Vicco von Bülows Nachahmer Die Feierabend-Loriots

Sie treten in Altenheimen auf, in Vereinslokalen und Gemeindezentren: Seit mehr als 20 Jahren bringt ein westfälisches Ehepaar Loriot dorthin, wo sonst eher derbe Späße gemacht werden. Ein Besuch bei den vielleicht erfolgreichsten Kopierern des verstorbenen Komödianten.

Von , Hamm


In einer ruhigen Straße sitzt auf einer noch ruhigeren Terrasse ein Ehepaar und blickt in den Garten. Goldfische schwimmen in einem Teich, ein Springbrunnen plätschert leise vor sich hin, der akkurat gestutzte Rasen ist saftig grün - eine Baumarktidylle.

"Hermann", ruft sie, stoisch geradeaus schauend.

"Ja", antwortet er, gelangweilt.

"Was machst du da?", flötet sie.

"Nichts", sagt er.

"Nichts? Wieso nichts?"

"Ich mache nichts."

"Gar nichts?"

"Nein."

"Überhaupt nichts?"

"Nein. Ich sitze hier."

"Du sitzt da?"

"Ja."

"Aber irgendwas machst du doch?"

"Nein."

Die beiden brechen den Sketch ab, in die gerade noch unbewegten Gesichter kehrt Leben zurück. Sie schenken Wasser ein und beginnen zu erzählen, wie aus ihnen, den Besitzern eines Reisebüros im westfälischen Hamm und Eltern zweier Söhne, die Laien-Loriots des Ruhrgebiets wurden.

"Wir sind ganz klein"

Seit 21 Jahren treten Hans, 76, und Doris Adler, 62, nunmehr mit den Sketchen Vicco von Bülows auf, in Altenheimen und Clubhäusern, Gaststätten und Stadttheatern. Sie sind die Übersetzer dieses feinsinnigen Humors, sie bringen ihn dorthin, wo es sonst vielleicht derber oder direkter zugeht, sie müssen lauter sein als das Original, gröber, sie wissen das.

"Im Vergleich zu ihm sind wir ganz klein", sagt Doris Adler.

Doch das Publikum liebt die Laienschauspieler: Schätzungsweise 200.000 Menschen haben im Laufe der Jahre gesehen, wie die Adlers in ausgewählten Sketchen - unter anderem "Das Frühstücksei", "Der Fernseher" und "Das Abendkleid" - um Loriots Gewissheit kreisen: "Frauen und Männer passen eigentlich nicht zusammen."

Wenn man so will, sind die Adlers der "Volks-Loriot" zum Anfassen, 50 Minuten gibt es für 400 Euro plus Mehrwertsteuer. Und selbst der gnadenlose Perfektionist von Bülow, der zehn Prozent der Gagen bekam, konnte das akzeptieren. Einmal, als das Paar dem Künstler ein Video seines Programms geschickt hatte, schrieb er zurück: "Ich hatte viel Spaß beim Ansehen, vor allem weil zu merken war, dass Sie viel Spaß beim Spielen hatten."

Geschäftliche Beziehung zu Loriot

Begegnet sind sie ihrem Vorbild nie, doch einige Male habe er mit Loriot telefoniert, sagt Hans Adler, ein schlanker Mann mit lustigen Augen und Fritz-Walter-Frisur. "Er war freundlich und höflich, aber distanziert." Die Gespräche blieben stets geschäftlich, eine Beziehung zu ihrem Idol, die sie sich manchmal gewünscht hatten, entstand nicht: Auf keinen Fall sollte Loriot den Eindruck gewinnen, sie wollten sich ihm in irgendeiner Weise aufdrängen.

Die Adlers spielen Theater wie andere Leute Fußball oder Tennis, es ist ihr Hobby seit Kindertagen. Früher waren es klassische Rollen auf einer Freilichtbühne, "Wilhelm Tell", der "Schinderhannes" oder der "Sommernachtstraum", doch in einem langen Sommerurlaub auf Fuerteventura versuchten sie sich zum ersten Mal in einem Ferienclub an Loriots Sketch vom kaputten Fernseher. Es war ein Erfolg.

Später stellten sie aus den Werken des Komödianten das erste Bühnenprogramm zusammen, sie brauchten Geld für ihr Laientheater. Nach der Premiere lobte die Lokalzeitung: "Das hätte Loriot selbst nicht besser machen können." Die Adlers wussten nun, wie sie die Menschen unterhalten konnten.

