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27. Februar 2013, 13:46 Uhr

Kurz vor der Papstwahl

Die Strippenzieher im Vatikan

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Benedikt XVI. hat sich zum letzten Mal Hunderttausenden Gläubigen gezeigt - hinter den Kulissen laufen schon die Vorbereitungen für die Wahl seines Nachfolgers. Mächtige Einflüsterer umwerben die Kardinäle, die im Konklave den neuen Papst bestimmen. Einblicke in die Welt der obersten Kirchenführer.

Rom/Hamburg - Menschenleere Gänge, der Geruch von Kalk und altem Gemäuer, Flüstern, Tuscheln, das Rascheln der Kardinalsgewänder: Kaum etwas beflügelt die Phantasie der Menschen so sehr, wie die Zeit der Entscheidungsfindung vor dem großen Konklave im Vatikan. Wer zieht die Strippen? Wer paktiert mit wem? Und wer ist geneigt zu plaudern?

Wie so oft ist die Realität manchmal prosaischer als die Vorstellung. Viele Wahlberechtigte kommen von weit her nach Rom, müssen sich erst einmal orientieren. Die Kardinäle treffen sich in römischen Cafés und Restaurants oder den Villen des Umlands, manche ganz offen, andere diskret.

"Sie stecken die Köpfe zusammen", sagt der Theologe Eberhard von Gemmingen, der 27 Jahre lang die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan leitete und als intimer Kenner der Kurie gilt. "Sie fragen sich, was die Katholische Kirche jetzt am dringendsten braucht: Wer ist sowohl ein exzellenter Theologe als auch Personalleiter, wer spricht mehrere Sprachen und ist in der Lage, die Weltkirche zu führen, sie strukturell zu verändern, vielleicht zu dezentralisieren?"

Natürlich versuchten einige Kräfte im Vatikan, den Kandidaten durchzubringen, den sie bevorzugen. "Ich halte es aber für übertrieben, in diesem Zusammenhang von Druckausübung zu sprechen", betont der Theologe. Auch die Annahme, dass es klar umrissene Strategien für die Installation eines Favoriten gebe, sei nicht zu belegen: "Einige wenige mögen da sehr aktiv sein. Der Großteil macht sich einfach Gedanken."

Vatikansprecher Federico Lombardi sieht das Problem nicht im Vatikan, sondern bei den Medien. In einem Beitrag für Radio Vatikan beklagte er üble Nachrede und Desinformation, deren Ziel es sei, "inakzeptablen Druck" auf die Kardinäle bei der Wahl auszuüben und die Kirche in Misskredit zu bringen. Gemeint war vermutlich der Vorstoß progressiver US-Katholiken, die verhindern wollen, dass ein wegen des Missbrauchsskandals in die Bredouille geratener Erzbischof zur Wahl nach Rom fährt.

Benedikt XVI. hat aus dem Vatileaks-Skandal gelernt, bei dem Privatdokumente durch seinen Kammerdiener an die Öffentlichkeit gelangten. Mit seinem am Montag erlassenen "Motu Proprio" verbietet er sämtlichen beteiligten Kardinälen, sich über die Papstwahl oder die Vorbereitungen zu äußern - andernfalls droht sofortige Exkommunikation.

"Die Kurie ist kein kompakter Körper, nicht vergleichbar mit einem Kabinett", sagt der Journalist und namhafte Vatikanist Marco Politi, der die Krisen von Benedikts Pontifikat in einem Buch analysiert hat. Die Mitglieder kämen allenfalls zwei-, dreimal im Jahr zusammen, viele würden sich gar nicht kennen. "Das ist ein Schwachpunkt." Derzeit könne man drei Fraktionen ausmachen:

  1. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und seine Unterstützer.
  2. Ratzingerianer und Bertone-Gegner wie der Präfekt der Kongregation für den Klerus, Mauro Piacenza, der als potentieller Kardinalstaatssekretär gehandelt wird.
  3. Die alte Wojtyla-Garde um Kardinaldekan Angelo Sodano.

Auf den ersten Blick dominieren zwei Schlüsselfiguren das Konklave: Der mächtige zweite Mann im Vatikan, Tarcisio Bertone, sowie sein Vorgänger Angelo Sodano. Letzterer hält als gemäßigter, Ratzinger loyaler Vertreter der alten Garde um Papst Johannes Paul II. die diplomatische Tradition in der Kurie aufrecht. Sodano ist dezent reformorientiert und wird sich für einen Mann der Mitte als Papst einsetzen. Wen er konkret favorisiert, ist nicht bekannt.

Der 85-Jährige ist selbst zu alt, um am Konklave teilnehmen zu können, gesundheitlich allerdings voll auf der Höhe und gut vernetzt. Als Kardinaldekan leitet Sodano die Vorbereitungen in der Generalkongregation, die sich täglich im Apostolischen Palast treffen wird. Eine einflussreiche Position, denn hier definieren die Kardinäle, welche Fähigkeiten und Erfahrungen der neue Papst mitbringen muss, um die 1,2 Milliarden Katholiken erfolgreich in die Zukunft zu führen. Sodano ist Vertrauter und Ansprechpartner der Kardinäle, er wird die Messe "Pro Eligendo Romano Pontifice" halten und die obersten Kirchenmänner dann zum Konklave bringen.

"Er ist der geborene Vermittler", sagt Politi. "Wenn es keine Mehrheit gibt, wird er seine Kontakte nutzen und Diplomatie betreiben. Und dabei wird er vermutlich erfolgreicher sein als Bertone."

