Von Marc Pitzke, New York
Wenn Donna Lieberman die nicht einmal 50 Meter von ihrem Büro zur Straßenecke geht, wird sie bei jeder Bewegung von einem guten Dutzend Videokameras beäugt. "Ich lebe", seufzt die New Yorkerin, "in einer täglichen Reality-Show."
Diese Show fängt in der Lobby an, wo eine Linse über der Drehtür lauert. Draußen hängt gleich noch eine, dann eine etwas höher an der Fassade des Wolkenkratzers, in dem Lieberman arbeitet. Zwei offenbaren sich bei genauerem Hinsehen direkt gegenüber, zwei weitere links, zwei weitere rechts, und an der Kreuzung von Broad Street und Water Street wimmelt es vor Glasspionen.
Zugegeben: Lieberman, die Direktorin der Bürgerrechtsorganisation NYCLU, arbeitet in der am schärfsten überwachten Ecke New Yorks. In keinem Viertel der Acht-Millionen-Stadt werden die Passanten von mehr Kameras ausgespäht als hier an Manhattans Südspitze, im Finanzbezirk um die Wall Street. Selbst im Starbucks-Laden unweit der Börse starren drei Objektive über die Barista-Theke.
Keine Kamera gleicht der nächsten. Sie sehen aus wie Nachttischlampen, Alien-Augen, "Star Wars"-Roboter, Insektenpupillen, Bienenwaben oder einfach nur wie Kameras. Büros, Bars, Cafés, Restaurants, Schulen, Krankenhäuser, Museen, die U-Bahn (in der sich allerdings die meisten Elektroaugen als defekt entpuppt haben) - keine Ecke New Yorks ist objektivlos. Einer der wohl bezeichnendsten Fälle: Zwei Riesenkameras an der Südfassade der US-Notenbank, gleich hinter dem Schild der Liberty Street - der Straße der Freiheit.
Die grenzenlose Freiheit des Ausspähens
Schöne Freiheit: Die grenzenlose Freiheit des Ausspähens. Wie weit darf die gehen? Es ist eine alte und doch unvermindert aktuelle Frage, die sich die New Yorker seit dem missglückten Bombenanschlag am Times Square im Mai wieder stellen. Gute Antworten gibt es bisher freilich keine - nur die triste Einsicht: Die Zahl der Kameras steigt rasant.
Die NYCLU zählte in Manhattan allein südlich der 14. Straße genau 4176 Kameras - und das war vor fünf Jahren, bei der letzten verlässlichen Studie. 1998 waren es noch 769, ein Anstieg um 443 Prozent in sieben Jahren. Im Wall-Street-Bezirk hat sich die Zahl im selben Zeitraum fast verdreifacht, von 446 auf 1306.
Wie viele Linsen es heute wirklich sind, darüber lässt sich nur noch spekulieren. Weder das New York Police Department (NYPD) noch die Stadtverwaltung geben Statistiken bekannt, es gibt keine zentrale Sammelstelle oder Behörde, die diese Rundum-Überwachung koordiniert. Die meisten Kameras werden sowieso privat betrieben und sind daher für Gesetzgeber oder Bürgerrechtsgruppen nur schlecht zu kontrollieren.
"Wir waren schockiert, einfach schockiert", sagt Lieberman über die Erkenntnisse ihrer Organisation. "Irgendwer guckt immer zu." Das Schlimmste dabei: "Es gibt absolut keine Aufsicht." Die Späher spähen völlig unkontrolliert. Big brother is filming you.
"Kameras helfen nach der Tat und als abschreckendes Mittel"
Und das soll jetzt sogar noch viel drastischer werden. Seit dem verhinderten Times-Square-Anschlag wollen Lokalpolitiker, allen voran Bürgermeister Mike Bloomberg, die Überwachung drastisch ausweiten. "Es gibt nichts Wichtigeres, als die New Yorker vor einem Attentat zu beschützen", erklärte der demokratische Senator Chuck Schumer, der mindestens 30 Millionen Dollar an zusätzlichen Investitionen in das Kamerasystem fordert.
An diesem Vorstoß ändert wenig, dass London, als globaler Vorreiter der Videoüberwachung, langsam wieder kameramüde wird. Auch nicht, dass das Attentat am Times Square von den mehr als 80 Kameras ringsum weder verhindert noch aufgeklärt wurde - es war altbewährte Detektivarbeit, die dafür sorgte.
"Times Square ist ein gutes Beispiel, warum diese Kameras nichts bringen", sagte John Verdi von der auf elektronische Überwachung spezialisierten Aktivistengruppe Electronic Privacy Information Center (EPIC) dem TV-Sender ABC. "Er ist mit Kameras übersät, doch keine davon half, das Attentat zu vereiteln."
Dennoch reiste Bloomberg kürzlich eigens nach London, um sich bei seinem dortigen Amtskollegen Boris Johnson Rat zu holen. Bloombergs Schlussfolgerung stand da schon vorher fest: "Kameras helfen nach der Tat, und sie helfen als abschreckendes Mittel."
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