"Leise und feinsinnig"

Loriot hat die Deutschen gelehrt, über sich selbst zu lachen, über "Die Nudel", das geschenkte Klavier und den Heinzelmann, der saugt und bläst, wo Mutti sonst nur blasen kann. Seine Figuren ringen oftmals mit dem Versuch, den Anschein einer respektablen Person zu wahren, und bemerken nicht, wie sehr sie sich dabei lächerlich machen. Es ist dieser mal verzweifelte, mal stoisch geführte Kampf um Würde und gegen widrige Umstände, der Loriots Sketche ausmacht.

Die Adlers würden das so nicht sagen, aber wahrscheinlich empfinden sie es durchaus. Sie schätzten an Loriot, dass sein Humor "leise ist, feinsinnig, zeitlos und dass er nicht unter die Gürtellinie geht".

Seine Komik funktioniert, selbst wenn sie nicht mit preußischer Präzision, sondern mit westfälischer Begeisterung vorgetragen wird. Es ist Unterhaltung, für die man kein Abitur braucht, die aber mit ihrer gehobenen Sprache und psychologischen Beobachtungen anspruchsvoller ist als vieles, was Comedians heutzutage machen.

Mama, Papa, Loriot ist tot!

"Mit Loriots Tod ist eine Ära zu Ende gegangen", sagt Doris Adler. "Das macht uns traurig." Sie seien unterwegs gewesen, als einer der Söhne angerufen habe: Mama, Papa, Loriot ist tot! "Wir waren geschockt."

Doch die Adlers werden weitermachen, es ist ihre Art und Weise, das Andenken Vicco von Bülows zu bewahren. Mit ihren beiden Requisitenkoffern und ihrem Repertoire wollen sie weiterziehen, von Geburtstag zu Silberhochzeit zu Vereinsjubiläum, von Gelsenkirchen nach Solingen nach Ahlen. "So lange wir können und die Leute uns wollen, machen wir das."

Wie Loriot einst sagte: "Wenn ich alt und klapprig bin und keinen Gedanken mehr im Kopf habe und nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, dann höre ich auf."

Aber erst dann.

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joschitura 24.08.2011
1. Ist das denn so schwierig?
"...über "Die Nudel", das geschenkte Klavier und den Heinzelmann, der saugt und bläst, wo Mutti sonst nur blasen kann." SAUGEN kann - nicht blasen. Das haben doch nun wahrhaftig schon genügend Leute angemahnt und korrigiert. Jetzt sind wir alle mal sehr gespannt, ob der Spiegel die Passage mit dem Heinzelmann wenigstens bis zu Loriots 100. mal richtig zitiert. (Für alle dies nicht glauben: http://www.youtube.com/watch?v=bHKW0ybNhUQ etwa ab 3:00)
Borella 24.08.2011
2. Lachen ? Und wo, bitte ?
Vielleicht kann mir jemand erklären, an welcher Loriot Stelle ich lachen sollte ? Bei Mr. Bean (engl. Humor) weiß ich das, bei Loroit schalt ich nach dem 3. 'Gag' ab. -
C-W-W, 24.08.2011
3. Falsch!
Zitat von joschitura"...über "Die Nudel", das geschenkte Klavier und den Heinzelmann, der saugt und bläst, wo Mutti sonst nur blasen kann." SAUGEN kann - nicht blasen. Das haben doch nun wahrhaftig schon genügend Leute angemahnt und korrigiert. Jetzt sind wir alle mal sehr gespannt, ob der Spiegel die Passage mit dem Heinzelmann wenigstens bis zu Loriots 100. mal richtig zitiert. (Für alle dies nicht glauben: http://www.youtube.com/watch?v=bHKW0ybNhUQ etwa ab 3:00)
Das ist schon richtig zitiert. Siehe hier ab ca. 10:22 http://www.youtube.com/watch?v=aksjhtIhfqg&feature=related
_muskote 24.08.2011
4. .
Zitat von joschitura"...über "Die Nudel", das geschenkte Klavier und den Heinzelmann, der saugt und bläst, wo Mutti sonst nur blasen kann." SAUGEN kann - nicht blasen. Das haben doch nun wahrhaftig schon genügend Leute angemahnt und korrigiert. Jetzt sind wir alle mal sehr gespannt, ob der Spiegel die Passage mit dem Heinzelmann wenigstens bis zu Loriots 100. mal richtig zitiert. (Für alle dies nicht glauben: http://www.youtube.com/watch?v=bHKW0ybNhUQ etwa ab 3:00)
nicht ganz: http://www.youtube.com/watch?v=aksjhtIhfqg ca. 10:28 :)
stesoell 24.08.2011
5. oo
Bei einer - meiner - großartigen Deutschlehrerin, habe ich in der 5. und 6. Klasse (so denke ich) eine Theater AG besucht. Auch Loriot Sketche gehörten dazu. Wir und das Publikum fanden es es toll. Ein feiner Herr, und eine ebenso großartige Evelyn Hamann.
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