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Alkoholtherapie aus Pilsen: Härtetest an der virtuellen Theke

Von Martin Nejezchleba, Pilsen

Kneipe für Alkoholkranke: Der virtuelle Härtetest Fotos
Martin Nejezchleba

Das Wirtshaus ist für manche Tschechen das zweite Wohnzimmer, doch zu häufig endet der Abend im Delirium: Alkoholismus ist ein ernstes Problem. Nun entwickeln Forscher eine virtuelle Kneipe. An deren Theke sollen Suchtkranke den Härtetest bestehen.

Das Wirtshaus ist nicht wegzudenken aus dem Leben in Tschechien. Hier begannen die Abenteuer des braven und trinkfesten Soldaten Schwejk. Hier sitzen Hochschulprofessor, Hipster und Bauarbeiter unter einer Dunstglocke und lassen den Arbeitstag gemeinsam ausklingen. Klingt nach egalitärer Gemütlichkeit, birgt aber auch eine Gefahr: Schätzungen gehen davon aus, dass jeder achte Mann in Tschechien alkoholkrank ist oder gefährlich viel trinkt.

Nun entsteht ein böhmisches Wirtshaus, das Alkoholkranke als Teil ihrer Suchttherapie besuchen sollen: In Pilsen, der Heimat des untergärigen Biertyps, entwickeln derzeit zwei Wissenschaftler eine virtuelle Kneipe. Noch in diesem Jahr soll sie in der Suchttherapie zum Einsatz kommen. Alkoholkranke sollen dort einen für viele Tschechen schwer vorstellbaren Verhaltensprozess einüben. Sie sollen in ein Wirtshaus gehen, und alles tun, nur eines nicht: Bier bestellen.

Verzicht mit dem Flightstick

"Wir wollen den Patienten ein Umfeld vermitteln, das ihnen intim vertraut ist", erklärt der Psychiater Jiří Podlipný. Alkoholiker sollen lernen, mit etwas umzugehen, das Psychologen Craving nennen - das unwiderstehliche Verlangen nach dem Suchtmittel. In der geschlossenen Therapie werden Alkoholkranke nicht mit dem Trinkerumfeld konfrontiert. Deshalb möchte Podlipný das Wirtshaus in die Suchtklinik bringen. Sein Kollege Petr Hořejší programmierte dafür einen virtuellen Wirt, eine Bar mit billigem Schnaps und die Stammgäste Dušan und Václav.

Noch steht die Kneipe auf dem Campus der Westböhmischen Universität in Pilsen, im ersten Stock des Instituts für Ingenieurwesen und Management. Dort ist das Labor für virtuelle Realität, dort arbeitet Hořejší bei heruntergezogenen Jalousien und Bildschirmflimmern. Eine Höhle sei das hier, sagt der 32-jährige Programmierer, ein Cave - Computer Assisted Virtual Environment. Hořejší, schwarze Haare im Günter-Netzer-Stil, steht in einem Metallkäfig. Auf der Nase hat er eine klobige Brille, von der ein Kabel in einen Rechner führt. Er blickt auf eine Leinwand, 21 Sensoren erfassen seine Position. In der Hand hält er etwas, dass Hořejší Flightstick nennt und das aussieht wie ein Scanner an der Supermarktkasse. Damit steuert er seine Bewegung in der virtuellen Realität.

Rekordkonsum in Tschechien

Was Hořejší nun dreidimensional vor Augen hat, ist ein Wirtshaus, wie es zu Zehntausenden in Tschechien steht. Holzverkleidung an den Wänden, ein Plasmabildschirm - dort möchte Hořejší später Bierwerbung laufen lassen - ein Spielautomat im Nebenraum und zwei schwarze Tafeln. Darauf das Menü: Speckwurst mit Brot und Senf, eingelegter Käse, Lagerbier für 90 Cent, Pilsener Urquell für 1,20 Euro.

In Tschechien ist Bier billig und fließt in rauen Mengen. Im Pro-Kopf-Konsum von Alkohol gehört Tschechien zur Weltspitze. Mit rund 16,5 Litern reinem Alkohol trinkt man hier laut WHO-Statistik fast doppelt so viel wie im globalen Durchschnitt. Der Mittelwert in Europa liegt bei 12,2 Litern.

