Von Limerick nach München Ein Ire kocht über

Für ein Jahr wollte Shane McMahon in Deutschland bleiben, kulinarische Erfahrungen sammeln, Koch werden. Inzwischen lebt der 40-Jährige seit 19 Jahren hier, betreibt in München sein eigenes Restaurant und fühlt sich "absolut integriert". Ein "stolzer Ire" bleibt er dennoch.

Shane McMahon: "Man kann selbst steuern, ob man ein Ausländer bleibt oder nicht"
Anna McMaster

Shane McMahon: "Man kann selbst steuern, ob man ein Ausländer bleibt oder nicht"

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München - Schon als Kind turnte er durch die riesige Küche im Dinnerdate, dem Restaurant seiner Eltern im irischen County Clare nahe Limerick. Mit großen Augen betrachtete er die wuchtigen Töpfe, die geschliffenen Messer, die polierten Schüsseln, die Unmengen an Lebensmittel, die sich in den Kühlräumen stapelten. Shane McMahon wollte Koch werden wie sein Vater und seine Mutter. Er war noch keine zwölf Jahre alt, da durfte er endlich mit den Dingen, die er ehrfürchtig bestaunt hatte, herumhantieren. Gemüse schnippeln, in tiefen Töpfen rühren, von einem Löffel probieren.

Seine Eltern lehrten ihn das Kochen und Limerick wurde dem aufgeschlossenen Jungen schnell zu klein. Er wollte raus in die weite Welt, wissen, welche Gerichte andere Länder auftischen. Mit 21 Jahren flog er nach Deutschland, nur mit einem Rucksack als Gepäck. Ein Jahr wollte er bleiben, maximal. Danach sollte es weitergehen in die USA. Sein älterer Bruder Franky ist Küchenchef in einem Fischrestaurant in South Carolina.

Shane McMahon landete in Garmisch-Partenkirchen. Er konnte damals nur einen Satz auf Deutsch, den er von seiner österreichischen Mutter aufgeschnappt hatte: "Wo ist mein Schlüssel?" Und: "Oma" und "Opa", wie er und seine drei Geschwister die irischen Großeltern nennen.

Im "Rosengarten" bestellte er sich ein Seezungenfilet und ein Weißbier. Tony Holmes, der Wirt, wunderte sich über den jungen Iren, der sich neugierig über das Essen hermachte. Er stellte ihn ein, zeigte ihm, wie man einen Schweinsbraten kredenzt und Shane McMahon verliebte sich in die bayerische Küche.

Einmal quer durch die Republik

Schnell fühlte er sich aufgenommen in dem Land, in dem er nur kurz Station machen wollte. "Ich hatte immer im Hinterkopf, dass ich was von den Leuten will, nicht sie von mir", sagt der 40-Jährige heute.

"Der Tony" zog schließlich nach Sylt, Shane blieb im Süden. Er kellnerte in einem Lokal auf der Zugspitze, spülte Teller, schaute anderen Köchen über die Schulter, wie sie "ein gscheites Gulasch" zubereiteten. Dabei lernte er Deutsch - und durchs Fernsehen nach Feierabend. Einen Kurs absolvierte er nicht. "Die Küche hat sowieso ihre eigene Sprache", sagt Shane McMahon. Wer mit Leidenschaft arbeite, lerne den fremden Wortschatz von alleine.

Dann meldete sich "der Tony" und bot Shane einen Job an. Der Ire reiste quer durch die Republik bis an den nördlichsten Punkt Deutschlands: In List durfte er unter Tonys Aufsicht bei Gosch Hummer zerlegen und Scampis grillen. "Das Kochen liegt dir, du hast Feingefühl", urteilte der Küchenchef und vermittelte den wissbegierigen Ausländer schließlich nach München. Im Seehaus, einem angesehenen Restaurant mitten im Englischen Garten, sollte er die Nouvelle Cuisine kennenlernen.

Danach heuerte Shane für drei Jahre im Königshof am Stachus an, ein vom Guide Michelin mit einem Stern und vom Gault Millau mit 18 Punkten ausgezeichnetes Gourmetrestaurant. "Da habe ich erstmals wirklich gemerkt, was es heißt, Koch zu sein", sagt Shane. Zwölf, 14 Stunden schuftete er am Stück. Oft blieb er länger, um von Sternekoch Bobby Bräuer zu lernen. Kochen wurde mehr und mehr zu seiner Passion.

