Vatikan Missbrauchsopfer kritisieren Seligsprechung von Johannes Paul II.

Johannes Paul II. wird seliggesprochen - gegen diese Entscheidung von Papst Benedikt XVI. protestieren Missbrauchsopfer der katholischen Kirche. Der verstorbene Pontifex habe die jahrzehntelangen Misshandlungen toleriert, lautet der Vorwurf.

Papst Johannes Paul II. (2005): Seligsprechung in Rom
AFP

Papst Johannes Paul II. (2005): Seligsprechung in Rom


Rom - Kurz vor der Seligsprechung von Johannes Paul II. haben Organisationen von Missbrauchsopfern schwere Vorwürfe gegen den 2005 gestorbenen Papst erhoben. "Nicht nur für mich persönlich, sondern weltweit für viele Opfer, die als Mädchen und Jungen in der Amtszeit von Papst Johannes Paul II. missbraucht wurden, ist diese Seligsprechung Salz in ihre tiefen, noch immer frischen Wunden", sagte Norbert Denef, Vorsitzender des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt, der "Zeit". "Anstatt einen toten Papst seligzusprechen, sollte die Kirche den Opfern helfen", forderte Denef.

Auch aus den USA kommt Protest: "Sexualisierte Gewalt ist tief in der Kultur und Praxis der katholischen Priester und Bischöfe verwurzelt, sogar noch tiefer verwurzelt, weil Johannes Paul II. jahrzehntelang Misshandlungen im Wesentlichen tolerierte", sagt Barbara Blaine, Präsidentin der US-amerikanischen Organisation für Opfer von sexualisierter Gewalt und Missbrauch durch Priester (Snap).

Ein Skandal um sexuellen Missbrauch durch Geistliche in vielen Ländern Europas, darunter Deutschland und Irland, hatte im vergangenen Jahr die katholische Kirche erschüttert. Dabei geriet auch Papst Benedikt XVI. unter Druck. Kritisiert wurde vor allem das jahrzehntelange Vertuschen der Fälle.

Johannes Paul II. wird am Sonntag in Rom seliggesprochen. Die Seligsprechung erlaubt die offizielle Verehrung eines verstorbenen Menschen in einer bestimmten Region. Der polnische Papst stand von 1978 bis zu seinem Tod am 2. April 2005 an der Spitze der katholischen Kirche. Eigentlich kann ein Seligsprechungsverfahren erst fünf Jahre nach dem Ableben des Betroffenen beginnen, im Fall von Johannes Paul II. machte Benedikt XVI. aber eine Ausnahme und eröffnete das Verfahren bereits drei Monate nach dessen Tod.

In dem kirchenrechtlich geregelten Verfahren wird geprüft, ob der Kandidat im Ruf der Heiligkeit stand und von herausragender Tugendhaftigkeit war. Ferner wird festgestellt, ob er entweder den Märtyrertod gestorben ist oder ob nach seinem Tod ein Wunder mit ihm in Verbindung gebracht wird - im Fall von Johannes Paul II. gab eine Nonne an, durch die Fürsprache des Verstorbenen von Parkinson geheilt worden zu sein. 2009 kamen Zweifel an der Heilung der französischen Ordensfrau auf. Die zuständige Medizinerkommission rollte den Seligsprechungsprozess daraufhin neu auf, um das Wunder schließlich zu bestätigen.

Viele Katholiken hatten schon gleich nach dem Tod des beliebten Pontifex, der wegen seiner zahlreichen Reisen in die Welt auch der "eilige Vater" genannt wurde, auf schnelle Heiligsprechung gedrängt.

Zuletzt machte jedoch auch ein ökumenisches Bündnis Stimmung gegen die Seligsprechung: Johannes Paul II. habe in den siebziger Jahren einen Erzbischof aus El Salvador nicht genügend gegen die Bedrängnisse der damaligen Militär-Junta unterstützt, lautet der Vorwurf. Weil er den Militärs kritisch gegenüberstand, wurde der Erzbischof am 24. März 1980 bei eine Messe durch einen Killer der sogenannten Todesschwadronen erschossen.

