Antimissbrauchskonferenz im Vatikan Posterboys der Untätigkeit

Wie lässt sich sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche bekämpfen? Manch selbsternannter Aufklärer scheitert an den eigenen Ansprüchen. Der deutsche Kardinal Marx fordert Sanktionen gegen Untätige.

Gipfeltreffen zum Thema Missbrauch
DPA

Gipfeltreffen zum Thema Missbrauch

Aus Rom berichtet


"Rechenschaft" ist das große Thema des zweiten Tages bei der Missbrauchskonferenz im Vatikan. Als erster Redner spricht der Erzbischof von Mumbai, Kardinal Oswald Gracias, über die große Verantwortung der Bischöfe. "Wir haben nicht genug gegen Missbrauch getan", sagte er. "Wir alle machen Fehler, und wir müssen aus ihnen lernen. Wir müssen Buße tun."

Medienberichte der vergangenen Tage legen nahe, dass ein "ich" in diesem Kontext vielleicht passender gewesen wäre. Laut einer Recherche der BBC soll Gracias es versäumt haben, die Polizei zu informieren, als ihn 2015 eine Familie in der Diözese Mumbai aufsuchte und berichtete, ihr Sohn sei wenige Tage zuvor von einem Priester vergewaltigt worden. Dem Bericht zufolge soll sich der Kardinal darauf beschränkt haben, mit den Eltern zu beten - dann sei er auf Dienstreise nach Rom aufgebrochen, ohne die Behörden zu informieren.

In einem zweiten Fall in der Diözese aus dem Jahr 2009 soll ein Priester im Amt belassen worden sein, obwohl eine Frau einen sexuellen Missbrauch angezeigt hatte. "Der Mann arbeitet noch immer in meiner Gemeinde", sagt die indische Anwältin und Betroffenenvertreterin Virginia Soldanha. Der missbrauchte Junge aus dem Jahr 2015 sei durch die Tat schwer verletzt worden und habe noch nicht einmal medizinische Hilfe bekommen.

"Er ist eines der Aushängeschilder für den Mangel an Rechenschaft"

Der BBC sagte Gracias, der Vorfall aus dem Jahr 2009 sei ein "komplizierter Fall", an den aus dem Jahr 2015 könne er sich nicht genau erinnern. In Rom erklärte Gracias nun, er setze bei "problematischem Verhalten" von Kollegen auf eine "correctio fraterna", ein Korrektiv unter Brüdern. Priester und Bischöfe seien aufgerufen, sich einander anzuvertrauen und keine Angst vor der Offenlegung von Fehltritten zu haben. "Wir sollten die Demut haben, zu erkennen, dass wir nicht perfekt sind." Ein seltsam kumpelhafter Versuch, Kinder zu schützen, konnte man denken.

"Warum durfte Gracias überhaupt auf der Konferenz sprechen?", fragte Anne Barrett Doyle von der US-Online-Plattform "BischopAccountability". "Er ist einer der Posterboys für den Mangel an Rechenschaft, die Kirchenobere vor allem in den Entwicklungsländern abgeben."

Obwohl die Kirche weiter die Lufthoheit über interne Informationen verteidigt, scheint nicht jeder alles über den anderen zu wissen - oder wissen zu wollen. Das hat der Fall Theodore McCarrick eindrücklich gezeigt. Pünktlich zu Beginn der Konferenz im Vatikan hatte Franziskus den Bischof wegen Missbrauchs von Minderjährigen aus dem Klerikerstand entlassen.

Der Fall war zum Politikum geworden, als Ex-Vatikandiplomat Carlo Maria Vigano dem Papst vorwarf, Hinweise auf langjähriges Fehlverhalten des Bischofs ignoriert zu haben. Stattdessen habe Franziskus McCarrick sogar noch gefördert.

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Die US-Kardinäle Sean O'Malley und Blase Cupich sagten auf der heutigen Pressekonferenz, sie rechneten mit der baldigen Veröffentlichung vatikanischer Untersuchungsergebnisse zu dem Fall. In dem Bericht sollen Informationen aus den US-Diözesen enthalten sein, in denen McCarrick tätig war.

Cupich nannte legale Rahmenbedingungen, wie mit tatverdächtigen Bischöfen umgegangen werden könne.

  • Laien und Experten sollten in die Ermittlungen einbezogen werden, außerdem in Übereinstimmung mit dem kanonischen Gesetz der zuständige Metropolit. All dies, ohne die Autorität des Heiligen Stuhls infrage zu stellen.
  • Der Metropolit sollte mit Erlaubnis des Heiligen Stuhls ermitteln dürfen und autorisiert sein, der Glaubenskongregation Disziplinarmaßnahmen gegen den Tatverdächtigen anzuraten.
  • Die Ermittlungen sollten zügig durchgeführt und zeitnah abgeschlossen werden.
  • Die Verfahren, mit denen ein Missbrauchsverdacht gegen einen Bischof angezeigt werden kann, sollten transparent und den Gläubigen bekannt sein. Es sollten unabhängige Stellen wie etwa eine Telefon-Hotline oder eine Website vorhanden sein, die Beschwerden entgegennehmen und sie direkt an den Apostolischen Nuntius weiterleiten.
  • Niemand dürfe wegen einer solchen Anzeige einer Leitungsperson diskriminiert werden.
  • Opfer und ihre Familie müssen mit Würde und Respekt behandelt werden und sollten psychologische und andere Unterstützung bekommen. Die Diözese des beschuldigten Bischofs solle die Kosten tragen.
  • Laien, Männer und Frauen, sollten den gesamten Prozess begleiten, um Transparenz zu garantieren.

Auf die Frage von Journalisten, ob die Glaubenskongregation endlich Zahlen und Statistiken zu Tausenden dokumentierten Missbrauchstaten herausgeben werde, sagte der Malteser Erzbischof Charles Scicluna nur wolkig: "Es gibt den Willen, daran zu arbeiten."

"Wir brauchen ein System, das Untätigkeit eines Verantwortlichen bei Tatverdacht sanktioniert", sagte der Chef der Deutschen Bischofkonferenz Reinhard Kardinal Marx am Rande eines Treffens mit Betroffenen des internationalen Netzwerks "Ending Clergy Abuse".

Marx versprach, dem Papst von den Gesprächen zu berichten. Am Samstag wird der Kardinal seinen Vortrag in der Synodenaula halten. Auch wenn es kein Abschlussdokument geben werde, hoffe er "dass wir am Ende der Konferenz eine gemeinsame Verpflichtung eingehen".

Mit Material von AP

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