Vermisste Johanna Wenn ein Teenager verschwindet

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2. Teil: Lähmende Ungewissheit der Mutter: „Ich sehe nur noch Kellerverliese"


Im Zimmer der Vermissten ist es still. Von der Wand streckt Hindu-Gott Ganesha seinen Elefantenrüssel in den Raum und erinnert an einen Indien-Urlaub mit der Familie. Vor dem Schreibtisch steht ein eleganter Drehstuhl aus den dreißiger Jahren, im Setzkasten verstauben Miniaturen. Nur das Knistern von Verpackungspapier ist zu hören, als Johannas kleine Halbschwester ein Schokoladenosterei auspackt und im selben Moment auffuttert. Durch die Jalousien blickt man auf Schrebergärten und eine Reihe frisch abgesägter Kiefern. "Sie hat es gut gehabt", sagt der Stiefvater, "vielleicht zu gut".

"Ein absoluter Schock" sei Johannas Verschwinden gewesen, sagt Ralf S., der seit sieben Jahren mit Christine Hotmar zusammen ist und zwei Töchter mit ihr hat. Es habe keinen Streit gegeben, keine lauten Worte, "aus heiterem Himmel" sei Johanna verschwunden.

Im Nachhinein häufen sich wie so oft die Vorzeichen. Eine Woche lang habe eine schwarze Sporttasche gepackt in dem kleinen Zimmer gestanden, erzählt die Mutter. Als sie Johanna darauf angesprochen habe, sagte die nur: "Ich räume auf."

Ja, es habe Reibereien gegeben, erklärt die Mutter. Johanna habe S. nicht als Vater anerkannt und der wiederum habe sich viel um die beiden leiblichen Kinder gekümmert. Heute plagen Christine Hotmar schwere Selbstzweifel: "Ich habe beide überschätzt, sie waren mit der Situation überfordert“, sagt sie unter Tränen. "Ich hätte Johanna mehr beistehen müssen."

Die Tochter hatte wenig Spaß mit den quirligen und eigensinnigen Stiefschwestern im Alter von drei und fünf Jahren. Auch in der Schule lief es nicht glatt: Die Mutter fand heraus, dass Johanna schlechte Noten vor ihr verheimlichte. Nicht ungewöhnlich für einen 13-jährigen Teenager "zwischen Baum und Borke", wie es Hotmar ausdrückt. "Auf der einen Seite Push-ups und Playboy, auf der anderen Comics und Kindersendungen."

Drogen, Alkohol, Zigaretten? Hotmar verneint. "Johanna war brav. Sie ist nie zuvor weggelaufen, hat nie geklaut und ist noch nicht einmal schwarzgefahren. Sie war ihren Altersgenossen in der Entwicklung immer ein wenig voraus. Ein ruhiges, eher zurückgenommenes Mädchen."

"Die Behörden haben komplett versagt"

Der ersten Panik folgt für die Eltern immer die erschütternde Erkenntnis, dass das Kind tatsächlich verschwunden ist. "Ich hatte eine große Leere im Kopf und keine Ahnung, was ich als erstes tun sollte", berichtet Ralf S. In seiner Verzweiflung rief der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende einige Notrufnummern von Beratungsstellen an – vergebens, denn die Leitungen waren allesamt nicht besetzt. Letztlich half ihm eine befreundete Psychologin, die ihm riet, sofort die Polizei zu verständigen.

"Hilfe für die Angehörigen ist vor allem in den ersten Tagen dringend nötig", erklärt Journalist und Autor Peter Jamin, der für seine Bücher und Artikel über 2000 Vermisstenfälle analysiert hat. Er kritisiert das komplette Versagen von Bundes-, Landes- und Kommunalbehörden bei der Unterstützung von Betroffenen. "Ich erwarte, dass man sich endlich eingesteht: Ja, wir haben 50 Jahre lang geschlafen und müssen unbedingt etwas ändern."

Jamin geht davon aus, dass hinter jährlich etwa 100.000 Vermissten rund eine halbe Million Angehörige stehen, die in der Regel allein mit ihrem Problem sind. "Derzeit kümmert sich ausschließlich die Polizei um Vermisste und ihre Angehörige. Die Beamten können aber neben ihrem eigentlichen Auftrag nicht auch noch Sozialarbeit leisten."

Außer einigen wenigen Initiativen wie Vermisste Kinder e.V. in Schleswig-Holstein oder der Opferschutzorganisation "Weißen Ring" gebe es hierzulande auch keine seriösen privaten Anbieter, die Angehörigen von Vermissten helfen. Jamin plädiert für die Einsetzung sogenannter „Vermisst-Berater“ in allen Kommunen. Diese sollten sozialpädagogisch ausgebildet sein, praktische Hilfe zur Selbsthilfe geben und gegebenenfalls direkt an Psychologen, Medienberater und andere Experten weitervermitteln.

Die Patchwork-Familie aus Lübeck ist mit ihrem polizeilichen Ansprechpartner zufrieden: "Er macht seine Sache gut", sagt Christine Hotmar. Ihr selbst bleibt nur eines übrig: "Ich warte. Es gibt immer etwas, worauf ich gerade warte - auf Hanna, auf einen Anruf, auf eine neue Spur." Sie weine viel, vor allem wenn üble Phantasien sie heimsuchten. "Dann sehe ich nur noch Kellerverliese."



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