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Verhütungskampagne: Pille danach für davor

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Anruf genügt: Eine britische Beratungsstelle versendet zu Weihnachten an Frauen die "Pille danach" - zur Vorbeugung. Denn an den Feiertagen steige mit dem Alkoholpegel auch die Lust. Kritiker bringt die Aktion in Rage.

Poster der BPAS-Kampagne: Werbung für die "Pille danach" an Weihnachten Zur Großansicht
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Poster der BPAS-Kampagne: Werbung für die "Pille danach" an Weihnachten

Hamburg - Um etwas zu erfahren über die Doppelmoral der britischen Gesellschaft, muss man in diesen Tagen beim British Pregnancy Advisory Service (BPAS) anrufen. Das Wort, das dort am häufigsten fällt, ist Verantwortung. Die Verantwortung der Frauen, die Verantwortung der Gesellschaft, die Verantwortung der Politik, und so weiter.

Die Beratungsorganisation für Schwangerschaftsabbrüche hat Anfang Dezember eine Kampagne gestartet und auf dem dazu entworfenen Poster gleich in lockeren Worten erklärt, worum es geht. "Weißt du, im Januar kommen so viele Frauen zu uns, die ungewollt schwanger sind, wie zu keiner anderen Zeit im Jahr. Wir möchten nicht, dass du eine von ihnen bist. Es ist schwierig, die 'Pille danach' über die Weihnachtstage zu bekommen, deshalb macht es Sinn, sie zu besorgen, bevor du sie brauchst."

Die "Pille danach" für davor. Das ist die Botschaft. Die Idee: BPAS verteilt vor den Feiertagen kostenlos das Verhütungsmittel, ein sogenanntes Notfallkontrazeptivum, das bis zu 72 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden muss.

"Es gibt nun einmal ungeplanten Sex"

Um die "Pille danach" von der Organisation zu bekommen, braucht es nicht mehr als ein paar Angaben in einem Online-Formular, bereitgestellt ausgerechnet auf einer Seite mit dem Namen Santacomes.org. Es folgen wenig später der Anruf einer Krankenschwester, ein 15-minütiges Telefongespräch, und dann kommt die "Pille danach" per Päckchen nach Hause. Zusammen mit einem Informationsblatt und ein paar Kondomen. Vielleicht gibt es ja doch noch die Chance, die potentielle, ungewollte Schwangerschaft im Vorhinein zu verhindern, statt im Nachhinein.

"Für uns ist das eine Sache der Verantwortlichkeit", sagt Abigail Fitzgibbon und meint die Bevorratung mit der "Pille danach". "Es ist gut, wenn die Frau weiß, sie hat die Pille im Schrank liegen. Es hat etwas mit Verantwortung zu tun, eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern."

Müsste das nicht vor dem Sex geschehen?

"Theoretisch ja. Aber das ist eine sehr begrenzte Weltsicht. Es gibt nun einmal ungeplanten Sex."

Begünstigt die "Pille danach" nicht gerade verantwortungsloses Verhalten?

"Eben nicht. Verhütungsmittel versagen auch innerhalb einer Ehe. Die Hälfte der Frauen, die in Großbritannien eine Abtreibung vornehmen lässt, sind Mütter. Die Leute planen eben keinen ungeplanten Sex, sie nehmen sich nicht vor, sich schlecht zu verhalten. Auch nicht wenn sie die 'Pille danach' im Schrank liegen haben."

Das Plakat, mit dem BPAS für die Aktion wirbt, lässt auch andere Schlüsse zu. "Macht Weihnachten dich an?", steht dort. Und darunter formt eine Lichterkette das Wort "Sex". Dazu allerlei zweideutige Anspielungen rund ums Anmachen, Heißmachen, Anknipsen, Abschalten. Irgendwie kommt das Plakat nicht wirklich verantwortungsbewusst daher.

Alles nur Vorurteile, sagt Fitzgibbon, "dass die Frauen rausgehen, feiern, sich betrinken, einen Mann abschleppen, leichtfertig mit ihm in die Kiste steigen". Allerdings versteht die Organisation offenbar sehr wohl, mit diesen Vorurteilen zu arbeiten, wie die Kampagne zeigt. "Es gibt Menschen in diesem Land, die so tun, als gebe es keine ungewollten Schwangerschaften. Die meinen, man hat nur Sex, wenn man mit dem Partner auch ein Kind bekommen will. Aber das ist weltfremd." Die Kampagne spiegelt die Doppelmoral der britischen Gesellschaft wider, die Verlogenheit im Umgang mit Sexualität.

Teenagerschwangerschaften in Großbritannien

In keinem anderen westeuropäischen Land werden so viele Teenager schwanger wie in Großbritannien, in wohl keinem anderen Land der Welt treiben mehr Minderjährige ab. Es mangelt offenbar an Aufklärung. Und, aus Sicht der Behörden, an leicht verfügbaren Verhütungsmitteln.

Der Protest, der sich regt, richtet sich nicht nur gegen BPAS. Es handelt sich vielmehr um eine globale Empörung über die Zustände, die BPAS offenkundig macht. Die Briten sind unzufrieden mit leichtbekleideten Mädchen, die um die Häuser ziehen, zu viel trinken, zu früh mit zu vielen Männern schlafen, mit Alfie Patten, der mit 13 zum angeblich jüngsten Vater des Landes gekürt wird, mit Jamie Cumming, arbeitslos, 34, und Vater von 16 Kindern 14 verschiedener Mütter.