hut/dpa/AFP



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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
Andreas.Martin, 28.04.2011
1. Santo subito!
Zitat von sysopJohannes Paul II. wird seliggesprochen - gegen diese Entscheidung von Papst Benedikt XVI. protestieren Missbrauchsopfer der katholischen Kirche. Der verstorbene Pontifex habe die jahrzehntelangen Misshandlungen toleriert, lautet der Vorwurf. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,759515,00.html
War Jesus schuld an den Sünden seiner Jünger?
de.nada 28.04.2011
2. ~
Zitat von Andreas.MartinWar Jesus schuld an den Sünden seiner Jünger?
Wurde der selig oder heilig gesprochen ?
wika 28.04.2011
3. Big Business…
…ich denke kaum, dass sich der aktuelle Konzernlenker (Papa Ratzinger) von diesen Protesten beeindrucken lassen wird. Die höheren Sphären der Kirche sind nahezu über alle Zeiträume gegen alle weltlichen Vorwürfe immun gewesen. Und sollte sich die Kirche dennoch mal für ihre Opfer interessieren, dann vermutlich mehr aus kosmetischen Gründen für ein Facelifting, um neue Schäfchen gewinnen zu können. Korrekt wäre es, würde sich die Kirche auf ihren Ursprung besinnen und dem auch Taten folgen lassen: *Beispielsweise nach Niger umziehen* … Link (http://qpress.de/2010/10/20/vatikan-zieht-um-nach-niger/) und wieder in die Einsiedelei gehen, Das hätte Vorbildcharakter, aber offenbar mag man doch nicht auf liebgewonnenen Luxus und europäische Annehmlichkeiten verzichten. Schade eigentlich. Geht wohl doch nur um Macht und Geld … und Mittel zum Zweck sind da die Schäfchen und der Missbrauch hat ja wohl noch erheblich weitreichendere Facetten … fängt beim Vertrauen an und endet bei der Körperlichkeit.
ernstmoritzarndt 28.04.2011
4. Wer ohne Sünde ist ....
... der werfe den ersten Stein. Johannes Paul II hat nicht nur gegenüber den Nazis, sondern auch gegenüber kommunistischen Diktaturen immer einen "geraden Rücken" gemacht. Bis weit in den evangelischen Bereich hinein wurde er allgemein verehrt. Das jetzige Vorbringen ist - ohne damit die Opfer sexuellen Fehlverhaltens durch kirchliche Mitarbeiter und Geistliche in irgendeiner Weise beleidigen zu wollen - als kleinlich zu bezeichnen. Diese zu Recht kritisierten Fehlverhaltensweisen sind nicht nur in der Kirche (evangelische wie katholische) festzustellen, sondern darüberhinaus in fast allen Bereichen in denen Menschen tätig sind. Das kann nicht geduldet werden, ist im Gegenteil scharf zu verfolgen. Man denke nur an den "Reform"-Pädagogen und - Päderasten von Hentig, überall, insbesondere von "fortschrittlichen" Pädagogen hochgelobt.
invitto 28.04.2011
5. Wahrheit bei der Kirche
Zitat von ernstmoritzarndt... der werfe den ersten Stein. Johannes Paul II hat nicht nur gegenüber den Nazis, sondern auch gegenüber kommunistischen Diktaturen immer einen "geraden Rücken" gemacht. Bis weit in den evangelischen Bereich hinein wurde er allgemein verehrt. Das jetzige Vorbringen ist - ohne damit die Opfer sexuellen Fehlverhaltens durch kirchliche Mitarbeiter und Geistliche in irgendeiner Weise beleidigen zu wollen - als kleinlich zu bezeichnen. Diese zu Recht kritisierten Fehlverhaltensweisen sind nicht nur in der Kirche (evangelische wie katholische) festzustellen, sondern darüberhinaus in fast allen Bereichen in denen Menschen tätig sind. Das kann nicht geduldet werden, ist im Gegenteil scharf zu verfolgen. Man denke nur an den "Reform"-Pädagogen und - Päderasten von Hentig, überall, insbesondere von "fortschrittlichen" Pädagogen hochgelobt.
der werfe den ersten Stein. Ein Typisches Verhalten von den verlogenen Katholiken. Zum Thema Nazis und dem Hannes aus Polska. Warum hat er nicht die ganzen Dokumente aus der Nazizeit veröffentlicht, insbesondere die wie die Katholische Kirche Naziverbrecher zur Flucht vor den Gerichten verholfen hat? Alles Pharisäer, ne Frechheit ist das die Steuergelder kassieren obwohl nicht alle dieser oder überhaupt einer Kirche angehören.
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