabine. Doch zum Schluss des Gesprächs, das nie geführt wurde, würden sie mir trotzdem eines zuflüstern: Dass sie dennoch an die große Liebe glauben – wie 82 Prozent der Deutschen.

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insgesamt 18 Beiträge
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1.
protzkahz 14.02.2012
Zitat von sysopCorbisWann kann man von Liebe sprechen? Immer! Das zeigen Thomas und Sabine Müller. Beim durchschnittlichsten aller Paare versucht unsere Autorin die Frage zu beantworten: Was macht Beziehungen in Deutschland aus? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,815142,00.html
Oh mann... Ich bin ja der Durchschnittstyp schlechthin... Da stimmt alles... :(
2. Sexakte im Jahr
BonChauvi 14.02.2012
Zitat von sysopCorbisWann kann man von Liebe sprechen? Immer! Das zeigen Thomas und Sabine Müller. Beim durchschnittlichsten aller Paare versucht unsere Autorin die Frage zu beantworten: Was macht Beziehungen in Deutschland aus? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,815142,00.html
Dass ausgerechnet die Griechen die meisten Sexakte im Jahr haben hat mich nicht gewundert. Kostet ja nichts und Zeit haben sie auch genug.
3. der Sinn des Lebens
velociraptor 14.02.2012
Zitat von sysopCorbisWann kann man von Liebe sprechen? Immer! Das zeigen Thomas und Sabine Müller. Beim durchschnittlichsten aller Paare versucht unsere Autorin die Frage zu beantworten: Was macht Beziehungen in Deutschland aus? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,815142,00.html
Die gegebenen Auswahlmöglichkeiten sind mir zu holzschnittartig. Es fehlen Optionen, z.B. zu sagen: "es gibt keinen Lebenssinn" oder "geistig zu reifen"? Oder glaubt tatsächlich jemand, dass der elementare Sinn der eigenen Existenz darin besteht "sich viel leisten zu können"?
4.
Trondesson 14.02.2012
Zitat von velociraptorDie gegebenen Auswahlmöglichkeiten sind mir zu holzschnittartig. Es fehlen Optionen, z.B. zu sagen: "es gibt keinen Lebenssinn" oder "geistig zu reifen"? Oder glaubt tatsächlich jemand, dass der elementare Sinn der eigenen Existenz darin besteht "sich viel leisten zu können"?
Es ging ja um den Durchschnittsheinz, also um wohl um die, deren geistige Höchstleistungen im dreitäglichen Nümmerchen bestehen. Ich kann diesen Lebensstil für mich persönlich jedenfalls nicht nachvollziehen.
5.
vanny1984 14.02.2012
Zitat von protzkahzOh mann... Ich bin ja der Durchschnittstyp schlechthin... Da stimmt alles... :(
Selbiges dachte ich gerade auch ;). Aber dann fragte ich mich, warum ich eigentlich "Oh nein" dabei dachte. Was ist schlimm am beschriebenen Durchschnitts-Deutscher-Szenario? Verheiratet, ein Kind, morgens gemeinsam aufwachen, darüber froh sein, ein bisschen kuscheln und dann in einen geregelten Alltag starten - warum empfinden wir dieses sichere, ruhige, durchschnittliche Leben in der heutigen Gesellschaft als etwas Negatives? Warum immer dieses übertriebene Streben nach dem Ungewöhnlichen? Sind denn die, die das ungewöhnliche Leben leben, tatsächlich glücklicher und zufriedener? Vielleicht ist der Weg zum Glück ja tatsächlich die Durchschnittlichkeit, denn ich bin eigentlich sehr froh und ausgeglichen, wenn ich morgens in unserem Ikea-Malm-Bett neben meinem Partner aufwache, mich über seine Anwesenheit freue, wir uns diese Freude gegenseitig mitteilen und danach ein ganz normaler Tag wie jeder andere beginnt :).
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