Verein zur Verzögerung der Zeit Lobbyisten der Langsamkeit

"Langsam" gilt heute fast als Schimpfwort. Zu Unrecht, meint Martin Liebmann, Vorstandsmitglied im Verein zur Verzögerung der Zeit. Er widersetzt sich der allgemeinen Beschleunigung: "Ich finde es wunderbar, Zeit zu verplempern."

Von , Reinfeld

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Wenn Martin Liebmann sich einen Spaß machen will, lässt er einen Hektiker an der Supermarktkasse vor. "Dem sage ich: 'Wenn Sie noch ganz viel zu tun haben, bitte. Ich habe alle Zeit der Welt.'" Liebmann hat keinen seltsamen Sinn für Humor, sondern einen ganz speziellen Blick auf Geschwindigkeit. Er sitzt im Vorstand des Vereins zur Verzögerung der Zeit, seit 2003 ist er Mitglied.

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen zu einem bewussteren Umgang mit Zeit anzuhalten. "Es geht um die Idee der Lebensqualität", sagt Liebmann. Diese bedeutet für die Mitglieder in einer Umwelt allgemeiner Beschleunigung vor allem, Entschleunigung zu betonen, Bedacht und Gelassenheit zu zeigen. Lobbyarbeit für die Langsamkeit, wenn man so will.

Dass die Beschleunigung nicht nur gefühlt ist, belegen zahlreiche Studien. Zum Beispiel untersuchte der Wissenschaftler Richard Wiseman in 32 Städten die Gehgeschwindigkeit der Menschen. Er fand heraus, dass sich das Tempo der Passanten innerhalb von gut einem Jahrzehnt um bis zu 30 Prozent erhöht hatte.

Abschied von traditionellen Zeitrhythmen

Es gibt freilich geografische Unterschiede: Im malawischen Blantyre brauchten Personen für 20 Meter 31,60 Sekunden - fast dreimal so lange wie in Singapur (10,55 Sekunden). Je fortschrittlicher, desto schneller, das mag niemanden wundern: Unternehmen beschleunigen immerfort ihre Abläufe, ein Schwein wurde etwa Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem oder zwei Jahren geschlachtet - heute nach einigen Monaten. Der Zeitdruck auf Arbeitnehmer steigt, das Ergebnis ist Stress. Dieser kostet die Wirtschaft Milliarden, weil Menschen krank werden.

Für Ruhe fehlt zunehmend die Zeit, Städte wie Singapur verabschieden sich von alten Zeitrhythmen. New York kann schon lange nicht mehr für sich beanspruchen, die einzige Stadt zu sein, die niemals schläft.

Insofern ist es nur konsequent, dass Martin Liebmann im beschaulichen Reinfeld in Schleswig-Holstein wohnt. Die kleinstädtische Gemächlichkeit und der studierte Politologe und Philosoph, Jahrgang 1966, haben sich gefunden, so scheint es. Denn auch das zeigen Studien: Das Leben beschleunigt sich umso mehr, je mehr Menschen zusammenleben.

In Reinfeld wohnen rund 8500 Menschen, hier kann man es ohne großen Widerstand langsamer angehen lassen. Wenn Liebmann im Wohnzimmer aus dem Fenster sieht, blickt er auf einen See. Unter Eile scheinen die Menschen, die an seinem Haus vorbeikommen, kaum zu leiden.

"Eine gute Mahlzeit wird nicht besser, wenn ich sie runterschlinge"

Liebmann spricht bedächtig, erklärt mit seiner tiefen, sonoren Stimme, wie Entschleunigung seine Lebensqualität steigere. Er sei "durch und durch Genussmensch", esse gerne, wie an seinem Bäuchlein zu sehen sei. "Eine gute Mahlzeit wird nicht besser, wenn ich sie runterschlinge." Wenn ihm bei der Arbeit etwas gelinge, genieße er es, statt sofort etwas Neues anzufangen. Wenn es sich einrichten lasse, wache er ohne Wecker auf und nehme sich eine Stunde Zeit für Kaffee und Zeitungslektüre im Bett. Gerne sitze er stundenlang vor dem Kamin und schaue ins Feuer - "ich finde es wunderbar, Zeit zu verplempern".

Die Frage ist allerdings, ob Lebensqualität und Langsamkeit untrennbar miteinander verknüpft sind. Der Forscher Robert Levine hat sich intensiv mit der Lebensgeschwindigkeit der Menschen beschäftigt. Er maß in Dutzenden Ländern unter anderem Gehgeschwindigkeiten, die Dauer eines Briefmarkenkaufs, die Genauigkeit öffentlicher Uhren. Seine "Landkarte der Zeit" sorgte für großes Aufsehen - und für Deutschland zu einer bitteren Erkenntnis: In kaum einem Land der Welt geht es schneller zu.

In Levines Studie befand es sich mit der Schweiz, Irland und Japan in der Spitzengruppe. Am gemächlichsten geht es demnach in Mexiko, Indonesien und Brasilien zu. Doch vom Lebenstempo ließ sich nicht direkt auf die Lebensqualität schließen. Die Untersuchungen, so Levine, hätten ergeben, dass bei Menschen an Orten mit hohem Tempo eine höhere Wahrscheinlichkeit bestand, dass sie mit ihrem Leben zufrieden waren. Der Grund: Hohe Taktung führt zu mehr Stress, aber oft eben auch zu mehr Wohlstand und höherem Lebensstandard.