Psychiater Podlipný behandelt Leute, bei denen der Alkoholkonsum zur Krankheit wurde. Erst kommt Entgiftung, dann Entzug und später die siebenwöchige Kurztherapie. In der letzten Phase möchte der Psychiater die virtuelle Kneipe einsetzen. Die Patienten kommen in das bekannte Trinkerumfeld, das Craving beginnt.

Solche sogenannten Alcohol-Cueing-Tests werden bereits in der Suchttherapie eingesetzt, als Rollenspiele oder bei Ausgängen mit Therapeuten. Ludwig Kraus, Leiter des Instituts für Therapieforschung in München, kann der virtuellen Kneipe aus Pilsen durchaus etwas abgewinnen. "Als unterstützende Maßnahme und zum Erlernen von Widerstandsverhalten gegen den drohenden Rückfall kann das sinnvoll sein", urteilt Kraus.

"Er wird sehr unangenehme Geräusche hören"

Für Podlipný ist der virtuelle Kneipenbesuch vor allem ein sicheres Mittel, um Trinker in eine Situation zu versetzen, in die sie nach der Entlassung früher oder später geraten werden. "Es ist eine wunderbare Möglichkeit, um über das zu diskutieren, was der Patient durchlebt", sagt Podlipný.

Bis die erste Testphase im Herbst anläuft, muss Hořejší noch viel programmieren. Über die Semesterferien möchte er die interaktiven Skripte für den Kneipenbesuch schreiben. Das Szenario: Der Suchtkranke geht zu einem Treffen in das Wirtshaus, der Freund verspätet sich. Der Wirt mit den tiefen Augenhöhlen stellt ein kühles Bier auf den Holztisch. Wenn der Patient das Bier ablehnt, wird der Wirt meckern, der Druck steigen, die Stammgäste Dušan und Václav werden versuchen, den Patienten zu überreden.

Die Höhle mit der Leinwand ist nur das Entwicklungsumfeld. Hořejší grinst verwegen, wenn er davon erzählt, wie die Suchtkranken in die virtuelle Kneipe abtauchen werden. Er sagt Dinge wie "Immersion" und "True Virtual Reality". "Der Patient wird das Bier auch anfassen können", sagt der Programmierer, "wenn er es trinkt, verschwimmt das Bild, er wird sehr unangenehme Geräusche hören."

Wenn die Testphase erfolgreich verläuft, möchte Hořejší weitere Varianten schaffen. Je nach Vorliebe des Patienten wird der Wirt Wein oder Schnaps anbieten. Die beiden Wissenschaftler überlegen auch, andere Trinkwelten zu schaffen. "Der Auslöser für das Craving ist abhängig vom Kontext", erklärt Psychiater Podlipný. Und Alkoholiker trinken nicht nur in böhmischen Wirtshäusern, auch in edlen Weinlokalen oder zu Hause.

