Verhungertes Kind: Marcels Todesurteil

Von , Mannheim

Ein Junge leidet unter einer schweren Erbkrankheit, er wird taub, blind, bettlägerig. Seine Mutter pflegt ihn, bis sie nicht mehr kann - und ihn verhungern lässt. Das Jugendamt wusste von der Überforderung der Frau. Warum schritt es nicht ein?

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Nathalie B. mit ihrem Verteidiger Steffen Lindberg: "So schön wie möglich machen"

Nathalie B. öffnet Amtsarzt Peter S. die Tür ohne zu zögern. Der Mediziner des Mannheimer Gesundheitsamtes betritt das Kinderzimmer. Im Bett liegt Marcel, neun Jahre alt. Die Bettdecke verdeckt ihn bis zum Hals, sein Gesicht ist eingefallen und gelb verfärbt, auf dem Kopf trägt er eine Mütze. Peter S. schlägt die Decke zurück und sieht einen Jungen, abgemagert auf 14 Kilo, der Körper wundgelegen, an manchen Stellen offen und entzündet, die Haare verfilzt, die Augen leer. Das Kind müsse sofort ins Krankenhaus, sagt Peter S. Da beginnt Nathalie B. an, heftig zu weinen.

Marcel kommt ins Universitätsklinikum, sieben Wochen später stirbt er. Es ist der 29. Mai 2010. Vor dem Landgericht Mannheim muss sich nun seine Mutter Nathalie B. wegen Totschlags durch Unterlassen und Misshandlung von Schutzbefohlenen verantworten.

Die 30-Jährige hat außer Marcel zwei weitere Kinder und galt seither als überfordert. Seit 2001 stand die Familie unter Aufsicht des Jugendamts. Wie kann es sein, dass niemand Marcel zu Hilfe eilte? Warum überließ die Behörde der Mutter, deren Überforderung aktenkundig war, die Pflege des schwerkranken Jungen?

Nathalie B. hat erst im Gefängnis begriffen, was sie angerichtet hat, sagt ihr Anwalt. Sie schäme sich für ihr Versagen als Mutter, das sich weit vor Marcels Tod bereits abzeichnete.

Nathalie B. wächst im Mannheimer Stadtteil Schönau auf, in einem sozial schwachen Viertel, macht den Hauptschulabschluss und ein Berufsvorbereitungsjahr. Sie arbeitet als Kassiererin und Putzfrau, als sie mit ihrem Freund zusammenzieht und einen Sohn zur Welt bringt. Die Familie lebt von Sozialhilfe, der Kindsvater, so sagt Nathalie B. heute, kam nicht "in die Gänge", er hockt zu Hause, säuft, sie jobbt nebenher.

Im April 2001 wird der zweite Sohn, Marcel, geboren. Er ist gerade ein halbes Jahr alt, als das Jugendamt Mannheim die Familie unter ihre Fittiche nimmt. Bis zum Juli 2007 ist die Akte B. voll mit Gesprächsnotizen und Vermerken von Mitarbeitern der Behörde und Familienhelfern eines freien Trägers. Von Problemen bei der Pflege und der Versorgung der Kinder ist die Rede, von Alkohol und Drogen bei den Eltern. Im März 2005 ist zudem das dritte Kind geboren, ein Mädchen.

"Es dem Jungen so schön wie möglich machen"

Es sind alarmierende Einträge, für abgehärtete Jugendamts- und Sozialarbeiter vielleicht auch Routine: Im November 2006 meldet die Polizei der Behörde, dass Marcel, gerade fünf Jahre alt, von zu Hause weggelaufen sei. Als ihn die Beamten zu seinen Eltern zurückbringen, finden sie eine verwahrloste Wohnung vor. Der Vater habe gleichgültig gewirkt, die Mutter überfordert.

Der Kindergarten informiert das Jugendamt, für Marcel und seine jüngere Schwester sei es ratsam, wenn der kompletten Familie Hilfe angeboten werden würde. Der sogenannte Erziehungsbeistand notiert, dass gerade Nathalie B. in der Rolle als Mutter einen sichtlich überforderten, ermüdeten Eindruck macht, hinzu kämen Verletzungen, die sie plagen.

Im März 2008 meldet sich Nathalie B. selbst beim Jugendamt. Lehrer hätten festgestellt, dass Marcel Schwierigkeiten mit seinem Gehör habe. Es ist einer der letzten Einträge in der Akte bezüglich Marcel, das Unheil nimmt seinen Lauf.

Ärzte diagnostizieren bei dem Jungen Adrenoleukodystrophie, eine seltene und unheilbare Erbkrankheit, die einen rapiden neurologischen Verfall zur Folge hat (mehr dazu auf Wikipedia hier). Marcel hat nur noch eine geringe Lebenserwartung. Nathalie B. beschließt, den Jungen zu Hause zu pflegen. Er soll in seiner gewohnten Umgebung sterben. "Ich wollte es ihm so schön wie möglich machen", sagt sie heute.

Bereits eineinhalb Jahre später kann Marcel nicht mehr gehen, seine Knochen haben sich verformt. Er muss in einem Rollstuhl sitzen. Er ist taub und blind und muss gewickelt, gewaschen und gefüttert werden, später wird er durch eine Sonde ernährt, die seine Mutter regelmäßig auswechselt. Er schreit vor Schmerz, manchmal die ganze Nacht. Ende 2009 ist er ein hilfloser Pflegefall. Nathalie B. ist restlos überfordert.