Entschleunigung macht viel Arbeit

Wie lässt sich das mit einem mitteleuropäischen Verein in Übereinstimmung bringen, der Lebensqualität im Sinn hat und die "Verzögerung" im Namen trägt? Das Wort sei "natürlich paradox, bescheuert und provokativ" gemeint, sagt Liebmann. Der Verein sei keine Ansammlung weltferner Spinner und technikfeindlicher Aussteiger. "Niemand bei uns will gesellschaftlichen Stillstand herbeiführen oder die vermeintlich guten alten Zeiten wiederbeleben."

Deshalb seien DSL, Smartphones, Hochgeschwindigkeitszüge segensreich, solange man nicht Sklave der Technik werde. Und bei einem Notarzt oder Bergretter Langsamkeit für ein Zeichen qualitativ hochwertiger Arbeit zu halten, sei selbstverständlich "völliger Schwachsinn". Alles habe ein eigenes Tempo - und das sei eben nicht immer hoch.

Entschleunigung als philosophisch verquaste Rechtfertigung zum Faulenzen? Nein, sagt Liebmann. Er arbeite als Markenberater so viel, dass manche Leute ihn sicherlich als Workaholic charakterisieren würden. "Und niemand bei uns im Verein sagt, dass Nichtstun das Tollste ist."

Abgesehen davon macht Entschleunigung viel Arbeit, weil man sich widersetzen muss, wie Wissenschaftler Levine 2005 in einem Interview beschrieb: "Wir sind süchtig nach Geschwindigkeit. Sie stimuliert und treibt uns an, und wir werden von der existentiellen Angst geplagt, dass sich eine riesige Leere vor uns auftun könnte, wenn wir langsamer werden oder einmal innehalten."

Rastlosigkeit soll verhindern, dass man etwas verpasst - auch wenn viele Optionen sich oft als Scheinauswahl erweisen. Hier setzt der Verein an. Der bewusste, im Zweifelsfall entschleunigte Umgang mit Zeit führt damit immer zur Frage, was wirklich wichtig ist.

Die stellt sich manchmal an den unwahrscheinlichsten Orten, etwa im Baumarkt. Dort habe er einen alten Kumpel getroffen, den er lange nicht gesehen habe, sagt Liebmann. Ob man sich mal zum Kaffeetrinken treffen wolle, habe der Kumpel gefragt. "Ich habe überlegt, ob mir das wirklich wichtig ist", sagt Liebmann. "Und ich habe geantwortet: 'Ich glaub nicht. Ich will mir die Zeit dafür nicht nehmen.'"

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Paul Panda 13.09.2012
1. Genial
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINE"Langsam" gilt heute fast als Schimpfwort. Zu Unrecht, meint Martin Liebmann, Vorstandsmitglied im Verein zur Verzögerung der Zeit. Er widersetzt sich der allgemeinen Beschleunigung: "Ich finde es wunderbar, Zeit zu verplempern." http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,854097,00.html
Eine geniale Idee. Ich überlege gerade, ob ich dem Verein beitreten soll. Die ganze Hetzerei heutzutage bringt doch nichts, ist ungesund und lässt sich sowieso nicht ins Unermessliche steigern: Irgendwann ist sowieso Schluss, weil die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit erreicht sind. Wenn ich nur schon das Wort "Fastfood" höre, wird mir übel, weil "Essen" und "schnell" etwa so gut zusammenpasst wie "Fisch" und "Fahrrad" - ganz zu schweigen von den ganzen Werbespots, in denen der Zeitgewinn im Fokus steht. Welch lächerliche und absurde Züge das aufdiktierte Zeitsparen annehmen kann, zeigte vor Jahren, wie in den Medien zu erfahren war, eine Firma, die ihren Mitarbeiten beim Telefonieren das Aussprechen der "überflüssigen" Worte "Bitte" und "Danke" verboten hatte und vorrechnete, wieviel Arbeitszeit dadurch innerhalb einiger Jahre gespart werden könnte.
R4mbo 13.09.2012
2. Je langsamer wir handeln...
desto mehr Zeit haben wir zum Denken.
moev 13.09.2012
3. optional
---Zitat--- Seine "Landkarte der Zeit" sorgte für großes Aufsehen - und für Deutschland zu einer bitteren Erkenntnis: In kaum einem Land der Welt geht es schneller zu. ---Zitatende--- Wieso sollte das eine "bittere" Erkenntnis sein? Eher etwas worauf man stolz sein kann.
dr.klöbener 13.09.2012
4.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINE"Langsam" gilt heute fast als Schimpfwort. Zu Unrecht, meint Martin Liebmann, Vorstandsmitglied im Verein zur Verzögerung der Zeit. Er widersetzt sich der allgemeinen Beschleunigung: "Ich finde es wunderbar, Zeit zu verplempern." http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,854097,00.html
Das hat mir wahrhaften Respekt eingeflößt. Mutig - aber aufrichtig. Das würde ich mir bei mir (leider!!) viel öfter wünschen.
Gondlir 13.09.2012
5. Stolz auf Schnelligkeit?
Wer schneller stirbt, ist länger tot...
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