Vogel-Angriffe in Australien "Suchen Sie Augenkontakt. Dann suchen Sie das Weite"

Die Paarungszeit der australischen Flötenvögel hat begonnen - und damit die Zeit der Attacken auf Radfahrer, Jogger und Passanten. Es gibt viele Verletzte. Wer sich schützen will, braucht Kabelbinder.

imago/ blickwinkel

Ein Interview von , Sydney


Zur Person
  • Jon Clark
    Jon Clark, "Mitte 40", hat 2013 die Website magpiealert.com gegründet. Wer von einem Flötenvogel (Cracticus tibicen) angegriffen wird, kann dort den genauen Standort und die Umstände des Vorfalls veröffentlichen. Clark ist Brite, er kam vor sechs Jahren nach Australien und arbeitet in Sydney als IT-Manager für eine große Supermarktkette.

SPIEGEL ONLINE: Herr Clark, haben Sie Angst vor Flötenvögeln?

Clark: Das wäre zu viel gesagt. Aber wenn ich im Frühling in Gegenden jogge, wo es Flötenvögel gibt, habe ich ein gesundes, nervöses Kribbeln im Bauch. Wissen Sie, Australien ist ein sehr schönes Land. Aber wir haben hier ein paar wirklich gefährliche Tiere. Jeder kennt Geschichten über Haie, Spinnen, Schlangen. Aber wir haben eben auch Vögel.

SPIEGEL ONLINE: Wann sind Sie zuletzt von einem Flötenvogel angegriffen worden?

Clark: Das war im vergangenen Frühjahr. Ich war gerade von einer Joggingrunde wiedergekommen und wollte in der Nähe meines Hauses ein paar Dehnübungen machen. Da kam der Vogel wie aus dem Nichts auf mich zugeflogen. Das sah bestimmt komisch aus.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie den Vogel losgeworden?

Clark: Ich habe einige Grundregeln befolgt. Erstens: Suchen Sie Augenkontakt, und dann suchen Sie das Weite, bis sie sich aus dem Territorium des Vogels zurückgezogen haben. Zweitens: Wenn das Tier Sie attackiert, schützen Sie unbedingt Ihre Augen. Drittens: Bewahren Sie Ruhe.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Website wurden allein in diesem Jahr schon 1070 Attacken gemeldet, dabei gaben 169 Menschen an, dass sie verletzt wurden.

Clark: Wir hatten einen warmen Winter, deshalb hat die Paarungszeit der Vögel in diesem Jahr schon Anfang August angefangen, das ist etwas früher als sonst. Die Männchen sind im Frühling voller Testosteron und wollen ihr Revier und ihren Nachwuchs verteidigen. Ende September wird es erfahrungsgemäß am schlimmsten, dann kann es bis zu 150 Attacken an einem Tag geben. Danach wird es ruhiger.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Gefährlichste an den Angriffen?

Clark: Von all den Attacken, die im vergangenen Jahr auf meiner Website gemeldet wurden, endeten rund 16 Prozent mit einer Verletzung. Das können kleinere Wunden an Hals oder Ohren sein. Schlimmer sind da Augenverletzungen. Flötenvögel reagieren besonders aggressiv auf Fahrradfahrer und Jogger, weil die sich schnell fortbewegen. Wenn ein Radfahrer attackiert wird und stürzt, kann das böse enden. Vergangenen Freitag zum Beispiel hat sich ein Fahrradfahrer in Adelaide mehrere Rippen gebrochen. Ich kann Kabelbinder-Helme sehr empfehlen.

SPIEGEL ONLINE: Kabelbinder-Helme?

Clark: Normale Fahrradhelme, an denen Kabelbinder befestigt werden. Das hat denselben Effekt wie Stacheln auf Gebäuden. Die Vögel kommen nicht mehr ran.

Viralhog

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen hat es für die Tiere, wenn ich eine Attacke auf Ihrer Website melde?

Clark: Erst einmal gar keine. Die Idee dahinter ist ja, dass die Menschen wissen, wo die Tiere nisten, und wo es aggressive Männchen gibt. Dann können sie diese Gegenden meiden. Flötenvögel sind geschützt, und die Angriffe sind ihr natürliches Verteidigungsverhalten. Wenn es aber ein extrem aggressives Exemplar ist, dann würden sich die lokalen Behörden einschalten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Gegenden, wo es besonders wahrscheinlich ist, auf Flötenvögel zu treffen?

Clark: Sie leben eigentlich überall. Besonders wahrscheinlich treffen Sie sie in der Nähe von Grünflächen, Bäumen und Parks. In Sydney haben wir davon reichlich. Wenn Sie auf einer Parkbank sitzen und diesen exotischen Klang hören, das ist immer etwas Besonderes.

SPIEGEL ONLINE: Wie klingt ein Flötenvogel?

Clark: Sehr melodisch, gar nicht abgehakt und schrecklich wie eine Krähe. Es ist ein wunderschöner Ruf. Bleiben Sie nur nicht zu lange stehen, um ihm zuzuhören. Besser, Sie gehen weiter.

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