Langzeit-Filmprojekt Ein Vater kämpft um sein Kind

Seit der Geburt hat ein Vater kaum Kontakt zu seiner Tochter, weil die Mutter das nicht will: So erzählt Peter Kees seine Geschichte in einem Film. Hier redet er über Ohnmacht und Leidensgenossen.

Ein Interview von

Peter Kees

Zur Person
  • BBF Sigi Fischer
    Peter Kees, Jahrgang 1965, ist freischaffender Künstler. Seine Arbeiten zu "Sehnsüchten, Idealen und Visionen" waren im In- und Ausland zu sehen, unter anderem in Barcelona, Posen und Bregenz sowie in Berlin, Weimar und Rostock. Der 50-Jährige hat eine drei Jahre alte Tochter. Er lebt im Landkreis Ebersberg östlich von München.
Ein Mann und eine Frau verlieben sich, zeugen ein Kind. Wenige Monate vor der Geburt verlässt die Schwangere ihren Partner, bricht den Kontakt ab: Das ist die Geschichte, die der Künstler Peter Kees im Film "Vaterlandschaften" erzählt. Er ist Regisseur, Kameramann und Erzähler in Personalunion. Es ist seine Geschichte.

Von der Geburt seiner Tochter erfuhr Kees erst mit mehr als einer Woche Verzug, so schildert er es. Zum ersten Mal in den Arm nehmen konnte er sie demnach, als sie über einen Monat alt war. Dem Film zufolge erlaubte die Mutter nur äußerst sporadischen Kontakt. Erst ein Gericht regelte schließlich den Umgang, so Kees: zu Beginn 1,5 Stunden die Woche, zuletzt drei Tage im Monat.

"Vaterlandschaften" ist eine Langzeit-Selbstbeobachtung: Von November 2012 bis Dezember 2015 begleitete Kees sich mit der Kamera. Beim Duschen, bei der Apfelernte, bei der Gartenarbeit, beim Fensterputzen, beim Tanzen im Wohnzimmer. Er dokumentierte, wie es einem Vater geht, der darum kämpft, Teil des Lebens seines Kindes sein zu dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt man sich als Vater, der sich ums Kind kümmern will, das aber nur sehr eingeschränkt darf?

Kees: Man ist ausgeliefert, man fühlt sich vollkommen ohnmächtig. Ich habe von der Geburt meiner Tochter mehr als eine Woche später erfahren. Und jetzt kriege ich außerhalb meiner Umgangszeiten gar nichts mit. Ich weiß noch nicht einmal, ob das Mädel geimpft ist. Ich bin aus Berlin nach Oberbayern gezogen, um nahe bei meinem Kind zu sein. Aber das kann ich kaum. Dass der Kontaktabbruch meiner Ex-Partnerin in dieser Gnadenlosigkeit kommt, hätte ich nicht gedacht oder geahnt. Da war ich vielleicht sehr naiv.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft sehen Sie Ihre Tochter?

Kees: Die ersten zehn Monate nach der Geburt nur sehr sporadisch, insgesamt neun Mal. Dann reichte es mir, ich habe bei Gericht einen Antrag auf Umgang gestellt. Danach lief es besser. Zuletzt waren es drei Tage im Monat, zwei ganze und zwei halbe Tage, keine Übernachtungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über Ihre Erfahrung zu drehen? Wollten Sie sich einmal nicht in der Rolle des Ausgelieferten fühlen?

Kees: Der Film gab mir die Möglichkeit zu handeln. Vor der Geburt war er ein selbsttherapeutischer Zugang zu einer emotional enorm belastenden Situation. Da habe ich noch nicht darüber nachgedacht, das zu veröffentlichen. Durch die Kamera konnte ich ein bisschen Distanz zu der Geschichte schaffen, weil ich gleichzeitig Beobachter war. Die zweite Motivation war, etwas zu schaffen, was ich meiner Tochter später einmal zeigen kann: Wie war das damals eigentlich aus der Sicht deines Vaters, wie hat der gelebt?

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich entschieden, den Film zu veröffentlichen?

Kees: Ich habe erfahren, dass es jede Menge Väter in vergleichbaren Lagen gibt. Der Film zeigt meine individuelle Geschichte, aber an diesem Beispiel zeigt sich, was andere auch durchmachen. Ich habe viele Rückmeldungen von Männern bekommen, die den Trailer angeschaut haben und schrieben, dass der Film genau das zeigt, was sie auch erleben.