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1. Ich lebe seit dem 29.05.1982 absolut clean and dry..
detlef1958 01.07.2014
Zitat von sysopMartin NejezchlebaDas Wirtshaus ist für manche Tschechen das zweite Wohnzimmer, doch zu häufig endet der Abend im Delirium: Alkoholismus ist ein ernstes Problem. Nun entwickeln Forscher eine virtuelle Kneipe. An deren Theke sollen Suchtkranke den Härtetest bestehen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/virtuelle-kneipe-in-tschechien-eine-theke-fuer-alkoholkranke-a-978275.html
trocken also..war Mehrfachabhängig..von Alkohol, Tabletten und Drogen. Ich halte diese virtuelle Therapie für absolut unsinnig.....denn: 1. Habe ich in den ersten Jahren meiner Nüchternheit weitest gehend Kneipen und ähnliche Orte gemieden, was habe ich als schwerstkranker, vom Tode bedrohter Suchtkranker an einem Ort zu suchen, der mich fast umgebracht hätte....dort hin zu gehen, grenzt für mich als nüchterner, auch im Geist, Alkoholiker, an Sadismus. 2. Ich muss niemanden, weder mir, noch anderen..etwas beweisen. Beweisen, das ich trocken bleiben kann, selbst in angesichts des vorhandenen Alkohols....und den anderen trinkenden Gästen. Ich weiß warum ich trocken lebe, habe das Elend mitgemacht. Die Menschen..die mich wirklich mögen und schätzen, werden nicht erwarten, dass ich mich einer solchen Gefährdung aussetze..im Gegenteil, sie werden mich davor zu schützen wissen, eher sorgenvoll warnen. 3. Bis heute lebe ich so. weitestgehend zufrieden. Ich höre auf meine innere Stimme. geht es mir nicht gut..setze ich mich keinen Gefährdungen aus. Ich bin mein Freund. Und nicht mein Feind. so ist es mir gelungen..drei Jahrzehnte trocken zu bleiben. Meine private Meinung zum Thema.
2.
glen13 01.07.2014
Zitat von sysopMartin NejezchlebaDas Wirtshaus ist für manche Tschechen das zweite Wohnzimmer, doch zu häufig endet der Abend im Delirium: Alkoholismus ist ein ernstes Problem. Nun entwickeln Forscher eine virtuelle Kneipe. An deren Theke sollen Suchtkranke den Härtetest bestehen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/virtuelle-kneipe-in-tschechien-eine-theke-fuer-alkoholkranke-a-978275.html
"Schätzungen gehen davon aus, dass jeder achte Mann in Tschechien alkoholkrank ist oder gefährlich viel trinkt. " Das gleiche gilt für Deutschland. Aber hier tut sich nichts.
3.
firenafirena 01.07.2014
Zitat von detlef1958trocken also..war Mehrfachabhängig..von Alkohol, Tabletten und Drogen. Ich halte diese virtuelle Therapie für absolut unsinnig.....denn: 1. Habe ich in den ersten Jahren meiner Nüchternheit weitest gehend Kneipen und ähnliche Orte gemieden, was habe ich als schwerstkranker, vom Tode bedrohter Suchtkranker an einem Ort zu suchen, der mich fast umgebracht hätte....dort hin zu gehen, grenzt für mich als nüchterner, auch im Geist, Alkoholiker, an Sadismus. 2. Ich muss niemanden, weder mir, noch anderen..etwas beweisen. Beweisen, das ich trocken bleiben kann, selbst in angesichts des vorhandenen Alkohols....und den anderen trinkenden Gästen. Ich weiß warum ich trocken lebe, habe das Elend mitgemacht. Die Menschen..die mich wirklich mögen und schätzen, werden nicht erwarten, dass ich mich einer solchen Gefährdung aussetze..im Gegenteil, sie werden mich davor zu schützen wissen, eher sorgenvoll warnen. 3. Bis heute lebe ich so. weitestgehend zufrieden. Ich höre auf meine innere Stimme. geht es mir nicht gut..setze ich mich keinen Gefährdungen aus. Ich bin mein Freund. Und nicht mein Feind. so ist es mir gelungen..drei Jahrzehnte trocken zu bleiben. Meine private Meinung zum Thema.
Das ist wirklich toll und auf diese Leistung können Sie zu Recht sehr stolz sein! Aber es ist sicher gut möglich, dass nicht jeder Lebensweg gleich ist und mit Ihrem Weg vergleichbar. Nur, weil so ein Training Ihnen vielleicht nicht geholfen hätte - vielleicht ist es für einen anderen genau das Richtige? Vielleicht gibt es Alkoholiker, die trocken werden möchten, sich aber aus ihrem bisherigem Umfeld nicht lösen können oder wollen und praktisch "gezwungen" sind, bestimmte Orte aufzusuchen, an denen (früher) getrunken wurde. Dann steht man plötzlich da und weiß nicht, wie man sich in der Situation behaupten soll. Hat man dieses Szenario jedoch schon einige Male durchgespielt (und sei es virtuell und nicht ganz realtitätsgetreu), so hat man vielleicht eine gute Chance, für sich die beste Reaktion zu üben und sich zu behaupten.
4.
seduro34 01.07.2014
Ich finde, nicht alles was mit einem Computer machbar ist, ist auch sinnvoll. Wenn der Patient von den animierten Figuren steht die ihm ein Bier anbieten wollen, wie wird er sich wohl vorkommen? Warum bucht die Klinik nicht einfach eine Kneipe 3 - 4 mal im Jahr für diesen Enthaltsamkeitstest? Das wäre viel realistischer und wahrscheinlich auch wirksamer.
5. Vorbeugen ist
Seltsam 02.07.2014
bekanntlich besser als Heilen. Wieso ist es noch erlaubt, mittels Werbung eine zellschädigende Lösung zum Trinken anzubieten, die in Prozenten einen giftigen Gefahrstoff enthält, der als Motorentreibstoff oder sicheres Oberflächen- Desinfektionsmittel eingesetzt wird und dazu noch süchtig macht?
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