Gleichberechtigungsdebatte Vettel und der falsche Hintern

In einer gleichberechtigten Welt hat jeder das Recht zu tun, was der andere auch darf. Eine ganz andere Frage ist, ob man es auch tun sollte, lehrt uns Formel-1-Star Sebastian Vettel. Ganz geschlechtsunabhängig.

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Wenn uns auf der Autobahn jemand begegnet, der in einem tiefergelegten Boliden mit offenem Verdeck, überhöhter Geschwindigkeit und röhrendem Lärm vorbeizieht, gehen wir davon aus, der habe etwas zu kompensieren. In der Formel 1 fährt jeder so rum, und das erwartet man auch so: Der Reiz liegt gerade darin, dass es die Jungs - und es sind ausnahmslos Männer - immer so eilig haben.

Dachten wir bisher. Denn offenbar haben die Fahrer durchaus noch Zeit für andere Dinge: Sie sehen den sogenannten Grid-Girls auf den Hintern.

"Unter einem Grid-Girl (auch Race-Queen, Pit-Babe oder Umbrella- bzw. Paddock-Girl)", erklärt uns die stets bestens informierte Wikipedia, "versteht man eine Hostess, die als fester Bestandteil des Streckenpersonals im Motorsport zu Promotionszwecken eingesetzt wird."

Die Frauen werden also dafür bezahlt, am "Paddock" - dem Zaun - Promotion zu treiben. Man könnte die Mädels deshalb auch als "Zaunsteher-Litfaßsäulen" bezeichnen. Da aber am Zaun rumstehen allein noch nicht wirklich eine Tätigkeit ist, wurden den Damen zum Schein weitere Aufgaben zugeteilt, damit sie auch bemerkt werden, weiß die Wikipedia: "Ihre offizielle Aufgabe besteht darin, auf dem sogenannten Starting-Grid einen Schirm über den Fahrer zu halten, während an seinem Fahrzeug noch gearbeitet wird respektive unmittelbar vor dem Rennstart ein Schild mit seiner Startnummer zu präsentieren."

Dieses nur sehr begrenzt fordernde Berufsbild gilt nicht nur wegen der kurzen Einarbeitungszeit als nicht sehr prestigeträchtig. Während Bergmann ja lange Zeit als angesehener Job galt, dürfte Pit-Babe, was man frei mit "Gruben-Häschen" übersetzen könnte, da deutlich abfallen. Und das, obwohl das eine ein schmutziger Job ist, das andere nicht.

Einem aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts drängt sich da natürlich sofort eine Frage auf: Warum immer Mädels und nie Männer?

Keine Kopfsache: Der Grund liegt tiefer

Im Ernst: Seit sich am Freitag sogar die ach so konservativen irischen Katholiken überwältigend mehrheitlich für die geschlechtsunabhängige Gleichberechtigung aussprachen, werden sogar schon im deutschen Regierungslager hektisch die ersten Placebo-Regelungen eingetütet, die das bei uns noch verhindern sollen. Nach der Emanzipations-, Integrations- und Inklusionsdebatte droht uns nun eine allgemeine, geschlechtsunabhängige Gleichberechtigungsdebatte.

Und warum auch nicht? Die Geschlechter in das Schöne und das Starke zu teilen ist diskriminierend. Ich habe einen guten Kollegen, der ist überhaupt nicht stark. Schön andererseits ist er auch nicht, aber heißt das, dass man ihm das Recht absprechen sollte, zum Beispiel auf Werbebildern in kurzen Höschen und hohen Schuhen auf einem Motorrad zu liegen und am Tank zu lecken?

Natürlich nicht. Niemand kann sich dem Zeitgeist und der Moderne auf Dauer verwehren. Noch nicht einmal die Formel 1, wo beim Rennen in Monaco erstmals Grid-Boys (auch Race-Queen, Pit-Babe oder Umbrella- bzw. Paddock-Bube) zum Einsatz kamen: Knappe, muskelbetonte T-Shirts, über den Waden aufgekrempelte Bluejeans und weiße Turnschuhe, ohne Socken getragen. Gebräunte Haut, frisch gefönt und knackig trainiert. Sixpacks ohne Speckmantel.

Aber was sagte Deutschlands Superstar Sebastian Vettel? "Eine Sache hat mir heute überhaupt nicht gepasst: Wir hatten keine Grid-Girls. Das sollten wir schnell wieder ändern."

Alles lachte - der vierfache Weltmeister habe nur gescherzt, hieß es. Doch Vettel legte nach: "Ich verstehe es nicht. Sorry. Wenn ich auf Männer stehen würde, wäre es etwas anderes, aber das tue ich nicht. Und das Auto zu parken und auf den Hintern von einem George oder Dave zu gucken, das hat mir nicht gefallen."

Und was lernen wir daraus? Männlein oder Weiblein, völlig egal: Es ist enorm wichtig, im Leben etwas Anständiges zu lernen. Sonst wird man Grid-Girl oder -Boy, und das ist offensichtlich "all about the base". No Trouble, aber als Job ist das echt für'n Arsch.

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