Bertone verliert zwar mit dem Rücktritt Benedikts XVI. seinen Posten als Kardinalstaatssekretär. Er führt aber als Camerlengo die Amtsgeschäfte weiter und behält die Finanzen im Blick. Während der Sedisvakanz wird er mit drei weiteren Kardinälen die Sonderkongregation bilden. Diese bestimmt, wann die Kardinäle zur Generalkongregation zusammentreten und die Papstwahl vorbereiten.

Bertone und Sodano kommen beide aus dem Piemont und hatten das gleiche kirchliche Amt inne. Damit erschöpfen sich aber die Gemeinsamkeiten. Die beiden können sich nicht ausstehen. Sodano hatte Bertone in der Vergangenheit harsch für seine Unfähigkeit kritisiert. "Bertone war mehr auf Reisen als am Schreibtisch", erinnert sich Eberhard von Gemmingen. "Sodano hingegen war stets ein guter Verwalter und Organisator. Das hat unter Ratzinger gefehlt."

Bertone ist Fußballfan, liebt gutes Essen und gibt sich volksnah. Mit seinen 78 Jahren ist er wahlberechtigt und "papabile", papsttauglich, wie schon 2005. Allerdings spricht sein hohes Alter dagegen - und er steht sich selbst im Weg. "Bertone hat keine Chance, Papst zu werden", sagt Marco Politi. "Der Missmut über ihn ist zu groß, er hat sich zu viele Fehler geleistet." In den vergangenen Jahren hat er viele Kardinäle gegen sich aufgebracht, darunter die Landsmänner und "Papabili" Angelo Scola und Angelo Bagnasco sowie den Wiener Kardinal Christoph Schönborn.

"Meisner will Bertone schwächen"

Jeder Kommentar, jede Bewegung der Wahlberechtigten werden derzeit als Zeichen gedeutet. So ist es symptomatisch, wenn der deutsche Kardinal Joachim Meisner nur einen Tag nach der Rücktrittsankündigung von Benedikt XVI. verkündet, dass er einst Ratzinger um die Entlassung von Bertone gebeten habe. "Meisner will Bertone für das Konklave schwächen, das ist eindeutig", sagt Vatikan-Experte Politi.

Benedikt XVI. weigerte sich damals, Bertone zu entlassen - den Mann, der 2010 einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie herstellte und beim Krisenmanagement während der Vatileaks-Affäre versagte. "Ratzinger war Bertone immer eng verbunden, auch durch ihre gemeinsame Zeit in der Glaubenskongregation, sie waren auf einer Wellenlänge. Er war ihm eine Stütze, ein hundert Prozent loyaler Freund", so Politi. Vatileaks sei dennoch der letzte Anstoß für Benedikts Entscheidung zum Rücktritt gewesen: "Er hat verstanden, dass er die Hand nicht mehr fest am Ruder hat."

Die historische Rücktrittsentscheidung Ratzingers hat eine einzigartige Ausgangssituation geschaffen, die unerwartete Koalitionen oder Überraschungen möglich macht. Mit der Sedisvakanz und der schweren Regierungskrise nach den Parlamentswahlen ist Italien praktisch ohne weltliche und religiöse Führung, "verwaist", wie es Politi nennt. Und der Kirche macht diese Instabilität Sorgen. Das Land sei unregierbar, liest man selbst in der Vatikanzeitung "Osservatore Romano".

Mit seinen letzten Personalentscheidungen hat Benedikt die Weichen gestellt. Die Berufung von Gerhard Ludwig Müller zum Präfekten der Glaubenskongregation gilt vielen als sein Vermächtnis. Der erzkonservative ehemalige Bischof von Regensburg legt sich immer wieder mit Kritikern an und witterte 2010 in der Aufregung um den Missbrauchsskandal eine Kampagne, die an die Kirchenfeindlichkeit der NS-Zeit erinnere. Er wiederholte später, dass eine Pogromstimmung herrsche. Müller ist ein Hardliner, der weder am Zölibat, noch am Priesteramt nur für Männer rütteln will und für die Homo-Ehe nichts übrig hat.

Vor Benedikts Rücktritt wurde der Deutsche Ernst von Freyberg als Chef der umstrittenen Vatikanbank IOR installiert - sie steht wegen mutmaßlicher Geldwäsche und Mafiakontakten in der Kritik. Er war nicht die erste Wahl, aber auch nicht der Wunschkandidat von Bertone, der einen Italiener bevorzugt hätte. Ratzingers Kandidat Ettore Gotti Tedeschi, der für mehr Transparenz in dem Geldinstitut sorgen sollte, war als unzurechnungsfähig aus dem Amt gekegelt worden, nachdem er Auskunft über bestimmte Auslandskonten verlangt hatte.

Als vor wenigen Tagen Missbrauchsvorwürfe gegen den schottischen Kardinal Keith O'Brien laut wurden, zögerte der Papst nicht, den Erzbischof vorzeitig aus der Schusslinie zu ziehen. O'Brien verzichtete auf die Teilnahme am Konklave - um nicht die Medienaufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auf die Frage, ob es gerecht sei, dass auch Kardinäle, die im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal in die Kritik geraten sind, den neuen Papst wählen dürften, sagte der maltesische Kirchenrechtler und Weihbischof Charles Scicluna: "Wir sind alle Sünder. Gott wird ihre Anwesenheit im Konklave zum Guten wenden. Wir sollten uns hüten, mit dem Finger auf sie zu zeigen."

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