Laut Staatsanwaltschaft Mannheim entschließt sie sich im Januar 2010, ihren Sohn in seinem Kinderzimmer sterben zu lassen, "damit Marcel nicht länger seinem Siechtum ausgesetzt" ist. Bewusst habe sie ihm keine Sonde mehr eingesetzt, Hilfsangebote abgelehnt und Mitarbeitern des Amtes für Soziale Dienste oder des Jugendamtes keinen Einlass in die Wohnung gewährt.

Gab es solche Angebote überhaupt?

In der Anklageschrift heißt es, Nathalie B. habe auf "jegliche Kontaktversuche telefonischer oder brieflicher Art" nicht reagiert. Zu Marcels Erkrankung finden sich allerdings in der Jugendamtsakte der Familie B. nur wenige Vermerke: Lediglich zwei persönliche Gespräche habe es mit seiner Mutter gegeben, alle anderen Kontaktversuche seien jedoch gescheitert, heißt es.

Nur indirekt ist die Rede von Marcel: Nathalie B. sei mit der Pflege und der gesamten Versorgung ihrer Familie überfordert. Im Februar 2010, sechs Wochen, bevor der Amtsarzt Marcel auffindet, wird auf einer Helferkonferenz konstatiert, dass "die Pflege von Marcel als einziges Erfolgserlebnis für die Kindesmutter" angesehen wird. Alle Teilnehmer der Runde sind sich laut Aktennotiz einig: Die Pflege darf nicht in fremde Hände gegeben werden.

Hilfeplan einen Monat vor Marcels Tod

Welche Art von Pflege erfährt Marcel? Einen Hinweis darauf, dass jemals ein Mitarbeiter des Jugendamtes Marcels Gesundheitszustand überprüft hat, findet sich nicht in der Akte.

Erst am 20. April 2010, als Marcel längst im Universitätsklinikum liegt, wird in einer Runde von Mitarbeitern des Jugendamtes und der Familienhelfer die Frage erörtert, warum Marcel als "bekanntermaßen schwer krankes, pflegebedürftiges Kind aus dem Blickwinkel der Helfer geraten konnte".

Am 27. April 2010 beschließt dann das Amt für Soziale Dienste am 27. April 2010 erstmals einen Hilfeplan für die Familie, in dem auch Marcel berücksichtigt wird. Einen Monat später ist der Junge tot.

Die inzwischen verstorbene Urgroßmutter der drei Kinder hatte schließlich das Jugendamt und den Amtsarzt des Gesundheitsamtes, Peter S., informiert, der den völlig verwahrlosten Jungen in seinem Kinderbett entdeckte.

Nathalie B. hat Marcels Tod nicht verwunden. Im Verfahren vor dem Landgericht Mannheim kauert sie neben ihrem Verteidiger Steffen Lindberg, wirkt verloren und weint unaufhörlich. Sie fühle sich als schlechte Mutter, sagt ihr Anwalt. Und sie vermisse ihre Kinder, die inzwischen bei einem Onkel leben.

"Sie ist sich bewusst, dass sie deutliche Schuld für den Tod ihres Kindes trägt und sie ist bereit, für ihr eigenes Fehlverhalten geradezustehen", sagt Lindberg. Er sitzt in seiner Kanzlei in der Mannheimer Oststadt. Für ein Pflichtverteidiger-Honorar kämpft er in diesem Fall nicht nur gegen die Staatsanwaltschaft. "Die Verteidigung strebt eine Strafmilderung aufgrund Mitverschuldung Dritter an", sagt er. 14 Zeugen will er zusätzlich laden, um nachzuweisen, dass seine Mandantin nicht alleine die Schuld trägt. Das Gericht hat noch nicht über den Antrag entschieden.

Inwieweit das Jugendamt seiner Überwachungsfunktion gerecht wurde, wird derzeit parallel zum Verfahren gegen Nathalie B. ermittelt, die sich auch wegen Beihilfe zum Handeltreiben mit Betäubungsmitteln verantworten muss, weil sie ihrem Freund ihre Wohnung zur Verfügung gestellt haben soll, um Marihuana zu bunkern und zu verkaufen.

Den Mitarbeitern des Jugendamtes könne kein Vorwurf gemacht werden, gab Bürgermeisterin Ulrike Freundlieb bekannt. "Für mich stellt sich das so dar, dass alle Beteiligten in bester Absicht gehandelt haben, im Ergebnis aber an die Grenzen der bestehenden Möglichkeiten gestoßen sind."

Der Onkel, bei dem Marcels Geschwister nun aufwachsen, berichtete vor Gericht, er habe das Jugendamt informiert und sei abgewiesen worden mit dem Satz: "Für Schönauer Verhältnisse sei das doch normal."

Der stellvertretende Leiter des Mannheimer Jugendamtes bemühte sich im Zeugenstand nicht, diese Aussage zu relativieren. "Es gibt keine Anhaltspunkte für Versäumnisse bei der Bearbeitung des Falls", sagt er. Alle vorgeschriebenen Abläufe seien eingehalten worden. Die Familie sei intensiv betreut worden.

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