SPIEGEL ONLINE: Ein Film als Weckruf an die Gesellschaft?

Kees: Ja. Momentan ist es in der juristischen Praxis meist so, dass den Müttern das Kind zugesprochen wird und der Vater ein bisschen Besuchspapa spielen darf. Da sind wir nicht in der gesellschaftlichen Realität angekommen. Der Film ist mein Beitrag als Künstler zum gesellschaftlichen Diskurs über eine notwendige Veränderung.

SPIEGEL ONLINE: Welche Veränderung?

Kees: Zum Beispiel hin zum Wechselmodell, in anderen Ländern ist das längst Standard: Die Kinder sind die halbe Zeit beim Vater, die andere Hälfte der Zeit bei der Mutter. In Deutschland sind wir politisch und juristisch unglaublich veraltet.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Privatleben dürfte der Film allerdings keine Verbesserung bringen.

Kees: Stimmt, da gieße ich schon ein bisschen Öl ins Feuer. Aber ich glaube nicht, dass sich die Lage ohne den Film verbessert hätte.

SPIEGEL ONLINE: Zuschauer könnten leicht auf die Idee kommen, der Film sei eine Abrechnung mit der Mutter.

Kees: Darum geht es nicht. Ich versuche nicht, die Mutter vorzuführen. Ich erzähle, was ein Vater erlebt, wie es ihm in so einer Geschichte geht. Dass die Mutter indirekt auftaucht, liegt in der Natur der Sache. Aber weder die Mutter noch meine Tochter sind identifizierbar.

SPIEGEL ONLINE: Die Mutter kommt aber nicht besonders gut weg. Und wie sachlich kann man sein, wenn man mittendrin steckt?

Kees: Ich habe mich bemüht, mich auf das Faktische zu beziehen. Aber so ein Projekt ist immer subjektiv. Wenn Sie mit der Mutter sprechen würden, die würde Ihnen vielleicht was ganz anderes erzählen. Erfunden habe ich aber nichts. Alle Zitate, alle Schreiben hat es wirklich gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Weiß Ihre Ex-Partnerin von dem Film?

Kees: Ja. Ohne, dass sie den Inhalt kennt, hat sie eine einstweilige Verfügung beantragt, auf Aussetzung des Umgangs. Zuletzt habe ich meine Tochter Anfang Januar gesehen. Mitte März ist der nächste Gerichtstermin. Ich nehme an, dass die Mutter kein besonders tolles Vaterbild vermittelt. Jetzt macht meine Tochter die Erfahrung, mein Vater ist nicht zuverlässig, der kommt ja gar nicht mehr wöchentlich. Die weiß ja vermutlich nicht, dass ich nicht komme, weil ich nicht darf. Das zerreißt mir das Herz.

SPIEGEL ONLINE: Kann man unter diesen Voraussetzungen ein guter Vater sein?

Kees: Ich bemühe mich. Aber meine Tochter könnte mehr von ihrem Vater mitbekommen. Die Beziehung zu meiner Tochter ist nicht frei. Wir sind an die vom Gericht festgelegten Zeiten gebunden. Der Zeitdruck ist wie ein Schwert im Rücken, weil man immer weiß, man muss gleich losfahren. Ich versuche, auch anders zu zeigen: Hey, dein Papa ist da. Ich schicke Postkarten, aber ob sie die bekommt, weiß ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich an die Situation gewöhnt?

Kees: Überhaupt nicht. Ich habe Angst davor, obsessiv zu werden, wie ich es bei anderen Vätern erlebt habe - Angst davor, dass die Geschichte mein Leben komplett bestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Vätern in ähnlicher Lage?

Kees: Regelt die Sache möglichst privat, ohne Anwalt und Gericht. Geht zum Mediator, zu Beratungsstellen. Bei uns war das leider nicht möglich. Die juristische Auseinandersetzung kann wirklich ein jahrelanger Kampf werden. Und die Leidtragenden sind die Kinder.


Die Premiere von "Vaterlandschaften" ist am 3. März um 20 Uhr im Kino Babylon in Berlin-Mitte. Anschließend gibt es eine Podiumsdiskussion zum Thema.


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