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Diskussion über Werte: Gott sieht alles. Oder nichts

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Die katholische Kirche lädt in Berlin zum Gespräch mit Ungläubigen - und lässt die Frage diskutieren, wie das eigentlich geht: Moral ohne Gott. Ein Philosoph und ein Soziologe machten den Auftakt. Eine gelungene Veranstaltung. Im Sinne des Vatikans.

"Vorhof der Völker": Moral mit und ohne Gott Fotos
DPA

Stellen Sie sich vor: Alles geht. Es gibt keine Schranken, keine Moral. Bleiben Sie also gerne sitzen, wenn gleich die Hochschwangere zusteigt oder der Greis, sollen die doch stehen, Sie waren früher da. Stellen Sie auch ruhig den Fuß auf den Zwanzig-Euro-Schein, der Ihrem Sitznachbarn gerade aus der Börse geflattert ist, so ein Trottel, selber schuld. Fragt Sie dann jemand nach dem Weg, schicken Sie ihn bedenkenlos in die falsche Richtung, einfach so, ist doch lustig. Und schauen Sie auf dem Heimweg unbedingt noch auf einen kleinen Seitensprung im Nachbarhaus vorbei.

"Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt", schrieb einst der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski in einem Brief, und schrieben nun die Veranstalter als Thema über diese Podiumsdiskussion im Roten Rathaus von Berlin. Und es ist kein Wunder, dass der Philosoph Herbert Schnädelbach diesen Satz gleich zu Beginn auseinandernahm, ist doch Schnädelbach spätestens seit seinem im Jahr 2000 in der "Zeit" veröffentlichten Aufsatz "Der Fluch des Christentums" einer der profilierteren Atheisten im Lande: Auch ohne Gott würden die Menschen doch Regeln des Zusammenlebens folgen, weil sie diese als vernünftig erkannt hätten, ganz ohne Androhung der Hölle und letzter Gründe - ganz pragmatisch.

Und tatsächlich, konnte man innerlich aus gerade gemachter Erfahrung bei der Anreise hinzufügen, gibt es dieses regelhafte Zusammenleben in gewisser Weise sogar in Berlin, obwohl man doch immer wieder anderes hört.

Humanisten kritisieren "seichten Missionierungsversuch"

Man konnte also - Gott oder der Vernunft sei Dank - zum Rathaus reisen, ohne überfahren oder ausgeraubt zu werden, und das, obwohl in der deutschen Hauptstadt heute mehr Bekenntnislose leben als solche, die einer Religionsgemeinschaft angehören. Auf beide hatte es die Veranstaltung abgesehen: Seit 2011 veranstaltet die katholische Kirche in lockerer Folge und auf der ganzen Welt Gesprächsrunden unter dem Titel "Vorhof der Völker". Diese Runden gehen auf eine Anregung des damaligen Papstes Benedikt XVI. zurück, der seine Kirche auf diese Weise für die Diskussion mit Ungläubigen und Agnostikern öffnen wollte.

Erstmals ist der "Vorhof der Völker" nun in Deutschland zu Gast, in Berlin widmet man sich noch bis Donnerstag "Freiheitserfahrungen mit und ohne Gott". Bei der Auftaktveranstaltung sollte nun also über Dostojewskis Satz über die allgemeine Zügellosigkeit ohne Gott gestritten werden, aber der Streit wollte sich nicht einstellen. Denn auch Schnädelbachs Gegenüber, der bekennende Katholik und renommierte Soziologe Hans Joas, wollte Dostojewski nicht gelten lassen: Dessen Aussage sei ebenso apodiktisch wie jene, die Religionen seien sowieso zum Aussterben verdammt. Selbstverständlich gebe es auch Moral und Werte ohne religiöse Begründung.

Die große Einigkeit zwischen dem Glaubensmann und dem Atheisten hemmte ein wenig eine muntere Auseinandersetzung. Die streckenweise enervierend oberlehrerhafte Diskussionsleitung durch den ehemaligen Präsidenten der Humboldt-Universität und evangelischen Theologen Christoph Markschies bremste die Auseinandersetzung noch zusätzlich.

Da gab es zwischendurch genug Zeit, sich ein wenig zu wundern über so viel Offenheit der römischen Kurie: Die alleinseligmachende Kirche redet auf Augenhöhe mit ihren Verleugnern, bittet sie gar zum Dialog? Das ist allerdings nur so lange seltsam, bis man sich die Bedeutung des Titels dieser Veranstaltungen klarmacht: Der "Vorhof der Völker" ist ein Tummelplatz mit klarer Hierarchie. Historisches Vorbild ist der jüdische Tempel von Jerusalem, dessen inneren Bezirk nur gläubige Juden betreten durften. Darum jedoch erstreckte sich besagter Vorhof, auf dem jeder wandeln und reden konnte, was und wie er wollte.

