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15. Februar 2013, 12:07 Uhr

Interview mit Vatileaks-Autor

"Der Papst hatte keine Angst vor Geheimakten"

Interview

Gianluigi Nuzzi hat zwei Bestseller über die Machtspiele im Vatikan geschrieben und die Kirche in schwere Krisen gestürzt. Ist dies mitverantwortlich für den Rückzug des Papstes? "Nur wer an Märchen glaubt, vertritt die Version, dass er ausschließlich aus Erschöpfung zurückgetreten ist", sagt Nuzzi.

SPIEGEL ONLINE: Signor Nuzzi, waren Sie überrascht, als Sie vom Rücktritt des Papstes gehört haben?

Nuzzi: Total. Es war ein Schock für mich. Die Entscheidung hat mich vollkommen aus der Bahn geworfen, weil Benedikt XVI. für mich immer Maßstäbe gesetzt hat in der katholischen Kirche.

SPIEGEL ONLINE: Erstaunlich, Sie selbst haben doch in einem Buch geheime Papst-Dokumente veröffentlicht, die Ihnen der Kammerdiener des Pontifex zugespielt hat. Das war ein veritabler Imageschaden für den heiligen Vater und die ohnehin skandalerschütterte katholische Kirche. Sind Sie nicht mitschuldig am Rücktritt Benedikts?

Nuzzi: Er ist aus freien Stücken gegangen, dafür bin ich nicht verantwortlich. Ich habe getan, was ein Journalist tun muss: Informationen zugänglich gemacht, die ich für skandalös hielt. Mit der Veröffentlichung der Dokumente hat sich etwas gravierend verändert, wir haben eine Trennwand zu einer hermetisch verschlossenen Welt, dem Vatikan, durchbrochen. Nichts ist mehr wie vorher.

SPIEGEL ONLINE: Hatte der Papst vielleicht Angst vor weiteren Enthüllungen?

Nuzzi: Benedikt XVI. hat weiß Gott andere Probleme, als sich vor dem Auftauchen neuer Geheimakten zu fürchten. Er liest das Evangelium. Darin steht: "Was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern." Den Papst beunruhigt nicht, was er in irgendwelchen Briefen über die römische Kurie liest, sondern das, was er im Fernsehen erfährt - was also an ihm vorbei nach außen gelangt. Er macht sich Sorgen um die Vatikanbank IOR. Darüber, dass einige Kardinäle die Entlassung des einst von ihm installierten Präsidenten Ettore Gotti Tedeschi nicht zurücknehmen wollten, obwohl der Wirtschaftsethiker doch für Transparenz sorgen und Geldwäsche verhindern sollte...

SPIEGEL ONLINE: ...und gerade im Zusammenhang mit dem Skandal um die Banca Monte dei Paschi di Siena verhört wurde, desgleichen zu den Ermittlungen gegen den Rüstungskonzern Finmeccanica. Warum ist Benedikt XVI. Ihrer Meinung nach wirklich zurückgetreten?

Nuzzi: Darüber kann ich nur Vermutungen anstellen. Er war allein - und man hat ihn allein gelassen. Es ist ihm nicht gelungen, einem Umfeld im Vatikan zu entkommen, das in heftige Machtkämpfe verstrickt ist. Ihm fehlten die Kraft und das Interesse für politische Auseinandersetzungen. Als Hirte war er revolutionär, aber nicht als Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch hätte er sich im Klaren sein müssen, dass er die römische Kurie und ihre ehrgeizigen Kardinäle kontrollieren muss, um nicht aufzulaufen.

Nuzzi: Das stimmt. Trotzdem hat er mit seinem Rücktritt große Stärke gezeigt und eine missliche Situation beendet, anstatt sie quälend in die Länge zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie seinen schlechten Gesundheitszustand oder die Konflikte mit der Kurie?

Nuzzi: Nur wer an Märchen glaubt, vertritt die Version, dass der Heilige Vater ausschließlich aus Erschöpfung zurückgetreten ist. Die römische Kurie ist ein kompliziertes System, in dem jeder versucht, seine persönlichen Interessen durchzusetzen. Die Stimmung ist belastend, reformfeindlich. Es hat den Papst sehr enttäuscht, dass es ihm nicht gelungen ist, dieses System zu verändern.

SPIEGEL ONLINE: Kann man seinen historischen Schritt als eine Art Großreinemachen im Vatikan interpretieren? Als ein planvolles Zur-Seite-Treten, um Platz zu machen für neues Personal?

Nuzzi: Es war mit Sicherheit eine Geste, die all jene im Vatikan verurteilt, die sich beharrlich gegen Transparenz und Veränderungen gewehrt haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie zum Beispiel sein mächtiger Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der zweite Mann im Kirchenstaat, der auch als möglicher Nachfolger gehandelt wird?

Nuzzi: Beobachter gehen davon aus, dass Ratzingers Vertrauen in Bertone seit langem erschöpft war. Der Kardinalstaatssekretär hatte massive Kritik auf sich gezogen, wurde von vielen als ungeeignet für den Posten angesehen. Aber Benedikt XVI. konnte ihn nicht absetzen, das hätte ein schlechtes Licht auf ihn und seine Führungsqualitäten geworfen.

SPIEGEL ONLINE: Dann war Bertone offenbar nicht gefährlich genug?

Nuzzi: Sagen wir es mal so: Von den beiden ist es Ratzinger, der stets zum Wohl der Kirche gehandelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Muss der Machtanspruch der europäischen Kardinäle gezügelt werden? Kann ein Papst aus Afrika oder Amerika die katholische Kirche in eine neue Zeit führen?

Nuzzi: Ratzinger hat in dieser Sache bereits ein Zeichen gesetzt. Auf dem Konsistorium im vergangenen November hat er sechs neue Kardinäle ernannt - und keiner von ihnen kam aus Europa.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat derzeit den größten Machtanspruch im Vatikan?

Nuzzi: Mit Sicherheit die Gruppe um Kardinalstaatssekretär Bertone.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass es innerhalb der Kurie bereits eine ausgeklügelte Strategie gibt, wer als neuer Papst installiert werden soll?

Nuzzi: Diese Frage bereitet mir schlaflose Nächte. Ich hoffe nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen persönlichen Favoriten unter den als Nachfolger gehandelten Kandidaten?

Nuzzi: Keinen konkreten. Aber ich hoffe, dass es kein Italiener wird.

Das Interview führte Annette Langer

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