Von Hans-Jürgen Schlamp, Rom
Paolo Gabriele, 46, servierte das Essen und schenkte Wein ein, wenn der Papst mit seinen Gästen am weißgedeckten Tisch des vatikanischen Esszimmers saß. Er organisierte den Alltag des Katholiken-Oberhaupts, begleitete ihn auf Reisen, saß mit ihm im Papamobil. Jetzt soll er vor Gericht gestellt werden: wegen schweren Diebstahls.
Private Briefe, geheime Dokumente habe er mitgenommen und dem Journalisten Gianluigi Nuzzi übergeben, so die Anklage. Die über die Vatikan-Grenzen geschmuggelten Papiere ließen die Öffentlichkeit monatelang an einem intriganten Machtkampf hinter den Mauern des Kirchenstaats teilhaben. Mächtige Seilschaften, stockkonservative auf der einen, gemäßigt liberale Kardinäle auf der anderen Seite, bekriegten sich dort offensichtlich mit harten Bandagen. Ein schwacher Papst schaute ohnmächtig zu.
Die Vatikan-Oberen unternahmen alles, um den "Raben" - wie man in Italien Informanten nennt, die Missstände an die Öffentlichkeit bringen - zu finden. Und sie fanden den schwarzen Vogel. Am 23. Mai 2012 wurde Kammerdiener Gabriele verhaftet. Ein kurz zuvor publiziertes Schreiben aus dem päpstlichen Vorzimmer hatte ihn verraten, denn nur er und der Sekretär von Benedikt XVI., der Deutsche Georg Gänswein, hatten Zugriff darauf.
Ein 100.000-Euro-Scheck für "Seine Heiligkeit"
Bei der Hausdurchsuchung fanden die Vatikan-Fahnder neben den gesuchten Dokumenten weitere erstaunliche Dinge, die dem Papst als Geschenke zugedacht waren: eine kostbare Übersetzung von Vergils Epos "Aeneis" aus dem Jahr 1581, einen Goldklumpen von einem großmütigen Spender aus Perus Hauptstadt Lima und einen Bankscheck über 100.000 Euro, ausgestellt am 26. März dieses Jahres auf "Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI." von der "Universidad Catolica San Antonio di Guadelupe".
Die Gegenstände sollte der Kammerdiener wohl aus dem päpstlichen Vorzimmer an die zuständigen Mitarbeiter weitergeben - was er aber nicht tat. Ob er auch diese Geschenkartikel aus Sorge um das Ansehen und den Bestand des Kirchenreichs und seines obersten Priesters mitnahm, wie er den Dokumentenschmuggel bei seinen Vernehmungen begründet haben soll, ist völlig unklar. Klar ist, dass Papst Benedikt und seine Kirche kaum erfreut sein dürften, dass sich viele ihrer Schäfchen nun womöglich über solche kostspieligen Gaben, zumal teilweise aus armen Drittweltländern, ebenso wundern, wie sie sich seit Jahresanfang über die Zustände im Vatikan gewundert haben.
Weitere Personen "mutmaßlich beteiligt"
Die Enthüllungsaktion könne nicht die Tat eines Einzelnen sein, hieß es immer unter Vatikanologen in Rom, da stehe gewiss eine Gruppe dahinter. Auch der Enthüllungsjournalist Nuzzi hatte das so dargestellt. "Wir glauben nicht, dass unsere Arbeit beendet ist", sagte nun auch der Vatikan-Staatsanwalt Nicola Picardi. "Die Ermittlungen sind offen für weitere Personen, die mutmaßlich beteiligt waren."
Heute haben die Kirchenstaatsermittler freilich neben dem Kammerdiener zwar einen weiteren vermutlichen Tatbeteiligten, aber eher randständigen Helfershelfer präsentiert, den Computerfachmann in Diensten des vatikanischen Generalsekretariats, Claudio S. Auch er war schon im Mai verhaftet, tags drauf aber wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Sein Anteil an der Affäre sei "marginal" sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi heute in Rom. Er sei wohl nicht als Komplize anzusehen, sondern als jemand, der einem guten Bekannten gelegentlich Freundschaftsdienste geleistet hat. Er sei zwar, so berichtet die römische Tageszeitung "La Repubblica", vom Dienst suspendiert worden, bekomme aber sein Gehalt einstweilen weiter.
Gefängnis oder Gnade für den verlorenen Sohn
Wie bei S. loben die Ankläger auch beim Hauptangeklagten Gabriele dessen "volle Kooperation". Da tut er wohl auch gut daran, will er nicht viele Jahre seines Lebens in der Zelle verbringen. Er könnte nämlich zu sechs Jahren Haft verurteilt werden, sagen Kundige des kirchenstaatlichen Rechts, andere halten eine noch höhere Strafe für möglich. Der einzige Ausweg für Gabriele ist ein Gnadenerlass des Papstes.
Wenn der Gnadenersuchende seine Taten aufrichtig bereut, die Verantwortung dafür übernimmt, aktiv bei der Aufklärung mitwirkt, dann - so ein ranghoher Vatikan-Jurist - könne der Papst, immerhin der absolute Herrscher rund um den "Heiligen Stuhl", den Delinquenten begnadigen und ihm verzeihen "wie ein Vater dem verlorenen, reuig heimkehrenden Sohn".
Ein bisschen Gnade hat Benedikts Ex-Diener ja auch schon gefunden. Nach 60 Tagen in Untersuchungshaft durfte er Ende Juli die Vatikan-eigene Zelle mit seiner Vatikan-eigenen Wohnung tauschen. Der Hausarrest bei Frau und drei Kindern gilt bis zum Prozessbeginn, den der zuständige Staatsanwalt auf "nicht vor Oktober" datiert.
Sollte Gabriele zu einer Haftstrafe verurteilt werden, wird er sich in einer vier mal vier Meter großen Sicherheitszelle wiederfinden, von denen es insgesamt gerade mal drei gibt. Sie befinden sich direkt neben dem Staatsgericht des Vatikans, beim Kommando der Gendarmerie. Die Zellen im Vatikan sind die am wenigsten bevölkerten der Welt. Selbst Ali Agca, der 1981 auf der Piazza San Pietro ein Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübte, wurde nicht dorthin, sondern in ein staatliches italienisches Gefängnis gebracht.
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