Zwangsheirat: Jemenitische Menschenrechtler bezweifeln Nadas Geschichte

Screenshot aus dem Memri-Video von Nada: Fast acht Millionen Klicks Zur Großansicht
YouTube/ Memri TV

Screenshot aus dem Memri-Video von Nada: Fast acht Millionen Klicks

In einem YouTube-Video klagt die elfjährige Nada al-Ahdal ihre Eltern an, die sie angeblich zwangsverheiraten wollen. Fast acht Millionen Mal wurde der Film angeklickt. Jemenitische Menschenrechtsorganisationen zweifeln jedoch am Wahrheitsgehalt der Geschichte.

Hamburg - Ihre Botschaft erregte großes Aufsehen, Medien auf der ganzen Welt griffen den Fall auf: In einem YouTube-Video, das von der Organisation Memri übersetzt wurde, prangert die elfjährige Nada al-Ahdal aus dem Jemen ihre Eltern an, die sie angeblich zwangsverheiraten wollen.

Das arabische Video war bereits vor drei Wochen veröffentlicht worden, die übersetzte Version von Memri am 21. Juli - letztere wurde bisher knapp acht Millionen Mal angeklickt. Memri (Middle East Media Research Institute) sitzt in Washington, beobachtet islamische Medien des Nahen Ostens und wurde in der Vergangenheit für mangelnde Neutralität kritisiert.

Die Geschichte - so wie Nada sie erzählt - lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Als ihre Eltern sie verheiraten wollen, flieht sie zu ihrem Onkel und zeigt ihre Mutter bei der Polizei an. Der Onkel arbeitet als Fernsehtechniker in der Hauptstadt Sanaa. Er schilderte den Fall auch der libanesischen Nachrichtenseite "Now". Demnach war es nicht der erste Versuch der Eltern, Nada zu verheiraten.

Im Jemen sind jedoch Zweifel an dieser Darstellung laut geworden. Der Sender al-Dschasira berichtet, dass zwei Menschenrechtsgruppen, die mit dem Fall befasst sind, Nadas Angaben für teilweise falsch halten. Darunter auch die Behauptung, ihre Eltern wollten sie verheiraten.

Ramzi al-Eryani von der Frauenrechte-Organisation Yemeni Women Union (YWU) sagte laut al-Dschasira, Nadas Eltern hätten das Mädchen nicht zwangsverheiraten wollen. Das habe sich nach stundenlangen Gesprächen herausgestellt. Die YWU hatte Nada in den vergangenen Tagen in ihre Obhut genommen. Die Elfjährige sei inzwischen wieder bei ihren Eltern, sagte al-Eryani laut al-Dschasira.

Auch Ahmad Algorashi von der Kinderrechte-Organisation Seyaj sagte, an der Geschichte sei nichts dran - das habe sogar Nadas Onkel inzwischen bestätigt. Demnach habe es zwar einen Bewerber gegeben, die Eltern hätten aber abgelehnt. Das hatte auch Nadas Vater in der vergangenen Woche in einem Interview mit dem libanesischen Sender al-Majadin gesagt. Vor ihrem 17. Geburtstag solle seine Tochter nicht heiraten.

Die Geschichte bleibt jedoch undurchsichtig: Noch am Freitag wurde al-Eryani in der britischen BBC mit der Aussage wiedergegeben, Nadas Geschichte sei authentisch. Und auch der Mann, der das arabische Video laut al-Dschasira als Erster auf YouTube hochgeladen hatte, bleibt demnach bei der Darstellung. Dem Bericht zufolge handelt es sich um einen Mann, der bei einer TV-Show arbeitet, in der Nada regelmäßig auftritt.

Auch an anderer Stelle gibt es Widersprüche: In ihrem Video sagte Nada, sie sei vor ihren Eltern davongelaufen, sie könne nicht mehr bei ihnen leben. Bei "Now" heißt es, sie lebe schon seit sie drei Jahre alt ist bei ihrem Onkel. Die "Yemen Post" berichtet hingegen, der Onkel habe sie vor rund anderthalb Jahren bei sich aufgenommen.

Die "Yemen Post", nach eigenen Angaben ein unabhängiges Nachrichtenmedium, schreibt gar, es sei nichts Wahres an der Geschichte von der geplanten Zwangsheirat. Die Zeitung unterstellt stattdessen dem Onkel finanzielle Motive. Er habe, so heißt es in dem Bericht, aus Nada eine zweite Nudschud machen wollen - ein junges Mädchen, das 2008 die Scheidung von ihrem Ehemann erstritten hatte und weltberühmt wurde. Er habe die Elfjährige zu den Aussagen genötigt. Diese Anschuldigungen lassen sich jedoch ebensowenig belegen.

Der Kampf um die Deutungshoheit in dem Fall sollte die Ernsthaftigkeit des Themas nicht überdecken: Im Jemen ist es nicht ungewöhnlich, dass Kinder gegen ihren Willen in eine Ehe getrieben werden. Laut Unicef sind in dem Land etwa elf Prozent der unter 15-Jährigen verheiratet, bei den unter 18-Jährigen ist es knapp ein Drittel. Wohl auch deshalb erregt Nadas Geschichte - wahr oder nicht - derart großes Aufsehen.

hut

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Bevölkerung: 24,053 Mio.

Hauptstadt: Sanaa

Staatsoberhaupt:
Abd Rabbuh Mansur al-Hadi

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