Vatikan Papst ernennt Hardliner zum Regierungschef

"Lesen Sie es nicht und kaufen Sie es nicht" - mit diesen Worten wetterte Kardinal Tarcisio Bertone im vergangenen Jahr gegen den Bestseller "Sakrileg". Jetzt hat Papst Benedikt XVI. den Hardliner zum Kardinalstaatssekretär ernannt.


Rom - Als zweiter Mann im Vatikan leitet Bertone ab dem 15. September die Regierung und ist zuständig für das politische Tagesgeschäft, teilte der Vatikan mit. Der Erzbischof von Genua löst den mächtigen Kardinal Angelo Sodano ab, der im kommenden Jahr 80 wird. Sodano stand 15 Jahre an der Spitze des päpstlichen Sekretariats.

Kardinal Bertone: Als Genussmensch und Plauderer bekannt
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Kardinal Bertone: Als Genussmensch und Plauderer bekannt

Mit Bertone ist erstmals kein geschliffener Vatikan-Diplomat in dem Amt, in dem Innen- und Außenpolitik des Kirchenstaats koordiniert werden. Er ist ein Vertrauter des jetzigen Papstes. Die beiden arbeiteten eng zusammen als Kardinal Joseph Ratzinger Leiter der Glaubenskongregation war.

Der Kardinal machte sich vor allem im vergangenen Jahr einen Namen, als er gegen den Millionenbestseller "Sakrileg" des US-Autors Dan Brown schimpfte. "Lesen Sie es nicht und kaufen sie es nicht", warnte er. Der hoch gewachsene Mann mit der Glatze fürchtete, Jugendliche könnten durch den Inhalt des Buches - der an Grundfesten der katholischen Lehre rüttelt - fehlgeleitet werden.

Bertone sieht sich als Verteidiger althergebrachter Werte in einer angeblich verkommenen Moderne, ganz wie Papst Benedikt XVI. Zugleich ist der 71-Jährige in Italien als Genussmensch und Plauderer bekannt und beliebt. Er lächelt stets und kann gut mit Menschen. Zum Essen schaut er gerne in den Pfarreien der Heimatdiözese Genua vorbei. Zurzeit, so heißt es, arbeitet er an einen "gastronomischen Diözesanführer".

Doch der in einem Dorf bei Turin geborene Geistliche ist nicht nur Lebemann. Stets predigt er gegen Werteverfall und pocht auf christliche Traditionen. Bertone arbeitete von 1995 bis 2002 mit Benedikt XVI. in der Glaubenskongregation, der Vatikan-Behörde zum Schutz der christlichen Lehre, der Italiener als Sekretär, der Deutsche als sein Chef.

Bekannt durch den Kampf an der Spitze des konservativen Flügels galt Bertone als Geheimfavorit bei der Papstwahl im vergangenen Jahr. "Das Konklave wird spannend wie eine Fußball-WM", prophezeite der Kardinal damals. Er ist in Genua oft im Stadion zu sehen und war für das Lokalfernsehen auch Co-Kommentator bei Erstliga-Spielen.

Bertone kommt aus dem Salesianer-Orden, der sich der Pädagogik und Jugendarbeit widmet. An seiner Qualifikation für den neuen Posten dürfte aber niemand zweifeln. Nach der Priesterweihe 1960 promovierte der als fünftes von acht Kindern geborene Bertone in Kirchenrecht, lehrte an Universitäten in Rom. 1991 ernannte ihn Johannes Paul II. zum Erzbischof von Vercelli im Piemont. Vier Jahre später wechselte er zur Glaubenskongregation nach Rom, wo er als Sekretär von Joseph Ratzinger Manager-Qualitäten unter Beweis stellte. Im Dezember 2002 wurde Bertone Erzbischof von Genua, seit 2003 ist er Kardinal.

Ob er auch in seinem neuen Amt die Positionen der Kirche so lautstark vertritt wie im Fall des "Sakrileg", muss sich zeigen. Eines scheint sicher: Bierernst dürfte es mit ihm wohl nicht werden. So wie damals, als er sagte, dass die Kirche das Klonen rigoros ablehnt. Und hinzufügte: Für Italiens Schauspiel-Legende Sophia Loren könne vielleicht eine Ausnahme gemacht werden.

aki/AP/AFP



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