Die Anti-Abtreibungsbewegung kritisiert, durch die Kampagne werde das Bestellen der "Pille danach" so leicht wie das einer Pizza. Kurzer Anruf, dann kommt die Lieferung. Als "unfassbar geschmacklos" bezeichnet Josephine Quintavalle von ProLife die Kampagne. Die konservative Boulevardzeitung "Daily Mail" titelte gar, die Frauen drohten durch die Aktion ihre Selbstachtung zu verlieren, sie würden ermutigt, nicht zu verhüten, weil sie ja einen ordentlichen "Pille danach"-Vorrat angelegt hätten.

Die Aktion von BPAS mag aus PR-Sicht gelungen sein, die Organisation hat die erhoffte Aufmerksamkeit bekommen. Schon jetzt haben sich mehrere hundert Frauen registriert, die Organisation kann nicht sicher sagen, ob alle Empfängnisverhütungsweihnachtspakete rechtzeitig vor dem Fest ankommen.

"Eine sehr persönliche Entscheidung"

Außerdem hat BPAS es geschafft, so zu polarisieren, dass man sich am Ende tatsächlich die Frage stellt, wie es eigentlich bei dem Thema um die Verantwortung bestellt ist. Lieber keine Pille mit der Post und dafür ein ungewolltes Kind? Lieber hohe moralische Ansprüche und dafür riskieren, dass viele Frauen durchs Raster fallen?

In Großbritannien erhalten Frauen die "Pille danach" seit zehn Jahren in der Drogerie, nicht nur in Apotheken. Sie ist schon jetzt nicht verschreibungspflichtig, es kann schon jetzt nicht sichergestellt werden, dass sie nicht unter der Hand weitergereicht wird. Allein im vergangenen Jahr haben 250.000 Britinnen die "Pille danach" geschluckt.

Eine Studie der Universität Nottingham kommt zu dem Ergebnis, dass Notfallkontrazeptiva gar nicht den erwünschten Effekt haben: Die ohnehin hohe Rate der Teenagerschwangerschaften ist seit der Einführung in Großbritannien nicht gesunken, und die Zahl sexuell übertragbarer Erkrankungen ist gestiegen. Eine weitere Studie hat gar untersucht, ob es einen Unterschied macht, ob die Frauen das Arzneimittel auf Vorrat besitzen oder es sich erst besorgen müssen. Das Fazit: Viele Frauen haben nicht zur Tablette gegriffen, auch wenn sie sie besaßen. Die Leiterin der Studie, Chelsea Polis, sagt: "Es gibt Frauen, die die 'Pille danach' nicht nutzen, auch wenn sie sie bereits im Vorfeld besitzen. Das ist wie mit Kondomen: Verhütungsmittel wirken nur, wenn man sie auch nutzt."

Mit diesen Zahlen beschäftigt man sich nicht bei BPAS. "Uns geht es um die Freiheit der Frau. Wir wollen sie in die Lage versetzen, selbst zu entscheiden, was sie will und was nicht. Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit, ob man ein Kind bekommen oder eine Schwangerschaft verhindern möchte. Wir unterstützen die Frauen dabei." Allein: Auch das Entscheiden braucht Verantwortung.

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1. schlimme sache
valasthor 08.12.2011
Zitat von sysopEine kurze Mail, ein kurzes Gespräch, dann trudelt die Post ein - und alles wird gut. Eine Frauenberatung*hilft Britinnen,*zu*den Feiertagen einen Vorrat*der "Pille danach" anzulegen. Man wisse ja nie, wer einem über den Weg läuft, so die Botschaft. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,802235,00.html
Leute die Pille dannach ist Abtreibung. Das muss man mal so klar sagen. Und es ist keine Verhütung.
2. Das Rundum Sorglos Packet mit Nebenwirkungen
biff82 08.12.2011
Wie kann man nur so verantwortungslos sein? und das auch noch als große Institution für Aufklärung und Schwangerschaftsabbrüche. Wenn man nur die Begründung liest: "es gibt eben ungeplanten Sex" Ich frage mich nur ob die Britischen Forscher es mittlerweile geschafft haben der PIlle danach noch einen Zusatz für die eventuelle HIV Infizierung beizupacken. Unglaublich... UNd den Jugendlichen wird suggeriert, dass Sex ohne Verhütung kein Problem ist. Denn man kann ja kostenlos die Pille danach bekommen. Ich bin überwältigt von solch Ignoranz
3. Verhueterli
papayu 08.12.2011
Und wie viele Irinnen werden von dem Angebot Gebrauch machen? Oder hat PAPA schon was dagegen?
4. Burka?
schon,aber 08.12.2011
---Zitat von SPON--- Die Briten sind unzufrieden mit leicht bekleideten Mädchen, die um die Häuser ziehen, zu viel trinken, zu früh mit zu vielen Männern schlafen, mit Alfie Patten, der mit 13 zum jüngsten Vater des Landes gekürt wird, mit Jamie Cumming, arbeitslos, 34, und Vater von 16 Kindern 14 verschiedener Mütter. ---Zitatende--- Bei solchen Zuständen, wenn sie auch nur plakativ in diesem Satz zusammengefasst sind, kommt mir schon der Gedanke, dass es nicht das Schlechteste wäre, wenn man wenigstens den die Frauen kontrollierenden Teil der muslimischen Kultur, der sich oft über die losen Sitten im Königreich auslässt, teilweise übernehmen würde.
5.
Saïph 08.12.2011
Zitat von valasthorLeute die Pille dannach ist Abtreibung. Das muss man mal so klar sagen. Und es ist keine Verhütung.
Das ist falsch. Die Pille danach ist von der Abtreibungspille zu unterscheiden, erstere ist eben KEINE Abtreibung und hat keinen Effekt auf eine bereits befruchtete und eingenistete Eizelle.
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