"Ich fühle mich absolut integriert"

Danach arbeitete Shane McMahon nur noch bei den renommiertesten Küchenchefs Deutschlands - so auch als "Chef de Partie" im legendären Tantris, einem mehrfach ausgezeichneten Sterne-Tempel in Schwabing. 2006 verwirklichte er mit "Shane's Kitchen" einen Traum, Gourmets können ihn nun als Show- und Eventkoch buchen. Ein Jahr später eröffnete er in München sein eigenes Kochatelier, im Herbst 2009 schließlich "Shane's Restaurant", das ehemalige Lokal von Holger Stromberg, Koch der Nationalmannschaft.

Stolz zeigt er heute sein stilvolles Lokal, die auf Hochglanz polierte Küche, die exorbitanten Kühlkammern - eine Umgebung, die ihn an seine Kindheit in Limerick erinnert.

Für die Münchner bleibt Shane McMahon auch nach 19 Jahren ein "Zugereister". Noch immer hat er keinen deutschen Pass, dafür eine waschechte Münchnerin zur Ehefrau. "Ich bin immer noch ein stolzer Ire", sagt er und schiebt nach: "Darf man das so sagen?"

In seine Heimat zurückzugehen, hat er nur vor, wenn er im Lotto gewinnt und sich ein "robustes Haus an der Küste" leisten könnte. "Und selbst dann würde ich Deutschland und die Küche vermissen." An der Isar fühlt er sich heimisch, zu bestimmten Anlässen trägt er wie selbstverständlich Tracht. Seine Freunde sind gebürtige Bayern und andere "Zugereiste" aus der ganzen Welt.

Fühlt er sich integriert? "Absolut!", ruft Shane McMahon. "Man kann selbst steuern, ob man ein Ausländer bleibt oder nicht, ob und inwieweit man sich anpasst." Die deutsche Disziplin ist ihm inzwischen ins Blut übergegangen. Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit duldet er heute nicht mehr. Alles andere schadet seinem Geschäft.

Den größten Unterschied zwischen beiden Mentalitäten sieht Shane McMahon im Umgang untereinander: "Die Deutschen gehen nicht sofort aufeinander zu. Wir Iren sind da anders. Wenn man bei uns in den Bus steigt und neben einem Fremden Platz nimmt, ist es ganz normal, dass man sich unterhält - über das Wetter, die Fahrt oder sonst was. In Deutschland denken die Leute sofort: 'Was will der jetzt von mir?'"

Seit seiner Ankunft in Deutschland hat Shane McMahon keine Sekunde lang einen Gedanken daran verschwendet, seinen ursprünglichen Plan, in die USA zu gehen, einzulösen. Warum nicht? "Es hat mir hier einfach getaugt!"



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
deb2006, 05.01.2011
1. .
Zitat von sysopFür ein Jahr wollte Shane McMahon in Deutschland bleiben, kulinarische Erfahrungen sammeln, Koch werden. Inzwischen lebt der 40-Jährige seit 19 Jahren hier, betreibt in München sein eigenes Restaurant und fühlt sich "absolut integriert". Ein "stolzer Ire" bleibt er dennoch. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,725333,00.html
Oha, sind SPON die Muslime ausgegangen? Nicht zu fassen: Ein integrierter Ire, der integreiert ist und gleichzeitig stolz darauf ist, Ire zu sein. Was es nicht alles gibt ...
Pforzheimer 05.01.2011
2. Kann es sein
Zitat von deb2006Oha, sind SPON die Muslime ausgegangen? Nicht zu fassen: Ein integrierter Ire, der integreiert ist und gleichzeitig stolz darauf ist, Ire zu sein. Was es nicht alles gibt ...
das es, beim Thema: Muslime, zu unangenehmen und nicht gewollten Leserreaktionen kommt?
Königstiger87 05.01.2011
3. kt
Zitat von deb2006Oha, sind SPON die Muslime ausgegangen? Nicht zu fassen: Ein integrierter Ire, der integreiert ist und gleichzeitig stolz darauf ist, Ire zu sein. Was es nicht alles gibt ...
Köstlich. Ich lieg immer noch lachend auf dem Boden. Danke
frure 05.01.2011
4. reverse
darf ich daran erinnern, dass nicht alle auslaender muslime sind. darum finde ich es sehr possitiv von spol auch mal von den "anderen" zu berichten. als bayer der seit 17 jahren in irland lebt und sich sehr gut integriert hat weiss ich um die schwierigkeiten die shane gemeistert hat, von der anderen mentalitaet bis zum heimweg. wer die irische kueche kennt weiss diese leistung zu wuerdigen.
Bigsby, 05.01.2011
5. Multikulti
Donnerwetter noch mal ! Ein Europäer mitten in Europa! Zudem auch noch integriert! Wie haben Sie denn den gefunden? Ich bin sprachlos.
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