Ein gleichberechtigter Dialog geht einem natürlich leicht von der Hand, solange man sich dabei selbst per Definition und unangefochten im Zentrum der Wahrheit sitzen sieht - nur ist es eben dann keine Gleichberechtigung mehr. Und während Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit noch Seine Eminenz Gianfranco Kardinal Ravasi aus dem Vatikan, sowie die deutschen Erzbischöfe Robert Zollitsch und Rainer Maria Woelki durchs Rathaus führte, meldete sich bereits die Berliner Dependance des atheistischen Humanistischen Verbandes Deutschlands zu Wort und begrüßte zwar den Dialog an sich, nannte ihn aber gleichzeitig einen "seichten Missionierungsversuch" der Katholiken.

Schnädelbach, der "fromme Atheist"

Auf dem Podium ging es derweil sanft hin und her, Joas forderte eine Art Allianz der gläubigen und ungläubigen Universalisten gegen die gläubigen und ungläubigen Partikularisten: Jene, die für die Allgemeingültigkeit der Werte eintreten, sollen den Ton angeben, ob sie das religiös oder rational begründen, ist demnach zweitrangig.

Überhaupt konnte man den Eindruck bekommen, dem Vatikan sei ein gepflegter Atheist lieber als einer, der sich seine Weltanschauung beliebig im Supermarkt der Religionen zusammensucht: Der Atheist weiß wenigstens genau, was er verleugnet.

Einigermaßen mühsam wurde dann doch noch eine Differenz zwischen Joas und Schnädelbach herausgearbeitet: Sie waren uneinig, ob es angezeigt sei, dort, wo rationale Argumente nicht weiterführen, auch die persönliche Geschichte als Narrativ in die Diskussion einzubringen. Wenn schon nicht eine Haltung selbst universal begründbar sei, könne man doch den Weg zu dieser Haltung begreifbar machen, meinte Joas. Schnädelbach war eher dagegen, aber von einem Streit der Gelehrten blieb das alles weit entfernt.

Schnädelbach, der sich selbst als "frommen Atheisten" bezeichnet, berichtete dann noch, dass er manchmal jemandem danken wolle oder sich beschweren - aber da sei niemand. Fast wirkte er ein wenig traurig dabei. Die zahlreichen Katholiken im Raum hätten ihn sicher gerne getröstet und in die Arme ihrer Kirche aufgenommen, was den Kardinal Ravasi dann wohl dazu veranlasst hätte, sich einmal mehr selbstzufrieden über das goldene Kreuz zu streichen, das vor seinem Bauch baumelte. Eine sehr gelungene Veranstaltung. Jedenfalls im Sinne des Vatikans.

"Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt"? Dass sich in der katholischen Priesterschaft manche auch mit Gott ziemlich vieles erlauben, darüber wurde leider überhaupt nicht gesprochen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 113 Beiträge
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1.
Peter Werner 27.11.2013
Warum sollte meine Moral von der Existenz eines mit bestimmten Eigenschaften ausgestatteten höheren Wesens abhängig sein? Ich kann hier hier keinen rechten Zusammenhang erkennen. Viele lieber halte ich mich da an Kant. Diese Moral basiert auf eigener Erkenntnis und nicht auf der Angst, irgendwelchen von einem angenommen höheren Wesen aufgestellten Vorgaben nicht zu entsprechen.
2.
muellerthomas 27.11.2013
Zitat von sysopDPADie katholische Kirche lädt in Berlin zum Gespräch mit Ungläubigen - und lässt die Frage diskutieren, wie das eigentlich geht: Moral ohne Gott. Ein Philosoph und ein Soziologe machten den Auftakt. Eine gelungene Veranstaltung. Im Sinne des Vatikan. "Vorhof der Völker": Kirche lässt Atheisten über Werte diskutieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/vorhof-der-voelker-kirche-laesst-atheisten-ueber-werte-diskutieren-a-935843.html)
Atheisten verleugnen doch nicht die Existenz der Kirche. Wie denn auch, dass diese existiert, lässt sich kaum bestreiten?
3. Warum war kein evolutionsbiologe dabei?
d-m-einezeitverschwendend 27.11.2013
[QUOTE=sysop;14323351Moral ohne Gott Klar, jede tierart hat eine gewisse ethik, moral; d.h. regeln fuer soziale interaktionen. Wie alles in der evolution stehen diese unter selektionsdruck und sind, bedingt durch umwelveraenderungen plastisch - auch bei H. sapiens; durch unser hochentwickeltes zentrales nervensystem sogar flexibler. U.a. ist religion die keule/verfuehrung, der solchen regeln nachdruck verleihen kann.
4. Thema verfehlt
angst+money 27.11.2013
Die Frage muss lauten: Mit welchem Recht kann sich jemand anmaßen, für andere zu entscheiden was Moral ist.
5.
fberzau 27.11.2013
Nur wo keine Liebe ist wird die Moral notwendig. Nur wo keine Moral ist Gesetze. Wo keine Gesetze sind herrscht Anarchie. Vielleicht wäre es gut die Kirche daran zu erinnern, welche Strategie ihr Gründer verfolgt hat. Tipp: Moral war es nicht.
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