Vergewaltigungen in Indien "Am schlimmsten ist die Ächtung"

Ein Professor belästigte Smita Sharma im Alter von 18 Jahren, Hilfe bekam die Studentin damals nicht. Heute dokumentiert die Fotografin, welche Wunden sexuelle Gewalt in Indien schlägt. Hier sind die Bilder.

Sonia, 14: Zusammen mit ihrer Freundin wurde sie vergewaltigt
Smita Sharma/ Redux/ laif

Sonia, 14: Zusammen mit ihrer Freundin wurde sie vergewaltigt

Von , Neu-Delhi


Dass irgendwas nicht stimmte mit der Welt um sie herum, erfuhr Smita Sharma im Alter von 18 Jahren. Die Inderin war zu diesem Zeitpunkt im College in Shillong, am Fuße des Himalaya. Eines Tages näherte sich ihr ein Professor, belästigte sie. Doch als sich Sharma, aufgewachsen in einer liberalen, modernen Familie, hilfesuchend an andere Lehrer wandte, bekam sie Ärger statt Unterstützung. "Mir wurde gesagt, ich sei ein verwöhntes Blag und hätte keinen Respekt vor dem Alter. Ich solle Ruhe geben und keine Zicken machen", sagt Sharma.

Es war das erste Mal, dass sie gegen die "Mauer des Schweigens" prallte, hinter der in Indien sexuelle Gewalt versteckt wird, wie Sharma sagt. "Hinter dieser Mauer verstecken sich die Täter. Denn wenn die Opfer den Mund aufmachen, werden sie geächtet und erniedrigt - die meisten sagen deshalb nichts."

Sharma arbeitet daran, diese Mauer einzureißen. "Am schlimmsten", sagt sie, "ist die Ächtung".

Seit November 2014 reist die heute 35-jährige Fotografin kreuz und quer durch Indien, um vergewaltigte Frauen und deren Angehörige zu porträtieren. Sie will nicht ruhen, bis sie sexuelle Gewalt in allen Winkeln des Subkontinents dokumentiert hat. Fünf Jahre wird sie dafür brauchen, schätzt Sharma. Sie arbeitet mit Hilfsorganisationen, Ärzten, Anwälten, Psychologen und der Polizei zusammen, um Menschen zu finden, die den Mut haben, sich fotografieren zu lassen.

In vielen Bildern sind die Gesichtszüge der Betroffenen nicht zu erkennen. Das hat teilweise rechtliche Gründe, ist aber auch ein Zeichen des Respekts. Dass die Fotos den Betrachter trotzdem fesseln, liegt auch an den ausführlichen Begleittexten, die Sharma zu den Porträts stellt. Fünf Jahre arbeitete sie als Journalistin für eine Tageszeitung in Kalkutta, bevor sie 2012 in die USA ging, um dort am renommierten International Center for Photography in New York einen Master zu machen.

Die doppelte Ausbildung als Reporterin und Fotografin prägt ihren Arbeitsstil: Sie verbringt Tage, manchmal eine ganze Woche mit den Familien, bevor sie schließlich ihre Kamera herausholt. "Es hilft den Leuten, ihre Geschichte zu erzählen. Wenn ich komme und mit ihnen esse, sie vielleicht im Arm halte, wenn sie weinen, dann ist das wie Therapie. Normalerweise will ja keiner zuhören."

Sharmas Protagonisten sind missbrauchte Frauen, aber auch deren Mütter, Väter, Brüder, Großväter. "Sexuelle Gewalt schädigt ja nicht nur das direkte Opfer, es beeinflusst das Leben aller Familienmitglieder", sagt Sharma. Sie deutet auf eines ihrer Bilder, das ein junges Mädchen zeigt. Ein Nachbar, dem die 15-jährige Shanti vertraute, hatte sie aus einer Schulstunde herausgeholt, weggelockt und vergewaltigt. Das Mädchen wurde schwanger, auf Sharmas Bild ist sie im siebten Monat.

"Ihr Leben ist vorbei"

"Aber nicht nur ihr Leben ist kaputt. Ihr Bruder wird seit dem Überfall an seinem College geschnitten. Keiner will mit dem Angehörigen eines 'beschmutzten' Mädchens Umgang pflegen." Auf den Dörfern würden Opfer oft nicht mehr vom Krämer bedient, nicht mehr auf die Feste eingeladen und auf eine eigene Hochzeit bräuchten sie auch nicht mehr zu hoffen. "Ihr Leben ist vorbei."

Wie zerstörerisch sexuelle Übergriffe sein können, hat Sharma in ihrer eigenen Familie erlebt: Ihre Cousine Kamalika wurde ebenfalls in der Schule belästigt, als 13-Jährige, mit tragischen Folgen. "Auch meine Cousine hat versucht, sich zu beschweren. Auch ihr wurde suggeriert, dass in Wahrheit sie die Schuldige ist", sagt Sharma.

Jahre später, im Januar 2015, wurde das inzwischen 17-jährige Mädchen wegen Schummelns zur Direktorin der Schule zitiert. "Die Direktorin fing wieder damit an, dass Kamalika ja eine bekannte Querulantin sei. Von einem Mädchen in Therapie sei ja auch nichts zu erwarten." Kamalika, die nach der Belästigung zum Psychologen gegangen war, ertrug die Ungerechtigkeit nicht länger: Am selben Abend sprang die einzige Tochter ihrer Eltern vom Dach des Nachbarhauses, sie war sofort tot.

Manche schimpfen sie Nestbeschmutzerin

"Für mich hat sich seitdem alles geändert, auch mein Fotoprojekt. Vorher war ich Beobachterin, von dem Moment an war ich beteiligt", so Sharma. Die 35-Jährige sagt, dass Opfer theoretisch auch in Indien zu ihrem Recht kommen können. "Aber dazu braucht man Geld, Vitamin B und einen sehr langen Atem."

Wer zur Polizei geht, lebt zudem gefährlich: Ein Familienvater wurde Sharma zufolge vergiftet, weil er die einer höheren Kaste angehörigen Vergewaltiger und den Mörder seiner Tochter anzeigte. Sharma selbst ist mehrfach von Mobs junger Männer aus Dörfern gejagt worden. "Seitdem verkleide ich mich manchmal mit einem Kissen unter der Tunika als Schwangere, das schützt etwas", sagt die Fotografin.

Sharma lebt heute in Kalkutta und New York. In Indien hat sie für ihre Arbeit nicht nur Lob bekommen. "Manche nennen mich Nestbeschmutzer, fragen, warum ich Indien in so schlechtes Licht rücken muss." Aufgeben käme jedoch nicht infrage. "Ich höre nicht auf, bis sich etwas geändert hat in diesem Land."



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